Aus der Amazon.de-Redaktion
Beginnend mit dem nunmehrigen Klassiker
Mitternachtskinder, der zum "Booker of Bookers" gewählt wurde, gefolgt von
Scham und Schande,
Die satanischen Verse und dem triumphalen
Des Mauren letzter Seufzer, hat sich Salman Rushdie als einer der bezwingendsten Geschichtenerzähler der Gegenwartsliteratur etabliert. Alle Erzählungen von Rushdie durchläuft der Glaube, daß wir ohne die demokratische, respektlose und subversive Verspieltheit von Geschichten unseren Sinn für Menschlichkeit und Identität verlieren und in den Alptraum der Geschichte, die seine Romane so kraftvoll anklagen, versinken würden. Die Verfolgung dieses Glaubens hat natürlich eine bleibende Wirkung auf Rushdie selbst hinterlassen, angefangen mit der gewalttätigen Reaktion auf seine Anklage gegen die Politik Pakistans in
Scham und Schande bis hin zur Reaktion der islamischen Fundamentalisten auf
Die satanischen Verse, auf die Rushdies Reaktion letztlich die zutiefst bewegende Studie der religiösen und kulturellen Toleranz in
Des Mauren letzter Seufzer war. Mit
Der Boden unter ihren Füßen plündert Salman Rushdie einmal mehr die Gründungsmythen und -geschichten des Ostens und des Westens, aus denen er eine erstaunliche Parabel über die Tatsache kreiert, daß -- wie der Titel andeutet -- sogar der Boden unter unseren Füßen nicht so stabil ist, wie wir zuweilen glauben möchten.
Rushdie war schon immer von der Gegenwartskultur und insbesondere vom Kino fasziniert, was am glänzendsten in Scham und Schande und in seinen Sachbüchern heraufbeschworen wurde. In Der Boden unter ihren Füßen taucht Rushdie tief in die Welt des Rock'n Roll ein -- und zwar so erfolgreich, daß eines der Nebenprodukte des Romans die Verwendung von Rushdie-Texten durch die Rockband U2 war. Vina Apsara, eine amerikanische Proletin griechischer Herkunft, und Ormus Cama, der anglophile Sohn eines desillusionierten Rechtsanwaltes aus Bombay, lernen sich im Bombay der fünfziger Jahre kennen und schaffen damit eine der verwickeltsten, jedoch dauerhaftesten Rockpartnerschaften, die sich über die nächsten 40 Jahre erstrecken sollte. Mit Rushdies üblichem atemberaubenden Elan entfaltet sich die Geschichte ihrer Familien und ihrer Vergangenheit, während sich die von Umeed Merchant alias Rai geschilderte Erzählung aufbaut, seines Zeichens Fotograf und gelegentlicher Liebhaber Vinas. Er beschreibt die immer wieder aufgenommene Beziehung zwischen Vina und Ormus, während er von einem Unruheherd zum nächsten durch die Welt reist, wo er Aufruhre und Greueltaten fotografiert, bevor er das ultimativ letzte Bild von Vina schießt, die vom Erdbeben verschlungen wird. Dieses Bild eröffnet das Buch und kehrt im Verlauf des Romans immer wieder -- wie die Gitarrenriffs, die das Baby Ormus spielt, als es dem Mutterleib entsteigt.
Indem er die Mythen der klassischen Geschichte ausschlachtet, bietet der Roman eine Neufassung der Sage von Orpheus, des größten aller Musiker, und seiner verlorenen Gattin Eurydike. Übernommen aus dem alten Griechenland und auf Umwegen über Indien in die postmoderne Welt des Rock'n Roll geworfen, spinnt Rushdie daraus eine zauberhafte Erzählung über die Verschmelzung von Ost und West, im Lied wie Roman, während die Geschichte durch die Welt eilt. Von einer herrlich komischen Darstellung von London in den Swinging Sixties bis hin zum Sex, Drugs and Rock 'n' Roll im New York der Siebziger, wird Rushdies Geschichte, ehrgeiziger denn je zuvor, zusammengehalten durch das Liebesdreieck Vina, Ormus und Rai und dessen abschließende tragische Auflösung, während die Erde in einer letzten ironischen Wendung unter ihren Füßen bebt.
Mit Der Boden unter ihren Füßen befindet sich Rushdie auf der Höhe seiner Schaffenskraft, mit der er Liebe, Verlust, Emigration, Vertreibung und die seismischen Auswirkungen von kulturellen Unterschieden untersucht. Wie es eines der Lieder, die Rushdie in seine Geschichte spinnt, ausdrückt: "I know it's only rock 'n' roll, but I like it." --Jerry Brotton
"Musik, Liebe und Tod", so beschreibt Salman Rushdie das Thema seines Romans.
In den fünfziger Jahren begegnen sich in Bombay drei junge Menschen, die ein Leben lang nicht voneinander lassen können. Da ist zum einen der junge Ormus, bei dessen Geburt sein Zwillingsbruder tot zur Welt kommt und der aus Schmerz viele Jahre seiner Kindheit die Musik, die in ihm steckt, verschlossen hält.
Es bedarf der jungen, durchtriebenen, aber wunderschönen Vina, die mit ihrer bezaubernden Stimme seine Musik zum Klingen bringt und die Jahre später bei einem Erdbeben verschluckt werden soll. Die Liebesgeschichte der beiden, die den Orpheus-Mythos aufgreift, wird von Rai, dem Fotografen, erzählt, der sich nichts sehnlicher als die Liebe Vinas wünscht.
Und es ist nicht irgendein Tag, an dem Vina stirbt -- es ist der 14. Februar 1989. Zum einen der Tag der Liebenden, der Valentinstag, zum anderen der Tag, der für Rushdie ein symbolisches Datum ist. An diesem Tag wurde die Fatwa über ihn ausgesprochen.
Der Boden unter ihren Füßen sträubt sich dagegen, in eine kurze Rezension gepackt zu werden. Die Poesie, die dieses Buch enthält, Rushdies überbordende Phantasie, seine profunden Kenntnisse der indischen und antiken Mythologie, seine magische Erzählkraft, die bilderreiche Sprache und, nicht zu vergessen, die Musik, läßt sich kaum zwischen zwei Buchdeckeln auf weniger als siebenhundert (!) Seiten bannen. Ein Buch, das man sich einfach gönnen muß, denn es gibt derzeit keinen vergleichbaren Romancier. --Manuela Haselberger
Neue Zürcher Zeitung
Auf brüchigem Boden
Salman Rushdies Roman «Der Boden unter ihren Füssen»
Verwerfungen, Risse und jäh aufklaffende Leere bestimmen seit je die Topographie in Salman Rushdies Romanen. Da gibt es den Stein des Anstosses, der, tückisch unterm Gebetsteppich versteckt, einen Muslim nicht nur um die Andacht, sondern gleich um den Glauben bringt; die improvisierte Demarkation, die einen Haushalt entzweit, und die Grenzen, die willkürlich Länder und Menschen voneinander reissen. Die Protagonisten der «Satanischen Verse» treten im freien Fall ins Romangeschehen ein; und der titelgebende «Boden unter ihren Füssen» verschlingt den Popstar Vina Apsara, die Heldin des neuen Buches, gleich im ersten Kapitel.
Ein Erdbeben setzt somit den Leitton des Romans; und nicht nur die immer wieder auftretenden seismischen Erschütterungen lassen die Lebenswelt der Figuren brüchig werden. Reale Desaster und fiktive Tragödien skandieren die sechzig Jahre überspannende Handlung; Parallelwelten, Varianten des Erzählten, scheinen momentweise durch die Ritzen des Romanuniversums; westliche und östliche Mythen insbesondere die Geschichte Orpheus' und deren indische (In)version, bei der die Göttin Rati den Liebesgott Kama glücklich ins Leben zurückführt erschliessen eine traditionsreiche «Unterwelt»; deren literarische Dimension wiederum bis in die Gegenwart ausgeleuchtet wird, wenn man gewisse Motive bei Rushdie als Verweis auf Don DeLillos gleichnamigen grossen Roman lesen mag.
Auf brüchigem Grund ist Rushdies neues Werk aber leider auch in gestalterischer Hinsicht angesiedelt. Die Innenspannung des Handlungsbogens der Geschichte von Karriere und Zerfall einer Supergroup, eng verzahnt mit derjenigen einer mythisch überhöhten Liebe bekommt der Leser nachgerade physisch zu spüren, indem der erste, in Indien handelnde Teil die Zeitspanne von 1937 bis in die sechziger Jahre in gemächlichem Aufstieg bewältigt, während sich im zweiten die Ereignisse überschlagen: durchs London der Hippie-Zeit und die New Yorker Szene um Andy Warhols «Factory» führt der Zeitlauf an Punk und New Wave vorbei bis ins Vakuum der ausgenüchterten Neunziger, wo sich Publikum und Publicity mit gleicher Gier auf ihre «beschädigten Ikonen» mögen sie nun Vina Apsara oder Diana Spencer heissen stürzen.
Diese Asymmetrie wirkt formal unbefriedigend, auch wenn Rushdie im Begriff der Desorientierung (verbatim: Verlust des Ostens) zumindest eine Art etymologischer Rechtfertigung für die stark divergierenden Erzähltempi des «östlichen» und des «westlichen» Teils liefert. Vor allem aber scheint die zentrale Parabel kaum tragfähig genug für die welt- und kulturgeschichtliche Fracht, die der Autor ihr durch mythische Assoziationen und die gelegentliche Annäherung der Haupthandlung an politische Kontexte zumutet; und sie bricht vollends ein, wo Sentiment und Klischee den Text aufweichen. Ormus Cama, der introvertierte Bandleader, und Vina Apsara, die vulkanische Sängerin, werden durch die Schilderung ihrer musikalischen Parforceleistungen und ihrer alle Fährnisse überdauernden Leidenschaft nicht profiliert, sondern lediglich plattgewalzt; ihre Liebe taugt das machen die in den Roman eingeschossenen (und von der Popgruppe U 2 bereits vertonten) Songtexte klar eher zu lyrics denn zur Dichtung.
Wenn Rushdie damit eine erzähltechnische Paraphrase von Yeats' berühmtem «Things fall apart; the centre cannot hold» liefert, mag man dahinter vielleicht auch eine List des mit allen Wassern gewaschenen Romanciers wittern: denn mit diesem Zitat liesse sich auch die zweite prominente Metapher des Romans, das Erdbeben, ins Bild setzen. Und es lohnt sich durchaus, den Blick der zerstiebenden Peripherie zuzuwenden; was dort an Ideen und Material vorhanden ist, hätte sich zu einem eigenen und überzeugenderen Text zusammenschliessen lassen.
Während nämlich die Bezüge zur antiken Mythologie dem Leser unnötig insistent aufs Auge gedrückt werden, gelingt Rushdie mit gegenwartsnahen Elementen ein virtuoses, literarisch überzeugendes und inhaltlich aussagekräftiges Spiel. Die schattenhafte Parallelwelt, die sich den Figuren hie und da offenbart, rückt der Wirklichkeit unbequem nahe, wenn plötzlich nicht nur für einzelne Episoden innerhalb des Romangeschehens alternative Lesarten angeboten werden, sondern die Weltgeschichte selbst zur Kippfigur wird:
. . . aber die Widersprüche in der Realität sind so auffallend, so unübersehbar geworden, dass wir alle lernen, sie hinzunehmen. (. . .) Die Führer ganzer Länder verschwinden, als wären sie niemals dagewesen, sie werden wunderbarerweise aus den Annalen gestrichen, und dann kehren sie plötzlich als Talkmaster oder Pizzabäcker zurück. (. . .) Völkermord geschieht; nein, ist gar nicht wahr. (. . .) Grenzen schlängeln sich über umstrittene Gebiete, biegen sich und zerbrechen . . . Ein See verschwindet.
Dieses trügerische Spiel zu fixieren ist wäre die Berufung Rais, des Photographen, der im Roman als Erzähler und als stets am losen Gängelband gehaltener Anbeter Vina Apsaras auftritt. Im Gegensatz zu dem zunehmend weltabgewandten Ormus sieht sich Rai mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihm heute Katastrophen und Kriegsopfer, morgen Supermodels vor die Linse führt und ihn dabei nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich an die Grenzen der Menschheit stösst. Denn Rai ist kein standfester Held im Angesicht der reinen Wahrheit; vielmehr erkennt er sich als einen, der bestenfalls ihren Schein einfangen und vermitteln dabei aber auch verfügbar und vermarktbar machen kann. Dieser zwischen Fakt und Artefakt irrende Grenzgänger ist der eigentliche Künstler und Held in Rushdies Roman; wir hätten ihm und uns gegönnt, wenn er auch der einzige gewesen wäre.
Angela Schader