Dieser Roman ist ungewöhnlich aufgebaut, denn er verschränkt zwei Erzählebenen miteinander. Die erste Ebene ist die Geschichte seiner Hauptfigur, der kommunistischen Journalistin Klara Schindler. Sie versucht in der Zeitung, für die sie arbeitet, Artikel zum "Altonaer Blutsonntag" vom 17. Juli 1932 unterzubringen. Zu diesem Zweck recherchiert sie im Hamburg des Sommers 1932. Zuerst mit Notizblock, später mit Tonbandgerät befragt sie Zeugen und sammelt deren Aussagen, um sich ein Bild von den "wahren" Geschehnissen dieses speziellen Tages zu verschaffen. Die zweite Ebene sind die Aussagen und Erzählungen von Beteiligten zu diesem Tag. Diese Aussagen stammen lt. Angaben des Autors alle aus verschiedenen, realen zeitgenössischen Quellen. In der Zusammenstellung des Romans nimmt man sie beim Lesen aber sehr schnell als Ergebnisse der Recherche von Klara Schindler an.
Beide Erzählebenen streben parallel zu einem Höhepunkt. Die Aussagen der Beteiligten beginnen harmlos mit der Anreise verschiedener Gruppen von Akteuren nach Altona, beschreiben den Beginn der Konfrontation zwischen Nazis und Kommunisten, gipfeln im absolut undurchsichtigen Durcheinander während des Waffeneinsatzes durch die Polizei und klingen mit der Aufarbeitung der Geschehnisse aus. Die Geschichte von Klaras Recherche beginnt ebenfalls harmlos mit dem Wunsch, den Ablauf des "Blutsonntags" vollständig darstellen zu können, beschreibt danach die fortschreitenden Erkenntnisse über die Verwicklung der Hamburger Polizei und den Einfluss der Nationalsozialisten. Sie gipfelt in Klaras wilder Entschlossenheit, einen der aus ihrer Sicht verantwortlichen Polizeiführer eigenhändig zu töten und dem Scheitern des Attentatsversuchs. Am Ende steht Klaras Flucht vor den Behörden auf einem Passagierschiff nach England.
Der ganze Ablauf ist sehr gelungen und spannend dargestellt. Er hat mich schnell gefangen genommen und verführt durch recht kurze Kapitel dazu, zügig weiter lesen zu wollen. Nach einer gewissen Anlaufzeit wird die Handlung auf beiden Ebenen sehr schnell und man steckt als Leser intensiv in der Geschichte. Das Buch liest sich insgesamt zügig und flüssig. Die Charaktere sind gut dargestellt und durch die eindeutige Beschränkung auf die Sicht von Klara als Hauptperson hat man bald das Gefühl, die Geschichte selbst zu erleben. Trotz allem stand ich am Ende ähnlich ratlos da wie die Hauptperson. Man hat zwar viele viele Aussagen gehört und daraus Schlüsse gezogen, aber eine vollständige und eindeutige Erklärung ist ausgeblieben. Einige Fragen, die sich Klara zu dem "Blutsonntag" gestellt hat, bleiben unbeantwortet. Leider blieb auch die Hauptperson für mich am Ende etwas sperrig und schwer zugänglich. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich mich ab der Hälfte des Buches gefragt habe, ob es nötig war, die Hauptperson lesbisch zu gestalten und mit einem angedeuteten jugendlichen Trauma zu versehen. Diese Art von Hauptperson scheint mir in den letzten Jahren einfach zu sehr in Mode gekommen zu sein. Von der eigentlichen Geschichte des Romans lenkt dieser Aspekt meiner Ansicht nach eher ab, als das er zu ihr etwas Sinnvolles beiträgt.
Insgesamt bietet der Roman ein faszinierendes und sehr dichtes Bild einer Zeit und einer Gesellschaft die durch die Nazi-Diktatur, den Krieg und die folgenden Aufbaujahre vollständig verändert wurde. An sehr vielen Stellen ist mir die Gesellschaft äußerst fremd vorgekommen. Armut, Hoffnungslosigkeit und Gewaltbereitschaft waren sehr viel präsenter als heute. Ein einzelnes Leben zählte für die Gruppe und oftmals auch für den Einzelnen nicht viel. Die wirtschaftlichen und sozialen Umstände waren insgesamt so deutlich schlechter als heute, dass bei vielen Menschen das Gefühl ausgelöst wurde, wenig zu verlieren zu haben und damit radikale politische Ansichten mit dem Versprechen auf schnelle Lösungen auf fruchtbaren Boden fielen. Die Bedeutung, Größe und Vielfalt der politischen Strömungen jeder Richtung in denen sich die Menschen scheinbar sehr intensiv engagierten und die einen wichtigen Teil ihres sozialen Umfeldes darstellten, ist ebenfalls etwas, das unserer heutigen Zeit weitgehend abhanden gekommen ist. Wahrscheinlich gerade wegen dieser sehr deutlich dargestellten Unterschiede zu unserem heutigen Leben beginnt man auch die damalige Zeit und die Handlungen der Menschen ein wenig besser zu verstehen.