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33 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Stadt der Superlative, 15. Oktober 2006
Ein Schriftsteller, der als Vierzehnjähriger mit seinen Eltern von Bombay in die USA gezogen ist, kehrt nach über zwanzig Jahren in seine Heimatstadt zurück, um ein Buch über Bombay zu schreiben. Wenn er sich auch zunächst an die marode Infrastruktur und die allgegenwärtige Korruption im Alltag gewöhnen muss, so gelingt es ihm doch rasch, Kontakte zu den unterschiedlichsten Menschen aus allen für Bombay relevanten Milieus zu knüpfen.
Bombay ist eine Stadt der Gegensätze. Jener zwischen Arm und Reich scheint mittlerweile wesentlich weniger relevant als die Kluft zwischen Hindus und Muslimen, die sich in den 90er Jahren in einem regelrechten Bürgerkrieg entlud. Seither gibt es Verbrecher- und Mörderbanden beider Seiten, die billig Entführungen und Auftragsmorde durchführen. Politiker stützen sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auf diese Banden, deren Strippenzieher die eigentliche Macht in der Stadt haben, auch wenn sie in Dubai oder Pakistan leben. Opfer sind jeweils missliebige Politiker, Geschäftsleute, feindliche Bandenchefs, "Bollywood"-Bosse, Polizeiobere und so fort, und Suketu Mehta interviewt unerschrocken die Täter wie auch Angehörige der genannten Zielgruppen. Doch auch die Tänzerinnen in Bierbars, Familien, die in Slums leben und sich teilweise aus diesen herausgelöst haben und die Glitzerwelt Bollywoods werden dargestellt. Zu Mehtas Ansprechpartnern gehören zudem in der Stadt gestrandete Idealisten vom Lande und Angehörige der auf uns exotisch wirkenden Gemeinschaft der radikal-asketischen Jaina-Mönche.
Der abschließende Teil widmet sich den Unterschieden zwischen dem Bombay, das er als Kind verlassen hat, und dem heutigen Bombay, wie es sich Kindern präsentiert.
Suketu Mehta hat in seiner alten Heimat nicht mehr Fuß gefasst. Er kehrte mit seiner Familie in die USA zurück, doch sein packendes Buch vermittelt einen vielschichtigen Eindruck von Bombay. Bombay ist wohl die bedeutendste Metropole Indiens, eines wirtschaftlich aufstrebenden Landes mit der zweitgrößten Einwohnerzahl der Welt. In Bombay konzentrieren sich die Stärken und Schwächen des Subkontinents. Suketu Mehtas kraftvoll und dennoch einfühlsam verfasstes Buch stellt die Stadt in einmaliger Weise vor. Ein außergewöhnliches Leseerlebnis.
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Macht und Überleben einer asiatischen Metropole, 3. März 2009
Wer die Wucht, Vitalität und das Mörderische der asiatischen Metropolen darstellen will, kann nicht in der Urbanität der alten, westlichen Welt sozialisiert sein. Deren über Jahrhunderte gewachsenen städtischen Strukturen und Kulturen sind nicht das Format, von dem aus eine Beurteilung der Komplexität und Dynamik der asiatischen Megastädte zu entziffern wäre. Notgedrungen kommen Urteile zustande, denen es entweder grundsätzlich an Verständnis oder einer positiven Perspektive fehlt.
Der 1963 in Kalkutta geborene, in Bombay aufgewachsene und dann nach New York City ausgewanderte Inder Suketu Mehta kennt sowohl eine Megastadt der westlichen wie der östlichen Hemisphäre und hat das Objektiv vor Augen, welches es ermöglicht, die unterschiedlichen Bilder für den Sensor der jeweils anderen Seite zu übersetzen. Mit seinem zuerst im Jahre 2005 erschienen Buch Bombay. Lost and Found, zu Deutsch Bombay. Maximum City ist ihm dieses in exzellenter Weise gelungen. Es handelt sich dabei um eine nahezu 800 Seiten umfassende Reportage mit den drei treffend überschriebenen Hauptkapiteln Macht, Vergnügen und Passagen" und beschreibt seine journalistisch-investigative Arbeit in seiner ehemaligen Heimatstadt Bombay, wohin er für zweieinhalb Jahre mit Frau und Kindern zurückkehrte, um dieses Buch zu schreiben.
Was Mehta in einer sehr präzisen und verständlichen Sprache beschreibt, sind die Lebensumstände, den Kampf ums Überleben, die Motive, die Dynamik, die Machtstrukturen und die unauflöslichen Widersprüche eines Gemeinwesens, das unaufhaltsam wächst und sich bis zum Jahr 2015 von derzeit 16 auf dann 23 Millionen Menschen vergrößert haben wird. Im Wesentlichen fällt auf, dass alle aus dem gesetzten Westen heraus betrachteten unerträglichen Missstände nicht die Triebfeder des Wachsens zu beeinträchtigen in der Lage sind. Die Menschen, die es nach Bombay zieht, haben den Kampf angenommen, der ein vermeintlich besseres Leben fordert und sie gehen nicht davon aus, dass sie diesen verlieren. Der kollektive Überlebenswille der millionenfach ausgeprägten, nicht durch etablierte Bürokratien normierten Individuen hält eine Stadt wie Bombay am Leben und garantiert eine Zukunft. Nicht das Geregelte, Etablierte und Eingespielte, sondern das Unbekannte, alle Möglichkeiten Öffnende, Anarchische und Extreme bildet die Grundlage für die komplexe Energie, die sich in dieser Stadt neue Bahnen sucht.
Hindus und Muslime, Schamanen und Ganoven, Starlets und Prinzessinnen, Diamantenhändler und Huren, Philosophen und Glücksritter, barfüßige Informatiker und Bentley fahrende Snobs, artistische Klempner und naive Maler, alles was in der einzigartigen Reportage auftaucht, ist nicht das Skurrile, welches als Ansammlung inszenierter Farbtupfer arrangiert wurde, sondern das Normale, welches sich aus der nicht vermuteten Individualität generiert, die als Voraussetzung für das Überleben und Wachsen zu sehen ist. Aus der Perspektive von Städten wie Hamburg Münschen oder Berlin, die allesamt als idyllische Luftkurorte im Vergleich zu einem Mammut wie Bombay erscheinen, schafft sich die Erkenntnis Bahn, dass im Jahre Darwins auch in Betracht gezogen werden muss, dass Biologismen eine entscheidende Rolle spielen. Die Jungen nach Bombay gekommen, um dort ihr Spiel zu machen und etwas vom Kuchen abzubekommen. Das macht sie so stark, koste es, was es wolle. Und es hält sie zusammen, es ist ihr Gesellschaftsvertrag!
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11 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Das unverzichtbare Indien-Buch, 5. Dezember 2007
Die Erinnerung an den eigenen Besuch in Bombay vor einem Dutzend Jahren ist längst zersplittert. Ganz anders als diejenige an Neu-Delhi, Kalkutta und Madras, wo beeindruckende Mogulbauten und britisch-koloniale Fassaden, krasses Elend und erstaunlich rege Kultur, bunte Hindu-Tempel und lärmendes Marktgewimmel als jeweils hilfreiche Koordinaten für ein Mindestmass an Übersichtlichkeit im Gedächtnis haften blieben. Doch im Tosen Bombays zwischen glitzerndem Ozean und riesigen Slums, protzigen Villen und ätzendem Industriesmog, überfüllten Kinosälen, endlosen Verkehrsstaus und stinkendem Unrat zerflossen die sich unentwegt überlagernden und gegenseitig auslöschenden Eindrücke schon während des Aufenthalts zu einem atemberaubenden Kaleidoskop ebenso gegensätzlicher wie unentwirrbarer Eindrücke. Dass Bombay der westlichen Zivilisation näher scheint als andere Städte auf dem indischen Subkontinent beruhigte nur auf den ersten Blick, und nirgendwo anders war Indiens Menschenfülle so heftig zu erfahren. Das dürfte sich mittlerweile noch gesteigert haben.
Der Reiseführer von 1993 schrieb Bombay, der Hauptstadt des Staats Maharashstra und Indiens grösstem Ballungsraum, noch zehn Millionen Einwohner zu. Auf 16 Millionen Einwohner schätzt man heute die Stadt, die inzwischen nur noch mit ihrem gujaratischen und marathischen Namen Mumbai genannt werden soll. Es ist Unsinn, zu behaupten, Mumbai sei der ursprüngliche Name der Stadt, wettert Suketu Mehta in seinem ausserordentlichen Buch, mit dessen Titel er schon auf dem althergebrachten Namen der Stadt beharrt. Bombay wurde von den Portugiesen und den Briten aus einer Ansammlung von Malaria-Inseln geschaffen, und ihnen stehen auch die Rechte des Namensgebers zu. Doch Namensänderungen sind in Indien heute gang und gäbe, und Bombay ist, so Mehta, von einer wahren Umbenennungsmanie erfasst. Der Strassenausschuss der Stadtverwaltung verbringt mehr als 90 Prozent seiner Sitzungstätigkeit mit Umbenennungsaktionen, wobei für die Berücksichtigung gewünschter Namen reichlich Spenden fliessen. Es ist eine absurde Art, das Angedenken der Vorfahren durch Bestechungsgelder zu ehren, kritisiert Mehta.
An derart skurrilen Beispielen aus dem Labyritnth der indischen Bürokratie und Politik, die so manchen Hintergrund der absurden Wirklichkeit Bombays beleuchten, mangelt es in diesem Buch nicht. Da erfährt man vom Mietgesetz von 1947, das die Mieten auf dem Stand von 1940 einfror und die Rechte der Mieter zu Lasten der Eigentümer übermässig stärkte, um die alteingesessenen Bürger vor den zahlungskräftigen Zuzüglern der Kriegsjahre, vor Inflation und Grundstücksspekulation zu schützen. Doch nachdem das Gesetz in Kraft getreten war, erwies es sich als politisch unmöglich, es wieder aufzuheben, denn es wird immer mehr Mieter als Eigentümer geben, berichtet Mehta und erklärt damit den ruinösen Verfall so vieler Gebäude und Stadtviertel der indischen Metropole. Oder man liest von der Begegnung mit dem einflussreichen Politiker Bal Keshav Thackeray, der mit seiner hinduistisch-nationalistischen Shiv Sena-Partei und den Banden ihm ergebener Jugendlicher die multikulturelle Balance Bombays unterminierte und als Drahtzieher der antiislamischen Ausschreitungen der 90er Jahre gilt. Mehta zeigt den einstigen Karikaturisten und bekennenden Hitler-Verehrer als weltfremden Sonderling, der nur gebrochen Englisch spricht, so gut wie keine geographischen Kenntnisse hat, den Valentinstag abzuschaffen droht und die grosse Politik mit Kinderversen kommentiert, und recherchiert sorgfältig, wie engstirnige Ideologie, täglicher Überlebenskampf, terroristische Gewalt und blosse Kriminalität sich in diesem Dunstkreis durchdringen. Als Mehta in New York die Rauchwolke über dem World Trade Center sieht, weiss er, dass auch dieses Ereignis nicht losgelöst von den Konflikten, denen er in Bombay nachspürte, zu verstehen ist.
Im Mittelpunkt seiner von kundigen Informationen und authentischen Eindrücken geradezu überquellenden Erkundung einer der fünf grössten Städte der Welt bald werden in Bombay mehr Menschen leben als in ganz Australien stehen die intensive Begegnung mit Menschen aus allen Schichten. Hier zeigt sich auch der entscheidende Unterschied zu den noch so klugen Reisebüchern eines Scholl-Latour oder Kapuscinski. Denn Suketu Mehta, der 1963 in Kalkutta geboren wurde und seine Jugend in Bombay verbrachte, zog nach Jahren in New York, Paris und London mit seiner Familie nach Bombay, um hier wieder Wurzeln zu schlagen. Zwar zog es ihn später wieder zurück nach New York, doch er schreibt nicht als fremder Besucher über Bombay, sondern als Eingeborener über die Reise ins Innere eines urbanen Molochs, in dem er selbst zuhause war und der ihm zugleich in seinen bizarren Auswüchsen fremd geworden ist. In seiner brillanten Verbindung von Reportage, Essay und persönlichster Erinnerung überlässt er sich nicht nur selbst mit klarem Verstand und präzisem Blick dem Sog dieser Stadt, die ähnlich wie Manila, Lagos oder Mexiko-City als Menetekel der alptraumhaften Grossstadt der Zukunft erscheint, sondern versteht auch, seine Leser an dieser Erfahrung ungewöhnlich intensiv teilhaben zu lassen.
Laut UN sollen bis 2030 sogar 60 Prozent der Weltbevölkerung in solchen ausufernden Megalopolen leben. Entsprechend beängstigend und zugleich doch auch faszinierend ist das Eintauchen in diese Welt, das dieses Buch ermöglicht. Hingerissen ist man vom wilden Reigen der so ganz verschiedenen Menschen, die Mehta seinen Lesern nahe bringt. Man lernt Slumbewohner ebenso kennen wie Milliardäre, Prostituierte wie Filmmogule, Berufskiller wie Strassenjungen. Man hört mit, wenn die Bartänzerin Mona Lisa ihre heimlichen Sehnsüchte beichtet, und man ist dabei, wenn der unbestechliche Kommissar Ajay Lal aus Verdächtigen Geständnisse prügeln lässt. Mehtas Verwirrung über Gut und Böse in dieser höllischen Wirklichkeit überträgt sich unmittelbar.
Bezeichnend ist auch die Geschichte des jungen Eishaan, der sich in der manischen Hoffnung, ein Filmstar zu werden, in Bombay durchhungert, während seine Familie, die er verlassen hat, im arabischen Dubai einen einträglichenTextilhandel betreibt. Der vage Traum vom Starruhm ist ihm wichtiger als der konkrete Reichtum, den er verlassen hat. Doch als man für den 8. Mai 1999 den Weltuntergang prophezeit und sein Vater ins heimatliche Jaipur zurückkehrt, flieht Eishaan wie so viele andere aus Bombay, um mit der Familie die Apokalypse zu erwarten, und verpasst so seine grosse Filmrolle. Ich dachte wirklich, er macht Witze, kommentiert der Filmjournalist Ali Peter John, der Mehta durchs Labyrinth von Bollywood schleust. Eishaan weiss nicht, was er tun soll; er sitzt fest zwischen Orthodoxie und Modernität. Das ist sein Problem.
Auch in ihrer Lächerlichkeit treffen solche Geschichten die Identitätsprobleme in jener Wirklichkeit, die nicht mehr mit den einst gängigen, allzu vereinfachenden Vorstellungen der sogenannten Dritten Welt zu fassen ist. Tröstliche Aspekte vermittelt Mehta in seinem furiosen Buch aber auch. Nicht nur in beeindruckend grossen Gesten, wie der Entscheidung einer reichen Diamantenhändler-Familie, alles Hab und Gut hinter sich zu lassen, die Familienbande zu kappen und fortan als Bettelmönche zu leben, sondern auch in so manchen Beispielen stillen Heldentums und alltäglicher Solidarität. Da leuchtet dann doch noch etwas von jenem menschlichen, gewaltlosen und friedfertigen Indien auf, das der Leser schon gänzlich versunken wähnte.
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