1984, ich war noch jung, es gab noch keine CD's -oder zumindest konnte ich mir keinen Player leisten. Und die Postleitzahlen waren noch vierstellig. Damals hörten wir viel Musik: zu Hause, im Auto, auf Parties. Fast alles, was wir hörten, hatte englische Texte und auch die Interpreten kamen aus England oder den USA. Gute deutsche Rockmusik gab es kaum. Die neue deutsche Welle war praktisch vorbei. BAP machte zwar gute Musik, aber wer verstand die Texte schon ohne Wörterbuch? Und der deutsche Sprechgesang à la Die Fantastischen 4 war noch in weiter Ferne.
Auf einmal grölten alle Männer. Jeder verstand den Text, die Musik war eingängig ohne einfach zu sein und man konnte sogar danach tanzen. Schnell hatte auch ich die LP und war erstaunt. Musikalisch vielseitig: rockig, melodisch, melancholisch, rhythmisch versiert. Nicht, wie leider so häufig, ein Hit und der Rest langweilig und einfallslos.
Damals habe ich mich sicher nicht im Detail gefragt, warum das so gut ist, war ja auch egal, oder?
Vielleicht ist es übertrieben, Bochum als Meilenstein in der Musikgeschichte zu bezeichnen, aber Herbert Grönemeyer hat damit gezeigt, dass man gute Musik mit deutschen Texten machen kann. Songtexte sind etwas Besonderes: In drei Minuten eine kleine Geschichte zu erzählen oder eine Stimmung zu schildern, dazu gehört viel Sprachgefühl. Auch wenn wir alle mehr oder wenig gut Englisch verstehen, um einem guten Songtext wirklich auf den Grund zu kommen, alle Feinheiten zu erfassen, Ironie als solche zu verstehen, muß man schon sehr gut sein. Um so bedeutsamer ist es für einen Texter, dass er in seiner Muttersprache schreiben kann.
Lange Zeit hieß es, die deutsche Sprache eigne sich nicht für Popmusik. Oder etwas abgemildert: Englisch klingt einfach besser. Wahrscheinlich ist da etwas dran, aber Herbert Grönemeyer hat gezeigt, dass es auch auf Deutsch geht, dass es nicht holprig oder steif klingen muß. Vielleicht war es doch ein Meilenstein, denn heute sind deutsche Texte in allen Musiksparten selbstverständlich: vom Punk der Toten Hosen bis zum Rap mit Fettes Brot.
Wenn ich Bochum heute höre, habe ich nicht das Gefühl, eine alte Platte aufzulegen. Sie ist immer noch modern, faszinierend, anrührend, ehrlich. Auch nach 18 Jahren kann ich noch über die Wortspiele schmunzeln. Und meine 9-jährige Tochter kennt die Texte auch schon auswendig.