An diesem Film scheinen sich die Geister zu scheiden. Und es hat auch für mich eine Weile gedauert, mich an diesen Film heranzuwagen. In der Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Sidney Sheldon spielt Audrey Hepburn die Konzernerbin Elizabeth Roffe, die nach der Ermordung ihres Vaters den verschuldeten Laden übernimmt. Keiner ihrer Verwandten scheint sie darin unterstützen zu wollen, im Gegenteil. Da alle in Geldschwierigkeiten stecken und auch sonst als ausgewiesene Kotzbrocken oder zumindest problematische Zeitgenossen charakterisiert werden (James Mason und Michelle Phillips als Sir Alec und Vivian Nichols, Omar Sharif und Irene Papas als Ivo und Simonetta Palazzi, Romy Schneider und Maurice Ronet als Helene und Charles Martin), verwundert es nicht, dass Elizabeth bald nach dem Leben getrachtet wird, weil sie sich einem Aktienverkauf verweigert. Immerhin findet sie heraus, dass ein Maulwurf im Konzern mit Werkspionage zur finanziellen Schieflage des Pharmakonzern beigetragen hat. Ob ihr das Vorstandsmitglied Rhys Williams (Ben Gazzara) wenigstens zur Seite steht? Der Schweizer Kommissar (Gert Fröbe) versucht Licht ins Dunkel zu bringen, während nebenbei auch noch -warum auch das noch?- die Geschichte eines Filmteams erzählt wird, dass Snuff-Videos dreht, so dass in regelmäßigen Abständen nackte Frauenleichen im Fluss auftauchen.
Klingt ja erst einmal spannend. Ist es aber nicht. Dabei finde ich die ständigen Ortswechsel (ja, ich habe schon kapiert, dass es sich um einen weltweit agierenden Konzern handelt) noch am wenigsten störend: Schweizer Berge, New York, London, Paris, Rom, Sardinien, Genf, Krakau und wieder zurück. Dabei werden die Schönheiten der Orte gar nicht gewürdigt, ein großer Teil der Aufnahmen sind ohnehin Studioaufnahmen (Genf wird zudem von München gedoubelt).
Sir Alec ist mit einer jungen, aber dafür schon seit Längerem spielsüchtigen Frau verheiratet. Warum gelingt es ihm nicht, ihr den Geldhahn zuzudrehen? Ivo gönnt sich neben Ehefrau und drei ehelichen Kindern auch noch eine Nebenfrau, ebenfalls mit drei Kindern. Warum lässt sich seine Geliebte von diesem alternden, aber immerhin ewig in Geldschwierigkeiten steckenden Galan nicht nur ein, sondern gleich drei Kinder andrehen? "Doktor Schiwago" ist eine gefühlte Ewigkeit her und Sharifs Rolle ist die mit Abstand peinlichste. Die Streitereien zwischen ihm und Papas sollen vermutlich komisch sein, sie gehören zu den raren absolut unkomischen Szenen. Helene kann den Unfalltod eines Kollegen nur als Ausfall eines schlechten Fahrers kommentieren. Dass ihr Gatte in seiner Freizeit Insekten aufspießt und in Geldschwierigkeiten gerät, hat mich da nicht wirklich gewundert. Der Schweizer Kommissar gibt nicht nur ein wichtiges Beweismittel aus den Händen, es wird danach auch noch gestohlen und unter den Verdächtigen herumgereicht. Unterbrochen wird die Filmhandlung, um eine Episode aus dem Leben Sam Roffes zu erzählen. Da es sich offenkundig nicht um den ermordeten Vater handelt (da sonst der Rest des Films um 1914 spielen müsste), wer ist dieser andere Sam, ein Vorfahre? Warum wird seine Geschichte eingeflochten? Elizabeth fährt von einen Tag auf den anderen als Privatperson nach Krakau. Musste man in den 70er Jahren nicht Wochen vorher ein Visum beantragen? Sir Alec wird für seine ablehnende Haltung gegenüber der Todesstrafe gelobt. Warum? 1969 war sie in GB doch ersatzlos aus dem Zivilrecht gestrichen worden. Eine Prostituierte begrüßt Williams, als er mit Elizabeth ausgeht. Will sie ihn als Freier verlieren? Hinweise auf die Identität des Mörders werden platziert, unangenehm nur, dass in späterer Kenntnis des Mörders manches als nicht nachvollziehbar oder gar vollkommen unlogisch erscheint. Aber guckt sich jemand so was freiwillig ein zweites Mal an? Und warum spielt Hepburn die Hauptrolle? Zwar ist sie mit knapp 50 noch eine umwerfende Schönheit, aber als Tochter eines 64jährigen wirkt sie doch etwas falsch besetzt. Das kommt davon, wenn man sich sklavisch an den Roman hält. Und immer wieder wird in Frage gestellt, warum sich Elizabeth ALS FRAU dieser Aufgabe annehmen wolle? Und das wird nicht mal ironisch kommentiert, sondern als trefflicher Einwand verkauft.
Okay, Sheldons Romane sind reißerisch, plakativ und nicht gerade geschmackssicher, aber sie sind wenigstens spannend. Wenn es eine Kategorie "schlechtestes Drehbuch" bei den Goldenen Himbeeren gäbe, Laird Koenig hätte sich eine Nominierung redlich verdient.
Endlich: Hepburn sitzt wie die Katze auf dem heißen Ziegeldach und muss sich entscheiden, von wem sie sich retten lassen soll. Wer ist der Gute, wer der Böse? In letzter Sekunde gelingt es, den Killer, der durch ein beiläufiges Indiz auch noch für die Prostituiertenmorde verantwortlich gemacht werden kann (Motiv? Egal!), zu stellen. Immerhin beeindruckt es den Zuschauer, dass ein Mensch neben seiner Berufstätigkeit und zahlreichen Gesprächen mit seinen Schuldnern noch Zeit hatte, u.a. einen Snuff-Ring zu gründen, die Rettungsleine des Konzernchefs zu durchschießen, die Bremsen an einem Auto in Sardinien zu manipulieren, einen Fahrstuhl zum Absturz zu bringen, einen Nobelpreisträger zu töten und zwei Brände zu legen (wenig ökonomisch, wenn man nur einen Menschen töten will). Das ihm das leid tue, ist ja wohl das mindeste, was er dazu sagen kann!
Zudem sind die Garderoben für Hepburn und Schneider nicht gerade schmeichelhaft. Erstere wirkt in Abendgarderobe wie eine Hungerharke, Letztere trägt Kostüme, die jeden Couturier die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Der Rest "Würde" wurde dem Film durch die geschmacklose und vor allem -in Bezug auf die Haupthandlung- unmotivierte Mordserie im Rotlichtmilieu genommen.
Immerhin steuerte Ennio Morricone den Soundtrack bei, was zwar manchmal wie ein zweiter Aufguss des Liebesthemas aus "Spiel mir das Lied vom Tod klingt", aber mit Abstand das ansprechendste an dieser Produktion ist. Ich fragte mich, wie es gelingen konnte, derart viele profilierte Schauspieler für dieses Projekt zu gewinnen. War das Schmerzensgeld derart hoch? Oder kannte niemand das ganze Drehbuch?
Da ein großer Teil des Films in Deutschland gedreht wurde (DM-Kurs gegenüber dem Franken vermutlich günstiger), ist ein Teil der Nebenrollen mit deutschsprachigen Darstellern besetzt: Pinkas Braun, Ivan Desny, Vadim Glowna, Wolfgand Preiss, Dietlinde Turban.
Untertitel u.a. in Englisch und Deutsch sind vorhanden.
Fazit: Unglaublich! Was für eine Vergeudung! Andererseits nicht schlecht genug, um sein Trash- Potential optimal zu entfalten. Wenn man jede Hoffnung auf eine logisch nachvollziehbare Geschichte aufgegeben hat und sich nur auf die zahlreichen Ungereimtheiten und absurden Dialoge konzentriert, kann der Film gelegentlich Spaß machen.