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Auf einmal grölten alle Männer. Jeder verstand den Text, die Musik war eingängig ohne einfach zu sein und man konnte sogar danach tanzen. Schnell hatte auch ich die LP und war erstaunt. Musikalisch vielseitig: rockig, melodisch, melancholisch, rhythmisch versiert. Nicht, wie leider so häufig, ein Hit und der Rest langweilig und einfallslos.
Damals habe ich mich sicher nicht im Detail gefragt, warum das so gut ist, war ja auch egal, oder?
Vielleicht ist es übertrieben, Bochum als Meilenstein in der Musikgeschichte zu bezeichnen, aber Herbert Grönemeyer hat damit gezeigt, dass man gute Musik mit deutschen Texten machen kann. Songtexte sind etwas Besonderes: In drei Minuten eine kleine Geschichte zu erzählen oder eine Stimmung zu schildern, dazu gehört viel Sprachgefühl. Auch wenn wir alle mehr oder wenig gut Englisch verstehen, um einem guten Songtext wirklich auf den Grund zu kommen, alle Feinheiten zu erfassen, Ironie als solche zu verstehen, muß man schon sehr gut sein. Um so bedeutsamer ist es für einen Texter, dass er in seiner Muttersprache schreiben kann.
Lange Zeit hieß es, die deutsche Sprache eigne sich nicht für Popmusik. Oder etwas abgemildert: Englisch klingt einfach besser. Wahrscheinlich ist da etwas dran, aber Herbert Grönemeyer hat gezeigt, dass es auch auf Deutsch geht, dass es nicht holprig oder steif klingen muß. Vielleicht war es doch ein Meilenstein, denn heute sind deutsche Texte in allen Musiksparten selbstverständlich: vom Punk der Toten Hosen bis zum Rap mit Fettes Brot.
Wenn ich Bochum heute höre, habe ich nicht das Gefühl, eine alte Platte aufzulegen. Sie ist immer noch modern, faszinierend, anrührend, ehrlich. Auch nach 18 Jahren kann ich noch über die Wortspiele schmunzeln. Und meine 9-jährige Tochter kennt die Texte auch schon auswendig.
Seine eigenwillige, manchmal abgehackte, wie zwischen den Zähnen hindurchgepresste Art zu singen und einprägsame, niemals aber triviale Melodien machen die eine Seite des Erfolgs dieser CD aus, die tiefsinnigen Texte die andere. Sie spielen auf Bochum erstmals eine völlig eigenständige Rolle. Keine dümmlichen Floskeln, sondern - wie ein bekannter deutscher Literaturkritiker sagen würde - "grrroße deutsche Lyrrrik". Endlich hat sich da einer getraut, gegen den Strom zu schwimmen, in Zeiten dumpfer Partymusik oder pubertärer Lovesongs. Dass Grönemeyer dabei vor Selbstironie nicht zurückschreckt, macht ihn nur noch sympathischer: "Männer haben Muskeln / Männer sind furchtbar stark / Männer können alles / Männer kriegen 'n Herzinfarkt". Wie lange wird es wohl noch dauern, bis Grönemeyer-Texte im Deutsch-Unterricht auftauchen?
Grönemeyer verarbeitet mit Hilfe der Musik Themen, die ihm wichtig sind, die uns allen wichtig sind, sei es seine Trauer, sei es nur die Suche nach Parkplätzen! Daher trifft uns seine Musik stets da, wo wir am verletzlichsten sind, nämlich auf der Suche nach uns. Das macht sie so erfolgreich.
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