Nachdem die Verkaufsergebnisse des 3. Albums "Meanwhile" hinter den Erwartungen zurückblieben, entschloss sich das Duo, zu seinen (kommerziell höchst erfolgreichen) elektronischen Wurzeln zurückzukehren.
Das 4. Album "Bodega Bohemia" ist ein Musterbeispiel perfekt arrangierten Elektropops, ein Album voll kompositorischer Brillianz bestehend aus neun exzellenten Songs von denen jeder eine tiefe, eindringliche Stimmung zu vermitteln vermag. Gleichzeitig ist es ein trauriges Beispiel der Zugrunderichtung eines tollen Albums samt seiner Komponisten durch das Verweigern einer angemessenen Promotion seitens der Plattenfirma. Gäbe es eine rechtliche Grundlage, hätten Camouflage alles Recht der Welt, das Label wegen Unterlassung zu verklagen.
Es findet sich kein Pausenfüller, die Songs formen sich zu einem künstlerisch beeindruckenden (jedoch nicht sofort fassbaren) Gesamtbild und bilden dennoch jeweils eine völlig eigene Facette dieser Welt der "Bodega Bohemia" ab. "Pedestrian adventures" bildet den vielversprechenden Einstieg in die Platte - ein Song von großem experimentellem Charme und guter instrumentaler Umsetzung. "Crime" und "Jealousy" sind zwei in der Umsetzung recht ähnliche Stücke, rau und schnell - schroff elegant könnte man sagen. "Time is over" entschärft die raue, rasante Stimmung der Vorgänger, es wirkt in seiner Instrumentierung und Melodie sanft und warm. Diese Stimmung geht in "Falling" in Kühle und...."Nebel" über, der Eindruck des Übergehens von Sonnenschein in Regen entsteht. Ein ganz ungewöhnlicher Song der seine Qualitäten wahrscheinlich erst bein 10. Hören offenbaren wird. "Suspicious love" führt wieder aus dieser Stimmung heraus, gleichzeitig ist es der für die heutige, nur mit einem Ohr hinhörende Öffentlichkeit wohl am leichtesten zu fassende Song des Albums: gradlinig, schnell, über alle Maße brilliant umgesetzt und mit hervorragendem Stimmeneinsatz vorgetragen. "Bodage people" ist nun das genaue Gegenteil - kantig, mit verhaltenem Tempo, einigen Rockelementen und einem sehr dominanten Schlagzeugeinsatz. Die beiden letzten Stücke "Close" und "In your ivory tower" bilden wiederum das totale Gegenteil ab, es sind die sinnlichsten Stücke des gesamten Albums. Beide zeichnen sich durch ein gekonntes Zusammenspiel von Melancholie und Optimismus mit einer eingängigen Melodie und brillianter instrumentaler Umsetzung aus. "In your ivory tower" ist das erhabenste Stück des Albums, diese Erhabenheit wird durch das Stück hindurch aufgebaut und findet ihren Höhepunkt in einem wunderschönen, sinnlichen Abschluss. Die große Länge (8:41) ist hierbei von Vorteil.
Zugegeben: beim ersten Hineinhören wird keines der Stücke seine Qualität dem Zuhörer voll vermitteln können, dies wird erst beim 3. oder 4. Mal geschehen - dann jedoch umso intensiver.
"Bodega Bohemia" ist kein oberflächliches Hörvergnügen für den Sommer, sondern eher ein Album für den Regentag, zum großen Teil nicht sofort zugänglich und dennoch Dimensionen über dem stehend, was die Neunziger in künstlerischer Hinsicht zu bieten imstande waren.