1992, mit fünfzehn Jahren, lieh ich mir aus Neugier "Bone machine" in unserer Kreisstadt-Musikbibliothek aus. Ich kannte Tom bisher nur von der Kompilation "Asylum years", die Bekannte auf Platte besaßen und die ich mir auf Kassette überspielt hatte, weil ich die Melancholie der Lieder mochte - Pubertät und so. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, den Schock zu verwinden, in den mich das Hören von "Bone machine" stürzte - und mich dabei zu beobachten, wie er sich allmählich in faszinierte Bewunderung transformierte. Ich glaube heute rückblickend sagen zu können, dass "Bone machine" mehr zu meiner Erwachsenwerdung beigetragen hat, als das damals von mir natürlich genauso heftig bewunderte Schaffen von Henry Rollins, Kurt Cobain, Trent Reznor und Mike Patton zusammen. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, findet sich doch auf dem Album ein Lied über die Weigerung, erwachsen zu werden. Mit seiner fünfzehnten Scheibe hat Tom in der Zeit, in der "Alternative" der Mainstream war, dieser musikalischen Bewegung die Krone aufgesetzt. Alternativer als "Bone machine" sollte hier nichts mehr werden.
Toms erstes reines Studioalbum seit "Rain Dogs" 1985 ist für mich der Höhepunkt seines Gesamtwerks. "Bone machine" ist aus meiner persönlichen Sicht das beste, was er gemacht hat. Trotzdem ist nicht davon auszugehen, dass diese Platte jedem Fan seiner Musik gefallen wird. Denn sie ist gleichzeitig neben "Swordfishtrombones" und "The black rider" seine gebrochenste, musikalisch avantgardistischste, unzugänglichste Arbeit. "Bone machine" muss man erst mal verdauen. Und nicht jedem Magen wird das gelingen. Dieses Album ist ein Orgie. Und Orgien sind nun mal nicht jedermanns Sache.
Stilistisch knüpft er hier an seine Songs von "The black rider" an. Wieder ist seine Percussion-Gruppe, die "Boners", mit von der Partie und es scheppert, klopft, pocht und rüttelt im Bodensatz der Lieder herum, als ob ein schwer beladener Altmetall-LKW über eine Klippe in einen Abgrund stürzt und dort zerschellt. Seine Stimme ist verzerrter denn je und klingt an einigen Stellen nicht mehr wie ein menschliches Organ, sondern wie etwas Beängstigendes aus einer anderen Dimension. Trotzdem sind die "Bone machine"-Songs für mich besser als die Theater-Lieder von "The black rider". Das liegt zum einen daran, dass Tom hier den durchaus vorhandenen Balladen ihre ruhige Strahlkraft belässt und sie nicht über die Gebühr verfremdet. Da wird seine Stimme dann plötzlich sehr sanft und schnurrt, wie die eines von vielen Narben übersähten alten Katers. Und es liegt an der sagenhaften Gitarrenarbeit von Joe Gore und den Künsten von Larry Taylor am Kontrabass. Die beiden geben Toms Eskapaden ein mal brutal-schwingendes mal melancholisch summendes Grundgerüst, das nur als kongenial zu bezeichnen ist. Musikalisch ist "Bone machine" ein verquerer Hochgenuss, echte, ergreifende Kunst. Mit "Black Wings" schafft Tom dabei für mich den Höhepunkt seines Schaffens. Dürfte ich fortan nur noch eines seiner Lieder hören - dieser Gänsehaut erzeugende, düstere Song wäre aus über vierzig Jahren meine Wahl.
Inhaltlich bleibt noch der Hinweis darauf, dass Tom sich 1992 auf "Bone machine" dem Landleben zuwendet. Er ist zwei Jahre zuvor mit seiner Familie aus L.A. in die kalifornische Countryside gezogen. Der Stadtwanderer hat sich nach zwei Jahrzehnten satt gesehen. Die neuen Geschichten findet er auf dem Dorf, hinter den Hausfassaden der Farmen, in der weiten Ödnis der Landschaft. Diese Songs schmecken nach dem Wetter, nach der Erde. Grausig geht es auch hier draußen zu. Mord und Totschlag überall, das Böse lauert und der Prediger schreit und warnt. Tom nähert sich allmählich Formen des Gospel an - nur das in seiner Welt kein Gott mehr existiert. Oder man ihm lieber nicht begegnen möchte.
"Hell is boiling over and heaven is full, we're chained to the world and we all gotta pull." Danke, Tom, dass du uns hierher gezogen hast. Es ist hier böse, düster und gemein - und wir mögen das. Aber lass uns bitte an diesem Ort nicht allein zurück.
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Dies ist der fünfzehnte Teil meines Annäherungsversuches an den Waitsschen Kanon. Zum Vorgänger gelangen Sie hier: "
Night on Earth". Weiter geht es mit "
Alice".