Mit meiner Hassliebe zu den gelben Reclam-Büchlein stehe ich wohl nicht allein. Eingewoben in schulischen Zwang, vergessene Hausaufgaben, bedeutungsschwangere Texte und todlangweilige Nachbearbeitungen in irgendwelchen Theateraufführungen sind die gelben Hefte eben doch ein Teil meiner Jugend. Und damit wertvoll. Und mit ihrer Nüchternheit und ihrem Preis sind sie heute ein Anachronismus, der die Zeit zum Stillstand bringt. Erst kürzlich Bob Dylan auf seiner "Never-ending-tour" in Zürich gesehen, wurde mir bewusst, wie ideal ein Reclam-Bändchen als Gefäss für Dylan-Betrachtungen ist. Kein Weltstar verzichtet bei seinen Auftritten so konsequent auf Showelemente wie Bob Dylan. Entweder man lässt sich von der Musik vereinnahmen und begeistern oder man ist am falschen Ort. Auch in Heinrich Deterings Text fehlt jeglicher Schmuck, der von seinen Beobachtungen ablenkt. Chronologisch macht der Autor sich ans Werk, nimmt Quellen auf, stellt Dylans Texte in den Mittelpunkt, zeigt Höhen und Tiefen einer aussergewöhnlichen Biografie auf, seziert mit der Liebe eines berufenen Chirurgen Wendepunkte heraus und will seinen Respekt vor einem grossen Werk nie verhehlen.
Von Haus aus allergisch gegen distanzierendes Bildungsbürgertum hatte ich nie das Gefühl, hier wolle mir ein neunmalgescheiter Professor eine Lektion erteilen. Gerade wer über Dylan spricht, darf sich das Recht herausnehmen, sich einem Mainstream nicht anzupassen und seinem eigenen Stil treu zu bleiben. Und da es ohnehin nicht möglich ist, auf 170 Seiten alle Facetten Bob Dylans zu beleuchten, sein immenses Werk in ein einziges Bild zu bringen und jedem Leser gerecht zu werden, störten mich überraschende Auslassungen oder Gewichtungen nicht. Auch ich gehöre zu den Lesern, die ein beträchtliches Vorwissen mitbringen. Aber mir gefiel es, Altbekanntes in neuen Formulierungen wiederzuentdecken und neue Sichtweisen mit bekannten Geschichten zu verbinden. Bob Dylan hat mich mit seinem Werk auch deshalb ein Leben lang begleitet, weil er genau das mit seiner Musik macht.
Mein Fazit: Ein gelbes Reclambändchen für nicht einmal 5 Euro ist die ideale Bühne für Betrachtungen, in deren Zentrum ein Künstler steht, der sich Äusserlichkeiten und dem Fassbaren immer wieder entzog. Wie Heinrich Detering auf dieser Bühne ein biografisches Stück aufführt, ärgert vielleicht die gleichen Zuschauer, die auch Bob Dylan am liebsten in einem gut geschnürten Korsett sehen würden. Das ultimative Buch über Dylan gibt es ohnehin nicht. Und das von Heinrich Detering hat mir in seiner Kargheit und gekonnten Schwebe zwischen Nähe und Distanz sehr gut gefallen.