Neue Zürcher Zeitung
Manfred Boschs Band «Bohème am Bodensee»
«Ich steige, wenn ich, von Norden kommend, in Ulm den Zug wechsle, in ein früheres Jahrhundert um, ich vollziehe eine langsamere Zeit, eine köstliche Rückständigkeit umfängt mich»: So erlebte der Reiseschriftsteller und Kulturkritiker Gerhard Nebel die Annäherung an die Bodenseelandschaft. Für zahlreiche Dichter, Publizisten und Künstler wurde der Raum um den See in der ersten Hälfte des Jahrhunderts zum Zufluchtsort, in den sie sich für kürzere oder längere Zeit zurückzogen. Hermann Hesse, Ernst und Friedrich Georg Jünger, Martin Andersen Nexö, Carl Sternheim, Fritz Mauthner und Emil Strauss gehörten zum «kulturellen Wanderungsgewinn» der Region, den Manfred Bosch jetzt bilanziert hat.
In jahrelanger Arbeit hat Bosch das kulturelle Leben am See rekonstruiert: Biographische Essays gehen den Spuren bekannter Autoren nach, auch wenn sie wie Rudolf Borchardt auf der Hochzeitsreise nur kurz verweilten. Er leistet aber auch literaturgeschichtliche «Bergungsarbeiten», präsentiert Käuze und Originale, Mundartdichter und Verleger, wobei die Verhältnisse auf der Schweizer Seite des Sees ebenso Berücksichtigung finden. Die Künstlerkolonie in Urach, eine Art von Bodensee-«Monte Verità», und das Uttwiler Künstlerdorf, 1917 von Henry van der Velde «entdeckt», Ludwig Binswangers Sanatorium «Belle-Vue» in Kreuzlingen, aber auch die Landschulheime Salem und Glarisegg, wo Friedrich Glauser 3 Jahre blieb, werden hier zu Ortsnamen der Kulturgeschichte.
So weltentrückt, wie mancher sein Refugium am See haben wollte, blieb es nicht. Im Ersten Weltkrieg flohen deutsche Pazifisten auf die Schweizer Seite, René Schickele redigierte dort eine Zeitlang seine «Weissen Blätter». Und während der NS-Herrschaft führte der Fluchtweg zahlreicher Emigranten über den Bodensee. Nicht die Feier einer Regionalliteratur ist das Ziel dieses reich illustrierten, eichentürdicken Bandes im Format eines Messbuchs, sondern die Erkundung des kulturellen Netzwerks zwischen Peripherie und Metropolen.
Heribert Seifert
Kurzbeschreibung
Nehmen Sie sich vor der Bodenseefaulheit in acht und machen Sie sich rechtzeitig davon, warnten sie Morten, aber sie selbst vermochten sich von der Gegend nicht loszureißen, die sowohl durch ihr Klima als auch ihre Bewohner dazu aufforderte, fünf gerade sein zu lassen. Die einzige Form von Energie, die hier unten zu gedeihen schien, war die erotische.