2005 legte John Connolly, nachdem er "The Black Angel" abgeschlossen hatte, eine Schreibpause in seiner Serie um den Privatermittler Charlie Parker ein und schrieb in diesem Jahr stattdessen einen klassischen Fantasyroman, in dem er viele Elemente aus der europäischen Mythologie und traditionellen, meist deutschen Volksmärchen verwebt.
England in den ersten Jahren des zweiten Weltkriegs:
David hat seine Mutter verloren (sie starb an einer schweren Krankheit, vermutlich Krebs) und kann es nicht verwinden, dass sein Vater schon allzubald nach ihrem Tod erneut heiratet und es bald einen zweiten kleinen Jungen, Georgie, in der Familie gibt. Schon das ist eine Märchensitutation. In Märchen sind damit oft Mädchen konfrontiert, doch Connolly verdreht in seiner Geschichte wiederholt bewusst die Geschlechterrollen, um einen neuen Blick auf alte Stereotype zu schaffen.
Frustriert, eifersüchtig und missmutig verkriecht sich David in seine Bücher, bis eines Nachts ein deutscher Flieger ausgerechnet in einer dunklen, verborgenen Ecke ihres Gartens abstürzt, in die sich David bislang nicht hineinwagte. Die Neugier treibt den Jungen zu dem Wrack und damit durch die geheimnisvolle, verwachsene Mauerspalte.
Dort findet er sich in einer anderen Welt wieder, die aus fantastischen Dingen und Personen besteht, von denen er in den letzten Wochen gelesen hatte. Das erinnert zwar an die Welt von Narnia, aber Connollys Welt ist - ähnlich wie seine Kriminalromane - ungleich düsterer und vielschichtiger als die Schwarz/Weiß-Welt Aslans und der Eishexe. So kann David nicht immer einschätzen, ob die Wesen, die ihm begegnen, gut oder schlecht sind. Und die meisten davon sind auch irgendwo in der Mitte.
Die Geschichte mündet nun in die klassische "Fahrt" eines Helden, eine Methapher des Erwachsenwerdens, bei der David viele, oft sehr bedrohliche und lebensgefährliche Situationen meistern muss und dabei lernt, anderen zu vertrauen und eigenen Mut zu entwickeln. Auch lernt der Junge, dass man manchmal Opfer bringen und selbst Gewalt anwenden muss, um am Ende das eigentliche Böse zu vernichten (hier zeigt sich eine Parallele zu der Kriegslage der wirklichen Welt).
Zudem wird David mit seinen eigenen dunklen Seiten konfrontiert, zum einen als er einem edlen Ritter fast die Freundschaft kündigt, bloß weil ihm jemand einflüsterte, der Mann sei homosexuell und damit pervers; zum anderen als David schließlich erkennt, dass seine Hassgefühle gegenüber dem kleinen Bruder ziemlich schäbig und dumm waren und beinahe die ganze Familie zerstört hätten.
Ein großartiger Märchenroman, der in vielen das ist, was "Tintenherz" und seinen Nachfolgern leider fehlte - nämliche eine wirkliche Spielerei mit den Gestalten der Bücher und unseres kollektiven Bewusstseins und den Botschaften, die sich in den alten Geschichten verbergen.