Ja, was soll man davon halten? Mit aller Ernsthaftigkeit wird ein wissenschaftlicher Kongress einberufen, der die Musiklegende Bob Dylan zum Thema hat. Und im Mai 2011 fand bereits ein weiterer an der Universität in Mainz statt. Bob Dylan hat die Universitäten erreicht. Und als wären sich die Literatur-, Kultur- und Musikwissenschaftler selber nicht so ganz sicher, ob das so seine Richtigkeit hat, werden erst einmal in breiter Form Begründungen herbeiargumentiert, warum auch die Pop-Musik der wissenschaftlichen Kunstreflexion genügen soll, auch wenn sie doch bloßes Produkt der Kulturindustrie sei. Und damit ist man dann auch schon bei Adorno und Walter Benjamin und der Dylan-kundige Leser merkt gleich, dass hier etwas schief läuft. Wer glaubt, seine musikalische Vorliebe in derartig hochgeschraubter Form begründen zu müssen, hat wohl ein kleines Statusproblem.
Ein weiteres Problem liegt im Methodischen. All die ausgebildeten Literaturwissenschaftler, die hier das Wort ergreifen, können doch nur ihrer Disziplin gemäß die Texte Dylans ernst nehmen. Allzuernst möchte man manchmal meinen. Auch wenn Dylans Texte hochanspruchsvolle lyrische Gebilde sind, kann man sie doch nicht ganz wie Gedichte behandeln. Sie gehorchen dafür neben all der lyrischen Grundierungen und dem philosophischen Material, das sie transportieren, viel zu sehr auch dem Beat, dem Reimzwang, dem schieren Zufall, der Entropie. Daher haben die hochfahrenden Interpretationen an mancher Stelle etwas Lächerliches. Es erinnert an den Fragesteller aus einer Presse-Konferenz in Scorceses Dokumentation NO DIRECTION HOME, der Dylans T-Shirt-Wahl beim Cover zu HIGHWAY 69 REVISITED eine bestimmte Absicht unterlegte. Dylan verneint das, bzw. weiß gar nicht, wovon dieser spricht, dieser aber beharrt und meint, er habe sich lange Gedanken dazu gemacht. Dass Dylans Äußerungen allzu oft für bare Münze genommen werden, wo doch jeder engagierter Hörer weiß, dass Dylan eine Kunstfigur ist, die sich bewusst hinter widersprüchlichen Äußerungen versteckt, hat manchmal etwas herrliches Naives und manchmal etwas herrliches Blödes. Jedenfalls wird es dem Phänomen nicht gerecht.
Wie dem auch sei: Auf der anderen Seite gibt es in diesem Band einige ausgesprochen interessante Beiträge, beispielsweise über die Religiosität bei Dylan, gezeigt an Texten quer durch das Werk. Oder aber die Entwicklung seiner Stimme am Beispiel von A HARD RAIN'S GONNA FALL über die Jahrzehnte seiner Bühnentätigkeit. Der Artikel über Utopie und Anti-Utopie ist sehr aufschlussreich wie auch der zu AMERIKANISCHE TRÄUME von Susan Neiman, wenn er auch stark durch die Fan-Brille geschrieben wurde. Hier erfährt aber der deutsche Leser sehr viel über die Andersheit Amerikas - Frau Neiman ist Amerikanerin - die in der Wahrnehmung Dylans dem deutschen Blick einfach verborgen bleiben muss.
Für Dylan-Interessierte insgesamt eine sehr lohnende Lektüre. Aus der Schlussdiskussion DYLAN IN DEUTSCHLAND habe ich erfahren, dass die ersten vier Alben Dylans erst 1965 nach Deutschland kamen, zusammen mit den ersten Cover-Versionen der Byrds. Dylan selber war zu diesem Zeitpunkt bereits in seine nächste Phase eingetreten. Aber damit erklärt sich der seltsame Umstand, dass ein großer Teil der damaligen deutschen Jugend Dylan nur in den vollkommen weichgespülten Versionen der Byrds kennen und schätzen lernten und auch noch heute diese bevorzugen. Der ereignishafte, phänomenale Beginn dieses Sängers aus dem Nichts blieb ihnen verwehrt. Für später Geborene spielten wiederum die Byrds überhaupt keine Rolle mehr. Dafür konnte die Erscheinung Dylans - nunmehr historisch - wieder wahrgenommen und gewürdigt werden.