Das BOOK OF VILE DARKNESS bei Monte Cook, dem Co-Designer der 3rd Edition von Dungeons & Dragons, in Auftrag zu geben, war ein mutiger Schritt, den die Wizards of the Coast unternommen haben. Warum mutig? Um das zu verstehen muß man die frühe Geschichte des Rollenspiels retrospektiv unter die Lupe nehmen. Zu Beginn der 80er Jahre begann TSR nach dem Erfolg von Dungeons & Dragons (D&D) mit der Überarbeitung ihres Konzepts. Das Ergebnis war das Rollenspiel Advanced Dungeons & Dragons (AD&D) in seiner ersten Ausgabe. War das Design noch holprig und die Monster Bildchen dilettantisch, war die Begeisterung unter Spielern und Spielmeistern anfangs sehr groß. Das neue, in allen Beziehungen komplexer und "realistischer" gewordene System begeisterte die meisten Fans, bewirkte jedoch durch die Ergänzung mit der Bezeichnung "Advanced", dass sich Neulinge nicht so recht an das System herantrauten und sich für Konkurrenz Systeme entschieden (Dies ist auch der wichtigste Grund, warum in der aktuellen Version das "A" wieder weggefallen ist!). So groß wie die Begeisterung unter den Spielern über das neue System war, so groß waren auch die Befürchtungen von einigen [man muß leider sagen - ausschließlich] christlichen (fanatischen) Organisationen, denn im Monster-Handbuch befanden sich nun erstmals Teufel und Dämonen als potentielle Gegner der Charaktere aufgeführt. War es schon vorher Blasphemie in Reinkultur, dass hier spielerisch mehrere Götter angebetet werden konnten, so war es nun möglich, sich unter dem Deckmäntelchen eines Gesellschaftsspiels Informationen über die Feinde Jesu Christi und aller rechtschaffenen Menschen zu erlangen, die, zudem noch relativ gut recherchiert, drohten, die armen Seelen der nichtsahnenden Kinder gradewegs in die Arme Luzifers zu treiben. Grundgütiger!! Leider hatte der sturmhafte Andrang dieses unwissenden Pöbels, der sich NIEMALS auch nur ansatzweise ERNSTHAFT mit Rollenspiel auseinandergesetzt hatte und sich auf aus dem Zusammenhang herausgerissene Kommentare der überrollten Designer und Zitate aus den Büchern stützte, TSR langsam zum nachgeben gezwungen. So entschied man aufgrund der befürchteten negativen Publicity in der einige Jahre später erschienenen zweiten Edition AD&D die Begriffe Teufel und Dämonen durch "Tanar-Ri" und "Baatezu" zu ersetzen. Der Protest ebbte ab, obwohl sich inhaltlich nichts aber auch gar nichts getan hatte. Trotzdem waren die Religionsvereinigungen glücklich, schließlich hatten sie die Weltübernahme der Satanisten grade noch so verhindern können und vor allem auf sich aufmerksam gemacht.
Warum also eine mutige Entscheidung der Wizards? Nun, weil sie als Nachfolger von TSR und Verleger von D&D (3rd Edition) sich entschieden haben, "symbiotisch" beide Namen zu benutzen und sich damit erneut demselben Pöbel auszusetzen, der wie ich vermute vor lauter religiösen Dogmen immer noch nichts dazu gelernt hat. Doch die Wizards sind nun schlauer als seinerzeit TSR. Vorsichtshalber wurde auf das Cover der (lösliche) Aufkleber "WARNING! Content is intended for mature audiences only!" geklebt um so ihrer Aufklärungspflicht gerecht zu werden. Inhaltlich geht das ausschließlich von Monte Cook verfasste Buch dann ganz schön zur Sache.
Ich möchte an dieser Stelle auf eine detaillierte Auflistung des Inhalts verzichten - das Buch ist mit seinen 192 Seiten aufgebaut wie alle D&D Bücher der Wizards. Nach der Einführung "The Nature of Evil - ca. 20 Seiten" (lesenswert) wird auf kleine Regeländerungen eingegangen, die bösen Wesen mehr Leben und Bedrohlichkeit einverleiben sollen. So werden die Regeln für Besessenheit, Menschenopfer oder Flüche auf knapp 20 Seiten erklärt und an Beispielen erläutert. Der Text ist an manchen Stellen schon etwas bizarr und die durchweg gute Illustration teils leicht morbide, aber interessant und mit etwas Abstand sogar humorvoll und informativ. Ich als Spielmeister habe viele nützliche Ideen daraus ziehen können. Die nächsten Kapitel umfassen obligatorisch neue (meines Erachtens nicht sonderlich geglückte) Prestige Classes, insbesondere Priester von Teufeln (äh, sorry, Baatezu's) und Tanar-Ri's. Schließlich folgen "böse", magische Gegenstände Artefakte bevor sehr umfassend auf die Herrscher des Abgrunds (Orkus, Demogorgon...) und die der Neun Höllen (Asmodeus, Mephistopheles...) eingegangen wird. Wem die dazu notdürftigen Informationen aus dem "MANUAL OF THE PLANES" Appetit auf mehr gemacht haben, der wird hier voll bedient und kann viel an Wissen aus den knapp 40 Seiten ziehen. Am Ende des Buches finden sich (ebenso obligatorisch) neue böse Monster diverser Challenge Ratings.
Fazit: Das BOOK OF VILE DARKNESS beleuchtet nur einen kleinen Aspekt eines rollenspielerisch interessanten Gebiets, ist dafür aber als erstes mir untergekommenes Regelwerk in seinem Bereich abschließend und bedarf eigentlich keiner weiteren Zusatzbücher. Die Warnung wegen des Alters ist ein Witz (versprochen! - von dem Buch bekommt KEIN Minderjähriger schlaflose Nächte oder läuft mit wehenden Fahnen zu Satan über), jedoch mit traurigem Hintergrund. Das Buch macht Spaß. Kaufen - lesen - genießen - und seiner Morbidität freien Lauf lassen!