440 Seiten Interviews - das kann doch nur eine Strafe sein - sollte man meinen. Man kennt doch die Art und Weise, wie Dylan sich seit je seinen Ausfragern entzieht, der Interviewer, der in den eigenen Spiegel schaut - wer will das nun auch noch lesen?
Doch in Wahrheit sind diese Interviews ein kleiner Schatz voller Diamanten, ein Steinbruch für Ästhetiker, Philosophen und Historiker, ein Abriss über die westliche Mentalitätsgeschichte auf dem neuen Feld von Öffentlichkeit und Privatheit, von Populär- und ernsthafter-, von underdog- und hoher Kultur - oder, ja, wie soll man ihn eigentlich benennen, diesen Einbruch der Pop- und Rockkultur, insbesondere den Einbruch dieser Figur Bob Dylan in die etablierte Welt?
Mit nahezu nichts lässt sich das plötzliche Auftreten dieses SÄNGERS, DER AUS DEM NICHTS KAM, wie ihn Edo Reents kürzlich in der FAZ bezeichnete, vergleichen.
Bereits in dem herkunftslosen Erscheinen des ganz jungen Dylan gründet ein großer Teil seines Mysteriums und seiner Rätselhaftigkeit. Bereits als 20-jähriger, als sein Stern in New York aufgeht, scheint Dylan alles von der Welt zu wissen und er ist bereits vollkommen fertig in allem, was er zu sagen hat. Verblüfft liest man, dass sich Dylan bereits in dem ersten hier abgedruckten Interview von 1962, kurz bevor sein erstes Album erscheint, begriffsmäßigen Zuschreibungen seiner Kunst verweigert. Dies bleibt eine Konstante in der Geschichte des Sängers genauso wie es die unvermeidliche Frage der Öffentlichkeit mindestens für die ersten 10 Jahre seiner Karriere bleibt: Die Frage WER BIST DU?
Durch diese Interviews der frühen Jahre geht ein wahrer Furor der Identifizierung. WER BIST DU? Das ist die Frage nicht der Jugend, die in Dylan ihr vermeintliches Sprachrohr erkennt, sondern die der älteren Generation, die dem unvordenklichen Phänomen, das Dylan darstellt, fassungslos gegenübersteht und bestrebt ist, es einzudämmen, soll heißen, es zu verstehen, einzuordnen, abzuhandeln, wegzupacken. Aber nicht so mit Bob Dylan. Aus einer ungeheuerlichen Distanz heraus hält er sich jegliche Zugriffe vom Leib. Es ist diese Distanz zu seinem Publikum, zur Welt, ja zu sich selbst, die ihn in der frühen Phase zum wahren Künstler werden lässt. Noch in seinem Song THINGS HAVE CHANGED aus dem Jahre 2000 heißt es passend I'VE BEEN TRYING TO GET AS FAR FROM MYSELF AS I CAN. Mit einer Stimme, die nicht von dieser Welt scheint und mit Liedern, die so neu und doch aus tiefen Vorzeiten zu kommen scheinen, war Dylan für wirklich jeden ein Unikum, ein absolutes Novum, das aber zugleich zum Repräsentanten der jungen Generation wurde.
Was sich an diesen frühen Interviews zeigt, ist zweierlei. Zum einen wirft es ein Licht auf die Öffentlichkeit jener Zeit, die weder mit dem Phänomen einer zunehmend unkontrollierbaren Jugendkultur noch mit den Gesetzten der Öffentlichkeit selber Erfahrung hatte. Die Fragen, die an den 20+jährigen gestellt werden, sind bisweilen haarsträubend und bisweilen lächerlich. Alle Fragen, die sich auf seine Person beziehen, auf die Herkunft seiner Musik, auf die Gründe seiner Popularität und auf Einordnungen seiner Musik, weist der junge Dylan mit Witz und zuweilen philosophischen Tiefsinn zurück. Es zeigt sich in diesem Habitus eine grundsätzlich Sprachskepsis, die sprachskeptischen Bemerkungen eines Nietzsche in Nichts nachzustehen scheinen. I JUST KNOW IN MY OWN MIND THAT WE ALL HAVE A DIFFERENT IDEA OF ALL THE WORDS WE'RE USING, heißt es an einer Stelle, in deren weiteren Ausführung Dylan überhaupt die Möglichkeit und die Sinnhaftigkeit allgemeinerer Beschreibungen zurückweist.
Zum anderen zeigt sich in diesen frühen Interviews ein Mensch, der sich mit einer ungeheuerlichen Gewalt und mit einem zwingenden Willen von der Welt losreißt und einzig und alleine nach seinen eigenen Regeln, nach seinem eigenen Verständnis lebt. Dies ist der eigentliche Urgrund der Faszination, die Dylan auf die Mitwelt ausübt. Was Dylan für seine Mitwelt darstellt ist, in einem Wort gefasst, absolute Freiheit. Eine Freiheit, die als Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung seit der Zeit der Klassik und der Aufklärung zum Telos des eigentlichen Mensch-Seins geworden ist.
Mit einer schlafwandlerischen Selbstsicherheit folgt Dylan seinem einzig eigenen Weg. Dylan verwirklichte für sich, was andere sich wünschen - ganz sie selbst zu sein. In einem Interview von 1964 sagt er ALL I CAN DO IS BE ME. I CAN'T TELL THEM HOW TO CHANGE THINGS, BECAUSE THERE'S ONLY ONE WAY TO CHANGE THINGS, AND THAT'S TO CUT YOURSELF OFF FROM ALL THE CHAINS. THAT'S HARD FOR MOST PEOPLE TO DO.
Wie Ernst Dylan dieses Losreißen und sich selber treu bleiben nahm, musste die entsetzte und verstörte Anhängerschaft mehr als einmal erfahren, wenn Dylan durch seine atemlosen Entwicklungssprünge seine Fans verprellte und hinter sich ließ. Er war nicht nur zu keinerlei Konzessionen an die Forderungen der Welt bereit, die ihn doch nun mal mit sich selbst identifizieren wollte, sondern er erschuf gegen das System der Pop-Geschäftswelt, in der Namen zu Produkten werden, seine eigenen Geschäftsregeln. Dylan zerstörte immer wieder sich selbst mit einer solchen Kraft, dass man nicht glaubte, so jemand könnte noch einmal wiederkommen.
Was Dylan in einem Interview 1966 sagte, muss man wohl ernst nehmen: I REALLY JUST DON'T CARE - HONESTLY JUST DON'T CARE - WHAT PEOPLE SAY ABOUT ME. I DON'T CARE WHAT PEOPLE THINK ABOUT ME. I DON'T CARE WHAT PEOPLE KNOW ABOUT ME.
Soweit zum frühen Dylan der ersten 10 Jahre. In den 70er Jahren - der Sänger ist bereits in seiner vierten Neugeburt - gibt sich Dylan sehr viel persönlicher. Er hat bereit gelebt jetzt und kann nicht mehr jener unendlich distanzierter Beobachter und Benenner sein, der unsere Welt wie aus fremden Augen betrachtet. Die Alben werden persönlich. Tiefere künstlerische Ambitionen greifen Raum. Dylan befindet sich auf der Rolling Thunder Revue mit wechselnden Musikern, einem ganzen Tross, wie ein fahrender Zirkus und produziert nebenher einen 4-stündigen Film, den er selber finanziert, weil er unabhängig sein will. In diesen Interviews liest man, was man sonst nie von Dylan liest. Er lässt sich vollkommen auf die Welt ein und - ja - erläutert seine Kunst. Seitenweise gibt er eigenständige Interpretationen über seinen Film, wie diese oder jene Szene gemeint sei, welche Rolle welche Figur hat, und weist den Rezensenten auf ein Detail hin, das jener vielleicht übersehen haben könnte.
Musikalisch und künstlerisch steht er voll im Saft, aber an Aura und Ausstrahlung hat er verloren. Umso mehr noch in den 80er Jahren. Die Hinwendung zum Born-again Christian bleibt auch für diesen Chamäleon eines Künstlers eine schwer verständliche Episode. Dylan dümpelt in den Studios und auf der Bühne vor sich her. Er hat den Anschluss verloren, ist ein Monument seiner selbst, eigentlich überflüssig geworden. Die Interviews aus dieser Zeit historisieren seine Anfänge, seine Rolle in der Musik und die moderne Art Musik zu machen bekommt eine Portion Bashing.
Und dann die grandiose Kehrtwende und Neubesinnung seiner ur-eigenen Musik in den 90ern! Endlich die Akzeptanz seiner selbst und seiner Rolle, seiner Musik. Dylan begreift seine vielen hundert Songs als einen Steinbruch der Musikgeschichte, aus dem er immer neue Gebäude bauen kann. Der Erfolg mit den späten Alben seit TIME OUT OF MIND zeigen im Interview einen sehr gelösten Dylan. Er hat allen Grund dazu.
In der Kunst kann man Dylan nur mit Picasso vergleichen. Von der offenkundigen Genialität und der beständigen Selbstüberschreitung, die für beide charakteristisch sind, geben die 440 Seiten Interview beredtes Zeugnis. Eine lohnende und kurzweilige Lektüre!
Thomas Reuter