Kurzbeschreibung
Das Herz geht auf: Die Berlinerin irritiert zwischen Haken, Ösen und großem Pop.
Im Zuge des 2006er-Albums "The Grass Is Always Greener" wurde Barbara Morgenstern noch als "Elektropop-Ikone" bezeichnet. Dieses Korsett, das sie seit ihren frühen Berliner Wohnzimmer-Tagen trägt, ist ihr zu eng geworden. Die Luftigkeit ist einem neuen Tiefgang gewichen. Was vorher schlicht war, ist nun komplexer, mitunter gar sperrig. Die neue Popmusik der Barbara Morgenstern wartet auf mit Haken, Ösen und Fußangeln. "BM" ist durchsetzt mit Irritationen, Kakophonien und holpernden Rhythmen. Vor solch einem Hintergrund wirken die ausladenden Pop-Momente, bei denen das Panorama in die Breite und das Herz aufgeht, umso größer. Und es macht richtig Spaß, wenn sich aus drastischem Lärm doch wieder Poppiges herausschält. Wobei die Musik insgesamt so unberechenbar und vielseitig ist wie nie. Nicht nur das: Morgenstern singt deutsch, aber auch englisch und einmal sogar polnisch. Einen alten Traum erfüllte sie sich mit dem brüchig-romantischen "Camouflage", das zusammen mit Robert Wyatt entstand.
Manche Genrebezeichnungen sind echt blöde. Beispiel: Barbara Morgenstern wurde zu Beginn ihrer Karriere als "Wohnzimmerpop" bezeichnet, also einer Szene zugerechnet, die Mitte der 90er Berliner Wohnungen zu Clubs umfunktionierte und dort eine Mischung aus Elektro, LoFi und Singer/Songwriter-Pop fabrizierte. Jetzt, fünf CDs später, hat sich Morgensterns Sound gar nicht massiv geändert - aber kaum etwas ist bei Licht betrachtet so weit entfernt vom Wohnzimmer wie die Songs aus "BM". Schuld tragen die Arrangements. Echtes Schlagzeug und Streicher benötigen halt eine Quadratmeterzahl, die handelsübliche Wohnzimmer selten bieten. Außerdem hat Morgenstern ihre Vermona-Heimorgel mittlerweile ganz durch einen Konzertflügel ersetzt; der nimmt auch Platz weg. Ansonsten aber macht sie, was sie gut kann: verinnerlichte Chansons schreiben, mal gallig ("Come to Berlin"), mal gespenstisch ("Jakarta"), mal hell ("Hochhaus"). Ein Dokument des Stillstands aber ist "BM" nicht: Für "Camouflage" hat Morgenstern mit Robert Wyatt zusammengearbeitet, hin und wieder zerreißt außerdem eine Sonic-Youth-ähnliche Gitarrenrückkopplung die Songs. Die wohl beste Songwriterin der Republik entwickelt sich durchaus weiter - langsam aber stetig. (fis)