Mit ihren Live-Veröffentlichungen haben Bon Jovi seit jeher ein unglückliches Händchen gehabt. Der legendäre 1995er-Mitschnitt "Live From London" hat es zwar auf DVD geschafft (im Gegensatz etwa zu dem intim-genialen MTV-Konzert "An Evening With Bon Jovi" von 1992, bei dem man weiter auf das alte, abgenudelte VHS-Band angewiesen ist), jedoch nur als lausige Kopie der alten VHS-Version mit entsprechender Bildqualität und ohne jedes Bonusmaterial, wobei knapp die Hälfte des bombastischen Konzertes weiterhin in der Schublade des Editors bzw. auf youtube ein unwürdiges Dasein fristen muss. Das Züricher Konzert von der 2000er "Crush Tour" liefert immerhin einen beinahe kompletten Konzertmitschnitt (es fehlen nur (!) vier Lieder), dafür ist das Konzert selbst bestenfalls solide, aber kein Highlight der Tour. Die drei weiteren Welttourneen in den Jahren 2001, 2003 und 2006 zeichnen sich durch komplettes Fehlen eines offiziellen Mitschnittes aus, dabei zeigt etwa das (natürlich auch stark gekürzte) VH1-Special "One Last Wild Night" vom Abschlusskonzert der 2001er Tournee im Giants Stadium, welches Potential hier ungenutzt blieb. Dabei wäre es so einfach, den Fan zufriedenzustellen, der im Wohnzimmer noch einmal das Konzertfeeling nacherleben möchte.
Und nun kommt also mit "Live At Madison Square Garden" endlich mal wieder ein vollwertiger Konzertfilm aus dem Hause Bon Jovi, gefilmt während der beiden Abschlusskonzerte der "Lost Highway"-Tour im Madison Square Garden in New York, die am 14. und 15. Juli 2008 stattfanden. Jawohl, was hier den Eindruck erweckt, ein einziges Konzert zu sein, ist aus zwei Abenden zusammengeschnitten, bei dem die Band zwar die gleichen Klamotten trug, aber teilweise unterschiedliche Stücke spielte (so wurde beispielsweise "Always" nur am ersten Abend gespielt, "Living In Sin" nur am zweiten).
Erfreulicherweise hat man mit der Songauswahl voll ins Schwarze getroffen und präsentiert einen abwechslungsreichen Mix aus unkaputtbaren Hits ("Livin' On A Prayer", "Wanted Dead Or Alive", "It's My Life" etc.) und Albumperlen, die leider viel zu selten gespielt werden ("Living In Sin" und das epische "Dry County" mit einem toll solierenden Richie Sambora). "Raise Your Hands", "Blood On Blood" und "In These Arms", obwohl seit Jahren regelmäßig im Programm, erleben ihre DVD-Premiere, zudem wird mit "Always" endlich wieder einer der größten Hits der Bandgeschichte in den Reigen der Klassiker aufgenommen, erst seit dieser Tour fand der Song wieder mit höherer Frequenz Eingang in die Setlisten. Bemerkenswert ist auch die intensive Darbietung des Cohen-Klassikers "Hallelujah" und Richie Sambora glänzt mit seiner mitreissenden Darbietung von "I'll Be There For You". Lieder vom grandiosen "These Days"-Album sucht man jedoch vergeblich - schade.
Man merkt der Band schon an, dass sie älter geworden ist. Bühnenaction ist auf ein Minimum reduziert, Jons Gesang wirkt deutlich bemühter als Mitte der 90er, die Zeiten, in denen er "Always" aus dem Ärmel schüttelt sind vorbei. Trotzdem macht er noch immer einen guten Job als Frontman der Band, die seinen Namen trägt, eben altersgemäß.
Im Schlussteil von "Living In Sin" hält er sich gleich ganz zurück. Doch die Band agiert spielfreudig, wenn ich auch ein wenig die Improvisationsfreude früherer Tage vermisse. Zum Beispiel kennt man "Keep The Faith" in weitschweifigen Versionen mit einem langen Mittelteil, hier wird der Song kompakt und auf den Punkt musiziert. Die neuen Stücke vom "Lost Highway"-Album fügen sich angenehm in den Kontext ein.
Mir persönlich gefällt es gut, die Band zur Abwechslung mal in einer Halle zu erleben statt im Stadion - und auch wenn das amerikanische Publikum etwas zurückhaltender ist, das Livefeeling ist da, man fühlt sich geradezu hineinversetzt in den Madison Square Garden. Und der ist heiliger Boden für Bon Jovi: Fast auf den Tag genau 25 Jahre zuvor spielten sie hier ihren ersten Live-Auftritt - im Vorprogramm von ZZ Top!
Knapp über zwei Stunden dauert der Konzertteil, und es kommt keine Langeweile auf. Dazu kommen drei sehr gute Bonus-Songs, die man nicht in den Hauptteil integriert hat (s.u.).
Die Umsetzung der DVD ist durchweg gelungen, sieht man von der etwas lieblosen Covergestaltung und irreführender Titelliste ab (die nämlich verschweigt, dass die letzten drei Titel nur im Bonusmaterial enthalten sind und "Bad Medicine" nur während der Credits zu hören ist, eine sinnlose Beschneidung). Bild und Ton sind rundum super (wobei ich hier keine Aussagen über die 5.1.-Spur machen kann). Dass hin und wieder das (ansonsten scharf gestochene) Bild etwas verpixelt daherkommt ist merkwürdig, tritt aber selten genug und auch nur bei einer bestimmten Kameraeinstellung auf, als dass es sich nicht zum Ärgernis auswachsen könnte, sei es nun ein Produktionsfehler oder - im Zweifel für den Angeklagten- ein Stilmittel.
Der harmonische und dankenswerterweise unhektische Schnitt trägt sein Übriges zum Wohlgefallen bei; ich begrüße sehr, Schlagzeuger Tico Torres mehr als gewohnt im Bild zu sehen, wobei man leider Keyboarder David Bryan streckenweise beim Schnitt vergessen zu haben scheint. Dass die beiden Begleitmusiker Lorenza Ponce (Violine) und Bobby Bandiera (Gitarre) nur selten gezeigt werden, stört mich hingegen gar nicht. (Man schaue und höre sich nur mal an, was Bandiera bei "In These Arms" ein Solo nennt).
Dass die Reihenfolge der Stücke im ersten Drittel nicht kongruent ist mit der tatsächlich live gespielten, hätte nicht sein müssen, ist aber irgendwie vertretbar, zumal es dramaturgisch sogar funktioniert. Die überraschende Weglassung des unverwüstlichen und tausendmal gehörten "You Give Love A Bad Name" (es findet sich immerhin im Bonusmaterial) ist eine echte Überraschung. Nur dass man statt dessen "Blaze Of Glory" an genau seine Stelle schneidet, und so den Eindruck erweckt, als sei dieses so früh im Konzert und zudem ohne Pause nach "Born To Be My Baby" gespielt worden, ist nicht viel weniger als ein Sakrileg und nicht entschuldbar.
Ein weiteres Debakel ist, dass "Bad Medicine" nur als Tonspur ohne Bild den Credits unterlegt wurde, wobei es auch noch mittendrin lieblos ausgeblendet wurd. Es hätte sich auf sinem angestammten Platz wunderbar als Schlusspunkt des Hauptsets vor den Zugaben gemacht (also zwischen "Who Says You Can't Go Home" und "Hallelujah"). Dass zwei weitere Lieder nur als Bonusvideos zu finden sind lässt sich allerdings erklären. "Runaway" wurde als Teil eines Medleys gespielt, und zwar zwischen "Captain Crash" und "I'll Sleep When I'm Dead", und da es beide nicht auf die DVD geschafft haben wäre es schier unmöglich gewesen, den Song zu integrieren. Als Bonusvideo lässt sich das über ein- und ausblenden regeln. Die Ausgliederung von "Bed Of Roses" macht Sinn, da Jon Bon Jovi schlecht während "eines" Konzerts zweimal von der Plattform im Publikum zurück zur Bühne laufen kann - genau das passiert eben auch bei "Blood On Blood". Beide Songs stammen aus unterschiedlichen Konzerten.
Sicher hätte man noch mehr Songs der beiden Konzerte als Zugabe mit auf die DVD packen können, bzw. den Hauptfilm aufmotzen können, viele gespielte Stücke kommen gar nicht zum Zug, aber das was vorhanden ist, kann sich sehen und hören lassen!
Trotz aller Makel: Der positive Gesamteindruck überwiegt, dabei wäre es ein leichtes gewesen, mir den 5. Stern auch noch abzuluchsen. Aber wie einer meiner Vorrezensenten meinte: Wir meckern hier auf hohem Niveau. Mit dieser DVD beweisen Bon Jovi eindrucksvoll, dass sie immernoch eine gewaltige Rockshow liefern können und nach wie vor eine fantastische Live-Band sind.