Es wird gesagt, dass kein Komponist ein so feines Gehör hatte wie Maurice Ravel. Eben deswegen wurde er zum Meister der Instrumentation und deswegen benötigen auch seine Hörer ein feines Organ. Insbesondere für die vorliegende Aufnahme, denn so fein und zart - aber auch streng - hat man Ravel wohl noch nie zuvor gehört! Nicht zufällig ist Pierre Boulez, wahrlich ein Ravel-Kenner, mit den Berliner Philharmonikern in die Berliner Jesus-Christus Kirche umgezogen, wo offensichtlich eine ganz besonders subtile Akustik verfügbar ist. Ein volltönend satter Orchesterklang ist aufgrund des Nachhalls von vornherein ausgeschlossen. Die Rahmenbedingungen erzwingen somit eine kammermusikalisch aufgefächerte Interpretation, eine Herausforderung, die von den Musikern dankbar angenommen wird. In den vielen solistischen Passagen der Werke können sie ihre Brillanz unter Beweis stellen. Dazu hat Boulez, wie man es ja von ihm fast schon erwartet, versteckte polyphone Strukturen in der Musik aufgedeckt, und dies noch weit mehr als in seinen gefeierten Aufnahmen aus den siebziger Jahren.
Gleich dem ersten Werk auf der CD, der Musik zum Märchenballett Ma Mère l'Oye kommt dieser Ansatz sehr zugute, klingt diese Musik andernorts doch oft etwas süßlich und naiv-kindlich. Boulez nimmt die heiter-verspielten Teile mit behutsamen Tempi etwas zurück zugunsten der nachdenklichen Aspekte, wie in der Pavane über die schlafende Schöne oder in der Szene vom kleinen Däumling, der sich im Wald verlaufen hat. Dessen unschuldige Traurigkeit ist die eines Kindes, und sie stellt eine Grundstimmung in Ravels Werken dar. In der Melancholie der Musik spiegelt sich letztlich die rätselhafte Einsamkeit des Komponisten.
Une Barque sur l'Ocean - eine Bearbeitung des gleichnamigen Klavierstücks aus dem Zyklus Miroirs - ist ein Meisterstück der Instrumentation. Man spürt förmlich unter den Füßen die Dünung des Meeres, die das Boot in gefährliche Schwingungen versetzt, hört das beunruhigende Wehen der Sturmwinde und selbst noch am Ende, wo sich die Elemente wieder beruhigt haben, lastet immer noch eine leichte Verängstigung auf dem Hörer. Diese (dramaturgische) Schwäche mag der Grund dafür sein, dass das Stück bis heute nicht allzu populär geworden ist.
Ganz im Unterschied zur Alborada del Gracioso - auch sie eine Bearbeitung aus dem Klavierzyklus Miroirs - , die zum iberischen Teil der CD überleitet. Eben dieses Stück hat den Rezensenten vor 36 Jahren das erste Mal zu Ravel verführt. Es ist ein kurzes, aber hinreißend lebendiges Psychogramm eines mittelalterlichen Hofnarren, der zu Tagesanbruch von bizarr wechselnden Launen überfallen wird. Die schroffen Übergänge von tänzerischer Beschwingtheit zu eruptiver Leidenschaft, das Absinken in dumpfen Liebeskummer, der unvermittelte Schmerzensausbruch in der Mitte und die Rückkehr zur überbordenden Lebenslust des Anfangs, könnten nach dem Zeugnis von Zeitgenossen durchaus autobiografische Züge tragen.
Die Rapsodie espagnole, Ravels erstes bedeutendes Orchesterwerk, klingt nicht nur im einleitenden Präludium sondern über weite Strecken wie ein in sich gekehrtes Nachtstück an der Grenze des Hörbaren. Die berühmte Habanera ist gleichsam eine Geistererscheinung. Fast scheint sie stehenzubleiben, so sehr lauscht die Musik selbstgenügsam in sich selber hinein. Umso mehr überraschen den Hörer die kräftigen Klänge der abschließenden Feria, in denen gegen Ende ein beunruhigend chaotischer Unterton mitschwingt (wie später dann in La Valse).
Den Bolero hat Ravel selbst einmal als sein einziges Meisterwerk bezeichnet, das aber mit Musik leider nichts zu tun" habe! Von daher ist er wohl das am meisten verkannte Musikstück überhaupt. Es gibt gewichtige Gründe für die Vermutung, dass das legendäre 16-taktige Thema von Ravel notiert wurde, als er der Zusammenkunft einer Sufi-Bruderschaft beiwohnte, wo zu dieser Musik heilige Tänze aufgeführt wurden. Jeder unbefangene Zuhörer spürt (besonders in den ersten noch relativ intimen Variationen der Holzbläser), dass dieses kreisende Thema seine jenseitige Schönheit von einer sehr hohen Quelle nimmt, und dass es folglich überhaupt gar nicht möglich ist, es variierend abzuwandeln! Vielleicht hat sich Ravel gegenüber der Bruderschaft dazu verpflichten müssen, seine Quelle geheim zu halten. Weder der englische, noch der französische, noch der deutsche, und auch nicht der italienische Begleittext gehen auf diesen Hintergrund ein. Ob nun Boulez davon wusste oder nicht, er lässt den Bolero mit eben der keuschen Reinheit spielen, die dieser sakralen Musik zusteht, als eine sich immer mehr verfestigende geistige Spirale, die am Ende mit dem Eintritt des fremden E-Dur dramatisch zerbricht. Und dieses Ende, nicht der Anfang, ist das eigentliche Geheimnis des Bolero.