Pressestimmen
"Gewagt - und auch gewonnen. Einen Kriminalroman, bei dem der Täter fast von Beginn an feststeht, so zu schreiben, dass er eben doch bis zum Schluss spannend ist, dazu gehört großes dramaturgisches Geschick. Norbert Horst gelingt diese Gratwanderung spielerisch, und da zeigt sich, dass der schreibende Polizist aus den Tiefen der westfälischen Provinz im letzten Jahr völlig zurecht den Deutschen Krimi Preis erhalten hat." (WDR 5 )
"Norbert Horst gehört mit seinem eigenständigen Stil zu den aufregendsten deutschsprachigen Krimiautoren.'Blutskizzen' ist ein weiterer überzeugender Beweis seines Talentes." (alligatorpapiere.de/spurensuche-dreissig-vier.html )
Kurzbeschreibung
Ein älterer Mann wird tot in einem Müllcontainer gefunden – er ist nackt und gefesselt. Schon bald kann Kommissar Kirchenberg einen Verdächtigen festnehmen, einen Mann, der vor 22 Jahren wegen Raubmordes verurteilt wurde, aber heute ein bürgerliches Leben führt. Unterstützung erhält Kirchenberg von einem auf Serienmörder spezialisierten Kollegen von der Operativen Fallanalyse, der glaubt, der mutmaßliche Täter sei auch für zwei Morde aus früheren Jahren verantwortlich. Aber die Zeit drängt, denn der Haftrichter droht, den Verdächtigen nach einer Haftbeschwerde wieder freizulassen …
• Für „Todesmuster“ erhielt Norbert Horst den Deutschen Krimi Preis 2006!
Klappentext
"Zupackend erzählt, protokollartig, witzig, mit einem feinen Gespür für Ironie und mit einem Sog, der seinesgleichen sucht."
Jury des Glauser-Preises
"Ein bemerkenswert gelungenes Debüt - da zeigt ein schreibender Polizist vielen etablierten Autoren, was eine Harke ist."
WDR
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
10 Uhr 22
Dieses Schreien.
Der Flur ist leer. Die Tür. Drei Schritte. Thorsten hält Kontakt, seine Schulter schabt am Rücken, heiß, feucht. Durchatmen, zweimal, schneller Blick ins Zimmer. Leer. Nächster Raum, stopp, Konzentration. Na denn. Quick Pic, auch leer. Weiter zum Treppenhaus, fünf Meter. Dieses Schreien. Vorsicht. Thorsten hält weiter Körperkontakt, hat nach hinten alles im Blick, hoffentlich. Vier Schritte, er bleibt dran. Das Schreien wird lauter, furchtbar. Beschlagenes Visier, feuchte Hände, die Waffe rutscht, nachgreifen. Fünf Stufen, der erste Treppenabsatz ist leer. Langsam die nächsten, bloß nicht stolpern. Blick nach oben, der Puls hämmert. Thorsten bleibt mit der Schulter dran, hat kein Problem beim Rückwärtsgehen. Der Putz ist abgeplatzt, schneller Atem. Auf dem nächsten Absatz liegt der Schreier, brüllt um Hilfe, hält sich den Bauch, es tropft rot von seinen Fingern. Die Tür zum ersten Stock steht auf. Vorsicht. Aufpassen, aufpassen. Noch eine, die letzte, ganz langsam. Der Schreier hebt die Hand, flehend, es tropft rot, er krallt ins Hosenbein. Aufpassen. Lass los, verdammt. Er zerrt weiter, reißt, schreit. Vor seinem Bauch eine Lache. Thorsten drückt von hinten, weiter. Nicht so stark, Mann, pass auf! Kurzes Stolpern, Verdammt. Oben ein Schatten, der Täter. Blitzschnell übers Geländer. Nein, nicht. Er schießt zweimal, die Geschosse klatschen auf, Thorsten schreit. Noch ein Schuss, stechender Schmerz zwischen Helm und Kragen, Brennen.
Aus.
Der Schreier richtet sich auf, nimmt ein Papiertuch, wischt die Hände ab. Walter kommt die Treppe hoch, winkt ab, schmunzelt.
»In Wirklichkeit wärst du jetzt tot.«
Er hilft beim Helmabnehmen, lacht. Der Täter kommt mit dem Videomann von oben, trinkt Mineralwasser, entschuldigender Schulterklaps im Vorbeigehen. Der Videomann übergibt Walter das Band, sie sagen was von Frühstück, verschwinden mit dem Schwerverletzten im Erdgeschoss. Er steckt die Kassette in die Oberschenkeltasche vom Kampfanzug.
»Üblicher Fehler. Die meisten lassen sich durchs Schreien ablenken.« Walter nimmt die FX-Waffen, überprüft kurz. Thorstens Haare kleben an der Stirn, er reibt sich die Schulter, verzieht das Gesicht. Keine Scheiben in den Fenstern, es zieht, Kälte im Nacken.
»Wollen wir es uns sofort ansehen oder braucht ihr erst ’nen Kaffee.«
»Ne, ist eh schon so spät. Kaffee kann ich hinterher im Büro trinken.«
Thorsten stimmt zu.
Walter geht vor. Im Erdgeschoss hallen die Schritte durch die Leere, Tapetenreste an den Wänden. In der Eingangstür fehlen auch Scheiben, draußen raut der Nieselregen die Oberflächen der Pfützen auf. Zwei Tauben picken auf dem Boden, fliehen beim Näherkommen zielstrebig durch ein Fenster im dritten Stock. Der Rest der Mannschaft sitzt im Grukw, trinkt Kaffee aus Metallbechern, die Standheizung heult leise. Walter schließt den Videowagen auf, Thorsten quetscht sich in den Sitz. Der Recorder verschluckt die Kassette, rewind.
»So, dann wollen wir mal.« Play.
Von links ins Bild, Rücken an Rücken, wie ein verkehrtes Tanzpaar. Der Helm sieht ja Furcht erregend aus. Der Täter am rechten Bildrand, steht im Treppenhaus, an die Wand gelehnt, vorsichtiger Blick, lauert. Da war der schon ganz in der Nähe. Er schleicht die Treppe hoch, wartet ab, Waffe im Anschlag. Kameraschwenk. Kontrolle der beiden Räume, Thorstens Kopf bewegt sich ständig von links nach rechts. Das Schreien klingt wie aus der Dose.
»Bis dahin läuft alles prima, ihr habt ’ne volle 360-Grad-Sicherung. Da kann er eigentlich nichts machen.« Walter zeigt auf den Bildschirm.
Der Kameramann geht ins Treppenhaus vor, kurze, wirre Bilder, dann wieder das Tanzpaar, fast im Gleichschritt die ersten Stufen. Schwenk auf den Täter, er geht am Schreier vorbei, weiter die Treppe nach oben.
»Der war ja nur eine Treppe über uns, zwei Meter.« Thorsten schüttelt den Kopf, ungläubig.
»Alles eine Frage der Perspektive«, Walter, den Blick weiter auf dem Bildschirm.
Das Treppenhaus gleitet von hinten ins Bild, wackelt hin und her. Der Schreier verschwindet am unteren Bildrand. Das Tanzpaar schiebt sich an der Wand lang die Treppe hoch, hektische Kopfbewegungen. Der Schreier erscheint wieder, Blick von oben, er greift ans Bein. Schwenk. Kurz, der Täter, hebt die Waffe, nickt ins Bild. Schwenk. Der Schreier reißt am Hosenbein. So heftig hat der gezerrt, gar nicht gemerkt. Schwenk, wieder der Täter, gibt Zeichen. Jetzt. Zwei schnelle Schritte, er schießt sofort, Thorsten schreit, wendet den Kopf, zu spät. Noch ein Schuss, die Farbe spritzt kurz am Helmrand auf.
»Das war der Moment, eine Sekunde unaufmerksam, das reicht.« Walter fährt zurück, das Ganze in Zeitlupe. Reißen am Hosenbein, Blick in den Flur, auf den Schreier, Schuss.
»An der Stelle reichen eben 360 Grad nicht aus, die 90 nach oben kommen noch dazu. Außerdem muss man sich natürlich dazu zwingen, so einen Schwerverletzten nicht zu beachten. Schon schwer.«
»Was soll’s, Walter, aber ich werde in meinem Alter wohl eh nicht mehr in eine Amoksituation kommen, Thorsten auch nicht.« Thorsten grunzt zustimmend.
»Aber ihr könntet trotzdem mal öfter zum Schießen kommen. Ihr K-Leute schlabbert das nämlich ganz schön. Du warst das letzte Mal …«, er nimmt eine Liste, blättert, »… vor vier Jahren da.« Hochgezogene Augenbrauen.
»Walter, wir Tintenpisser von K sind doch Geistesarbeiter. Arbeit mit Köpfchen.« Kurzes Tippen an die Stirn.
Er klappt den Ordner zu, verständiges Grinsen. »Ach ja, ihr seid ja die Weltmeister und ihr vom KK 11 erst recht, ganz vergessen.« Verstaut das Ding wieder im Fach.
»Außerdem, man muss ja nicht immer gleich alle erschießen.« Stille. Thorsten stößt unterm Tisch ans Knie, Walter hantiert am Recorder. Ach ja! Idiot. Riesenidiot.
»Tut mir leid, Walter, ich wollte nicht, also, ich meine …«
»Schon gut. Ist lange her.« Klarer Blick, ohne Peinlichkeit.
»Ja, trotzdem. War’n blöder Spruch. Hatte ich nicht mehr auf dem Schirm.«
»Ist okay, Konni, wirklich. Wie gesagt, ist lange her. Lange her und wirklich kein Problem mehr. Sonst könnte ich diesen Job hier gar nicht machen.« Er boxt zart auf den Oberarm. Wirklich okay.
»Gut. Ich muss jetzt auch.«
Er macht die Schiebetür auf, kommt mit nach draußen. »Ich hoffe, wir sehen uns nicht erst in vier Jahren wieder.«
»Ich werde mich bemühen. Und noch mal sorry wegen eben.«
»Mach dir keinen Kopp, Junge. Du weißt doch: alles eine Frage der Perspektive.« Gruß, er geht zu den anderen in den Wagen.
Thorsten hat kein Auto dabei, will mitfahren.
Der Regen ist stärker geworden.
12 Uhr 08
Dieser Geruch.
Ulla telefoniert, nickt stumm, sieht dabei aus dem Fenster. Sie greift nach hinten, holt sich den Spurenordner, blättert.
»47. Meier hieß der.« Wieder nickendes Zuhören.
Edda steht an den Aktenschrank gelehnt, Altenkamp sitzt
vor dem Bildschirm, taucht seinen Teebeutel ständig in die Tasse. Dieser Geruch. Ulla legt auf, notiert etwas, legt es in ein Körbchen.
»Wir fahren nachher noch mal zur Wohnung des Opfers«, Altenkamp, ohne den Blick vom Teebeutel zu nehmen. »Die Nachbarin aus der Dachgeschosswohnung hat eben angerufen, sie will uns was zeigen.«
»Gut«, sie nickt, »dann könnt ihr noch den Umschlag hier mitnehmen und beim Staatsanwalt abgeben. Liegt ja auf dem Weg.« Sie steckt den Falz mit einer Büroklammer fest, reicht den Umschlag rüber. »Jetzt zu dir: Danke, dass du gekommen bist, Konni, ich hab nur ’ne kurze Frage. Du hattest doch im Frühling den Mord an dem Rentner im Südpark? Wo hatte der Täter damals das Opfer getroffen?«
»Den ungeklärten Raubmord? Getroffen hat der den wahrscheinlich im Park, aber nach allem, was wir ermitteln konnten, hat er den wahrscheinlich schon seit der Sparkasse verfolgt und ihn dann bei günstiger Gelegenheit angesprochen. Aber, sag mal, was riecht hier so?«
Edda am...
Auszug aus Blutskizzen. von Norbert Horst. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
10 Uhr 22
Dieses Schreien.
Der Flur ist leer. Die Tür. Drei Schritte. Thorsten hält Kontakt, seine Schulter schabt am Rücken, heiß, feucht. Durchatmen, zweimal, schneller Blick ins Zimmer. Leer. Nächster Raum, stopp, Konzentration. Na denn. Quick Pic, auch leer. Weiter zum Treppenhaus, fünf Meter. Dieses Schreien. Vorsicht. Thorsten hält weiter Körperkontakt, hat nach hinten alles im Blick, hoffentlich. Vier Schritte, er bleibt dran. Das Schreien wird lauter, furchtbar. Beschlagenes Visier, feuchte Hände, die Waffe rutscht, nachgreifen. Fünf Stufen, der erste Treppenabsatz ist leer. Langsam die nächsten, bloß nicht stolpern. Blick nach oben, der Puls hämmert. Thorsten bleibt mit der Schulter dran, hat kein Problem beim Rückwärtsgehen. Der Putz ist abgeplatzt, schneller Atem. Auf dem nächsten Absatz liegt der Schreier, brüllt um Hilfe, hält sich den Bauch, es tropft rot von seinen Fingern. Die Tür zum ersten Stock steht auf. Vorsicht. Aufpassen, aufpassen. Noch eine, die letzte, ganz langsam. Der Schreier hebt die Hand, flehend, es tropft rot, er krallt ins Hosenbein. Aufpassen. Lass los, verdammt. Er zerrt weiter, reißt, schreit. Vor seinem Bauch eine Lache. Thorsten drückt von hinten, weiter. Nicht so stark, Mann, pass auf! Kurzes Stolpern, Verdammt. Oben ein Schatten, der Täter. Blitzschnell übers Geländer. Nein, nicht. Er schießt zweimal, die Geschosse klatschen auf, Thorsten schreit. Noch ein Schuss, stechender Schmerz zwischen Helm und Kragen, Brennen.
Aus.
Der Schreier richtet sich auf, nimmt ein Papiertuch, wischt die Hände ab. Walter kommt die Treppe hoch, winkt ab, schmunzelt.
»In Wirklichkeit wärst du jetzt tot.«
Er hilft beim Helmabnehmen, lacht. Der Täter kommt mit dem Videomann von oben, trinkt Mineralwasser, entschuldigender Schulterklaps im Vorbeigehen. Der Videomann übergibt Walter das Band, sie sagen was von Frühstück, verschwinden mit dem Schwerverletzten im Erdgeschoss. Er steckt die Kassette in die Oberschenkeltasche vom Kampfanzug.
»Üblicher Fehler. Die meisten lassen sich durchs Schreien ablenken.« Walter nimmt die FX-Waffen, überprüft kurz. Thorstens Haare kleben an der Stirn, er reibt sich die Schulter, verzieht das Gesicht. Keine Scheiben in den Fenstern, es zieht, Kälte im Nacken.
»Wollen wir es uns sofort ansehen oder braucht ihr erst 'nen Kaffee.«
»Ne, ist eh schon so spät. Kaffee kann ich hinterher im Büro trinken.«
Thorsten stimmt zu.
Walter geht vor. Im Erdgeschoss hallen die Schritte durch die Leere, Tapetenreste an den Wänden. In der Eingangstür fehlen auch Scheiben, draußen raut der Nieselregen die Oberflächen der Pfützen auf. Zwei Tauben picken auf dem Boden, fliehen beim Näherkommen zielstrebig durch ein Fenster im dritten Stock. Der Rest der Mannschaft sitzt im Grukw, trinkt Kaffee aus Metallbechern, die Standheizung heult leise. Walter schließt den Videowagen auf, Thorsten quetscht sich in den Sitz. Der Recorder verschluckt die Kassette, rewind.
»So, dann wollen wir mal.« Play.
Von links ins Bild, Rücken an Rücken, wie ein verkehrtes Tanzpaar. Der Helm sieht ja Furcht erregend aus. Der Täter am rechten Bildrand, steht im Treppenhaus, an die Wand gelehnt, vorsichtiger Blick, lauert. Da war der schon ganz in der Nähe. Er schleicht die Treppe hoch, wartet ab, Waffe im Anschlag. Kameraschwenk. Kontrolle der beiden Räume, Thorstens Kopf bewegt sich ständig von links nach rechts. Das Schreien klingt wie aus der Dose.
»Bis dahin läuft alles prima, ihr habt 'ne volle 360-Grad-Sicherung. Da kann er eigentlich nichts machen.« Walter zeigt auf den Bildschirm.
Der Kameramann geht ins Treppenhaus vor, kurze, wirre Bilder, dann wieder das Tanzpaar, fast im Gleichschritt die ersten Stufen. Schwenk auf den Täter, er geht am Schreier vorbei, weiter die Treppe nach oben.
»Der war ja nur eine Treppe über uns, zwei Meter.« Thorsten schüttelt den Kopf, ungläubig.
»Alles eine Frage der Perspektive«, Walter, den Blick weiter auf dem Bildschirm.
Das Treppenhaus gleitet von hinten ins Bild, wackelt hin und her. Der Schreier verschwindet am unteren Bildrand. Das Tanzpaar schiebt sich an der Wand lang die Treppe hoch, hektische Kopfbewegungen. Der Schreier erscheint wieder, Blick von oben, er greift ans Bein. Schwenk. Kurz, der Täter, hebt die Waffe, nickt ins Bild. Schwenk. Der Schreier reißt am Hosenbein. So heftig hat der gezerrt, gar nicht gemerkt. Schwenk, wieder der Täter, gibt Zeichen. Jetzt. Zwei schnelle Schritte, er schießt sofort, Thorsten schreit, wendet den Kopf, zu spät. Noch ein Schuss, die Farbe spritzt kurz am Helmrand auf.
»Das war der Moment, eine Sekunde unaufmerksam, das reicht.« Walter fährt zurück, das Ganze in Zeitlupe. Reißen am Hosenbein, Blick in den Flur, auf den Schreier, Schuss.
»An der Stelle reichen eben 360 Grad nicht aus, die 90 nach oben kommen noch dazu. Außerdem muss man sich natürlich dazu zwingen, so einen Schwerverletzten nicht zu beachten. Schon schwer.«
»Was soll's, Walter, aber ich werde in meinem Alter wohl eh nicht mehr in eine Amoksituation kommen, Thorsten auch nicht.« Thorsten grunzt zustimmend.
»Aber ihr könntet trotzdem mal öfter zum Schießen kommen. Ihr K-Leute schlabbert das nämlich ganz schön. Du warst das letzte Mal ...«, er nimmt eine Liste, blättert, »... vor vier Jahren da.« Hochgezogene Augenbrauen.
»Walter, wir Tintenpisser von K sind doch Geistesarbeiter. Arbeit mit Köpfchen.« Kurzes Tippen an die Stirn.
Er klappt den Ordner zu, verständiges Grinsen. »Ach ja, ihr seid ja die Weltmeister und ihr vom KK 11 erst recht, ganz vergessen.« Verstaut das Ding wieder im Fach.
»Außerdem, man muss ja nicht immer gleich alle erschießen.« Stille. Thorsten stößt unterm Tisch ans Knie, Walter hantiert am Recorder. Ach ja! Idiot. Riesenidiot.
»Tut mir leid, Walter, ich wollte nicht, also, ich meine ...«
»Schon gut. Ist lange her.« Klarer Blick, ohne Peinlichkeit.
»Ja, trotzdem. War'n blöder Spruch. Hatte ich nicht mehr auf dem Schirm.«
»Ist okay, Konni, wirklich. Wie gesagt, ist lange her. Lange her und wirklich kein Problem mehr. Sonst könnte ich diesen Job hier gar nicht machen.« Er boxt zart auf den Oberarm. Wirklich okay.
»Gut. Ich muss jetzt auch.«
Er macht die Schiebetür auf, kommt mit nach draußen. »Ich hoffe, wir sehen uns nicht erst in vier Jahren wieder.«
»Ich werde mich bemühen. Und noch mal sorry wegen eben.«
»Mach dir keinen Kopp, Junge. Du weißt doch: alles eine Frage der Perspektive.« Gruß, er geht zu den anderen in den Wagen.
Thorsten hat kein Auto dabei, will mitfahren.
Der Regen ist stärker geworden.
12 Uhr 08
Dieser Geruch.
Ulla telefoniert, nickt stumm, sieht dabei aus dem Fenster. Sie greift nach hinten, holt sich den Spurenordner, blättert.
»47. Meier hieß der.« Wieder nickendes Zuhören.
Edda steht an den Aktenschrank gelehnt, Altenkamp sitzt
vor dem Bildschirm, taucht seinen Teebeutel ständig in die Tasse. Dieser Geruch. Ulla legt auf, notiert etwas, legt es in ein Körbchen.
»Wir fahren nachher noch mal zur Wohnung des Opfers«, Altenkamp, ohne den Blick vom Teebeutel zu nehmen. »Die Nachbarin aus der Dachgeschosswohnung hat eben angerufen, sie will uns was zeigen.«
»Gut«, sie nickt, »dann könnt ihr noch den Umschlag hier mitnehmen und beim Staatsanwalt abgeben. Liegt ja auf dem Weg.« Sie steckt den Falz mit einer Büroklammer fest, reicht den Umschlag rüber. »Jetzt zu dir: Danke, dass du gekommen bist, Konni, ich hab nur 'ne kurze Frage. Du hattest doch im Frühling den Mord an dem Rentner im Südpark? Wo hatte der Täter damals das Opfer getroffen?«
»Den ungeklärten Raubmord? Getroffen hat der den wahrscheinlich im Park, aber nach allem, was wir ermitteln konnten, hat er den wahrscheinlich schon seit der Sparkasse verfolgt und ihn dann bei günstiger Gelegenheit angesprochen. Aber, sag mal, was riecht hier so?«
Edda am Fenster kichert hell. »Das ist Heinz' Gebräu. Der fastet schon fünf Tage und quält uns die ganze Zeit mit diesen gesunden Tees. Was ist es denn heute, Heinz?«
»Wermut-Bärlauch, selbst gemischt. Abführend, blutreinigend und gut für die Nieren.« Er wringt den Beutel mit den Fingern aus, wirft ihn in den Papierkorb neben Ullas Schreibtisch.
»Aber sofort da raus!« Ulla mit funkelnden Augen. »Die Putzfrau war schon da, und wenn der die ganze Nacht hier drin liegt, halte ich es hier morgen früh nicht mehr aus.«
»Dann hast du wenigstens keine Fliegen in der Bude«, Edda mit Kichern.
»Soll ich die Akte mit dem Rentner für dich raussuchen?«
»Ne, erst mal nicht.« Ulla winkt ab. »War nur so eine Idee. Wir machen noch ein paar andere Sachen zu Ende, wenn die nichts bringen, müssen wir vielleicht darauf zurückgreifen. Ich wollte es nur erst mal wissen.«
»Du musst es wissen. Wenn, dann jetzt, ich bin nämlich gleich weg.«
»Wie weg?«
»Ich habe Fußballkarten. Geschenk für meinen Neffen, und da müssen wir pünktlich los.«
»Na, dann mal viel Spaß!«
»Hängt stark vom Ergebnis ab. Aber ich will pünktlich los und muss vorher noch ein bisschen Wegzehrung besorgen.«
Sie grüßen, Heinz mit einem Schlürfen.
»Zieht euch man warm an, bei dem Wetter.« Ulla ruft hinterher.
Stimmt. Könnte kalt werden.
Colorado. Zwei Tüten. Und Yoghurtgums, das müsste reichen.
»Nein, Alexander, nein, das gibt es nicht. Oma wird gleich böse.« Alexander reckt sich aus dem Einkaufswagen, grabscht sich eine Tüte Lakritzschnecken. Oma legt sie zurück, Alexander nörgelt, stummelige Milchzähne. »Wenn du das immer machst, wird Oma ganz traurig, und wenn Oma immer traurig ist, wird sie krank.«
Das ist ja nicht zum Aushalten.
Alexander gnarzt, greift sich die nächste Tüte.
»Alexander ist ein ganz böses Kind, Alexander macht Omi ganz traurig und böse. Und wenn Omi immer traurig ist, wird sie ganz krank und stirbt.«
Wenn er Glück hat. Schnell weg.
Am Getränkeregal Riesenauswahl. Mein Gott, was trinkt man denn mit zwölf. Cola? Muss nicht sein. Eistee. Eistee Pfirsich hört sich zumindest gesund an. Und ein Wasser.
Das Handy.
»Kirchenberg.«
»Hier ist Helmut. Wo bist du gerade?«
»Ich bin im Supermarkt, wollte gleich zum Fußball fahren, hatte ich dir doch gestern gesagt.«
»Ja, ich weiß. Ganz großer Notfall, Konni, wir haben einen Toten, wieder im Müll. Die MK-Bereitschaft ist zum Asylantenheim, da gab es eine Messerstecherei mit einem Toten, Ullas Leute sind alle unterwegs, und sonst habe ich nur noch Hansi. Aber der kann noch nicht so einen Tatort machen.«
»Helmut, ich habe die Karten seit acht Wochen, das kann doch wohl nicht wahr sein. Das ist ein Geschenk für meinen Neffen. Was ist denn mit Klaus Glowatzki, frag doch mal bei den Zwölfern nach. Der kann das auch.«
»Klaus war bis vorgestern drei Wochen in Ullas MK. Wenn ich Kurt anrufe und frage, ob Klaus uns einen Tatort macht, frisst der mich auf. Du siehst, ich habe mir schon meine Gedanken gemacht. Ich weiß, dass es blöd ist, aber es ist wirklich niemand anderes da.«
»Mann, Mann, Mann, ich komme.« Das kann doch wohl nicht wahr sein. Hat man einmal was vor, einmal im halben Jahr. Verdammte Scheiße. Maurer hätte man werden sollen, das wär'n anständiger Beruf gewesen. Und Dominik, der wird völlig fertig sein. Der hat sich gefreut wie ein Schneekönig. Dann muss Gerda mit ihm dahinfahren, einmal kann die das machen. Wohin jetzt mit dem Zeug? Mitnehmen. Ein Toter im Müll, wahrscheinlich wieder am Ende der Welt. Wer weiß, wann es da wieder was gibt.
An der Sieben-Teile-Kasse Oma mit Alexander. Das hat gerade noch gefehlt. Scheint ja ein Glückstag zu werden. Der Kleine fingert sich einen Lutscher.
»Nein, Alexander, das darfst du nicht.« Oma legt das Ding zurück, Alex fängt an zu krähen, macht das Rumpelstilzchen.
»Du musst jetzt aber mal lieb sein. Oma muss gleich auch weinen, wenn du so böse bist. Und wenn Oma immer weinen muss, wird sie ganz krank.« Alex gibt weiter Gas, Oma zahlt nebenbei. »Und wenn der Weihnachtsmann das hört, dann kommt der mit seiner ganz großen Rute und ist ganz böse und enttäuscht, und dann hat der gar keine Lust mehr, den Kindern was zu bringen. Dann sind alle Kinder traurig, nur weil Alexander so böse ist.« Sie schiebt den Wagen weiter, packt den Rest ein. Alex schreit.
Dass so was frei rumlaufen darf. Die Kassiererin gibt das Wechselgeld. Bloß weg. Oder? Nein. Zurück.
»Weißt du was, Alexander?« Der Kleine hört auf zu schreien, glotzt aus nächster Nähe. »Wenn du mal groß bist, dann verkleidest du dich als Weihnachtsmann, steckst Oma in einen Sack, machst den zu und wirfst sie in den See, okay?« Offener Mund, die Tränen glänzen auf seiner Wange, Oma braucht ein paar Sekunden.
»Wer sind Sie ..., also was reden Sie da, was machen Sie denn mit dem Kind?«
»Ich hab ihm nur einen Tipp gegeben, Lebenshilfe.«
»Unverschämtheit!« Sie kommt langsam in Fahrt, die Kassiererin grient. »Man sollte die Polizei holen.«
»Wenn alle Kinder so erzogen würden, hätten wir wahrscheinlich nur noch Massenmörder.«
»Dass man sich das bieten lassen muss, ich werde Sie anzeigen«, hinterher gerufen mit erhobenem Zeigefinger. An den anderen Kassen drehen sich einige um.
Draußen Nieselregen.
Ein Toter im Müll. Scheint ja Mode zu werden.
13 Uhr 03
Die gelbe Rundumleuchte blinkt, das Rolltor gleitet zur Seite, eine der Rollen quietscht.
Beckmann rollt vom Hof, auf dem Beifahrersitz der junge Binz. Sie halten kurz, die Scheibe fährt nach unten.
»Wir fahren schon mal los. Helmut hat gesagt, du machst den Tatort.«
»Sprich mich bloß nicht drauf an. Eigentlich habe ich Fußballkarten für heute Abend.«
»Schon gehört. Der Fotograf ist auch unterwegs.«
»Wo ist es überhaupt?«
»Auf einem Parkplatz an der Bundesstraße, einen Kilometer hinter 'ner Kneipe, Weidenkrug. In einem Müllcontainer.« Binz funkt, Beckmann fährt die Scheibe hoch, gibt Gas.
Auf dem Flur in der sechsten Etage gedämpfte Hektik. Was ist denn los hier? Ulla kommt aus ihrem Büro, eine Rotakte unterm Arm.
»Konni!? Helmut sagt, du machst den Tatort. Ich dachte, du wärst weg?«
»Das dachte ich auch.«
Petra im Vorzimmer tippt, lächelt im Vorbeigehen, Helmut redet mit dem DGL der Kriminalwache.
»Konni, da bist du ja.« Er presst die Lippen aufeinander, teilnehmender Blick. »Hatte ich dir ja schon erklärt, wir haben keinen anderen. Und es könnte auf den ersten Blick was mit Ullas Sache zu tun haben. Nur Hansi wäre noch da ...«
»Schon gut. Ist bestimmt nicht das letzte Mal. Es ist an der Bundesstraße?«
Der DGL K-Wache reicht einen Zettel. »Parkplatz Weidengrund. Fünfhundert Meter hinter dem Lokal. Das ist dieser umgebaute Fachwerkhof.«
»Ein Auto habe ich dir schon besorgt, liegt bei dir im Zimmer. Ulla trommelt ein paar Leute zusammen und kommt nach. Sie macht erst mal den ersten Angriff. Wie wir dann weitermachen, müssen wir mal sehen.« Helmut hebt noch mal die Schultern. Schon gut. Du kannst auch nichts dran machen.
Auf dem Flur Stille, die Tasche mit den Fahrzeugpapieren liegt mitten auf dem Schreibtisch. Grad noch Gerda anrufen.
»Gerda Borchert?«
»Hallo, Schwesterchen, hier ist Konni.«
»Hallo. Wann kommst du, Dominik wartet schon.«
Einmal tief durchatmen. »Ich mag es gar nicht sagen, Gerda, aber ich komme gar nicht. Du musst fahren, du oder meinetwegen auch Kurt. Ich war schon auf dem Weg, aber wir haben einen Tatort, und ich bin der Einzige, der den zurzeit machen kann. Saublöd, ich weiß, aber ich kann es wirklich nicht ändern.«
»Was, das gibt es doch gar nicht. Dominik hat sich so gefreut ...«
»Ja, ist mir schon klar, darum gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder du fährst mit ihm dahin oder meinetwegen auch dein Kurt. Der ist doch arbeitslos und müsste Zeit haben.«
Stille am anderen Ende.
»Und wie soll ich das machen?«, nach zehn Sekunden. »Ich hatte heute eigentlich was anderes vor.«
»Wie ihr das für euch regelt, müsst ihr sehen. Die Karten stecken bei mir in der Küche an der Pinnwand. Ihr klingelt bei Frau Gierth, die hat einen Schlüssel.«
»Ich überleg mal, was sich machen lässt, irgendwas fällt mir schon ein. Blöd ist nur, dass wir so früh fahren müssen.«
»Du kriegst das schon hin. Ich muss jetzt los, okay. Grüß Dominik von mir, ich melde mich, sobald ich Zeit habe.«
Gruß, sie legt auf.
So, Wagen, Tatortkoffer, Diktiergerät, alles dabei.
Und noch Frau Gierth. Fast vergessen.
13 Uhr 56
Der Fahrtwind schiebt die Regentropfen die Scheibe hoch, der Intervallschalter reicht nicht mehr. Ist ja genau das richtige Tatortwetter. Der Platz vor dem Weidenkrug ist leer, eine Katze gleitet durch den Jägerzaun. So, noch fünfhundert Meter. Der Streifenwagen ist schon von weitem zu sehen, blockiert die Einfahrt zum Parkplatz. Tom winkt weiter, erkennende Handbewegung, er kommt ans Fenster, der Kragenrand schabt über die Bartstoppeln.
»Mahlzeit, Konstantin, hättest auch besseres Wetter mitbringen können. Die Leute vom ED sind ganz schön am Fluchen.«
»Mahlzeit, Tom. Muss sich bei euch der DGL persönlich in den Regen stellen?«
»Na ja, wenn 'ne Leiche im Müllcontainer keine DGL-Lage ist, was dann?« Von seinem Mützenschirm tropft es, er klopft mit der flachen Hand aufs Dach.
Müller steht auf der anderen Straßenseite, schon in Weiß, fotografiert. Auf dem Parkplatz neben dem Transit vom ED ein Streifenwagen, hinten Müllers Wagen quer in der Ausfahrt, davor ein kleiner Transporter, auf der Ladefläche Maurergeschirr. Der Fahrer steht neben der Fahrertür, gelbe Regenjacke, raucht, unterhält sich mit dem Beifahrer.
Beckmann und Binz ziehen die Plane über das Gestänge, kletten sie fest, stellen den Pavillon über den Müllcontainer. Einer von der zweiten Streifenwagenbesatzung fasst mit an. Sie gehen zum Transit, öffnen die Schiebetür, ziehen sich die Overalls an. Der Regen macht helle Geräusche auf dem Zeltdach. Saukälte. Die Leichenhandschuhe verstärken das Gefühl noch, Gänsehaut.
»Kann ich schon dran?«
»Sei drinnen vorsichtig, auch oben am Rand, fass am besten nichts an, aber davor ist nur Asphalt, da kannst du nichts mehr kaputtmachen.«
Der Schiebedeckel des Containers steht auf, ist zur Hälfte mit Müll gefüllt, darauf die Leiche, nackt, Seitenlage. Kräftiger Bursche für das Alter, aber nicht mehr der Jüngste. Die Arme auf dem Rücken, die Hände durch einen zusammengeknüllten Müllsack verdeckt. Wahrscheinlich gefesselt. Die Beine vor dem Bauch angezogen. Sieht aus wie ein Kind im Mutterleib. Obendrauf weiße Plastiktüten, loses Papier, rosa, Pommesreste, eine Bonbontüte, »Nimm 2«. Auf den Unterschenkeln Eierschalen, Kippenreste und Asche. Sein Kopf liegt auf einer leeren Plastikflasche, Eistee Pfirsich. Auf dem Ohr ein halbes belegtes Brötchen, daneben ein angebissener Apfel. In der Restmülltonne, die Leute lernen's einfach nicht.
Seine Augen sind leicht geöffnet, der Mund auch, grauer Drei-Tage-Bart. Könnte 'ne Strangulationsspur sein, da am Hals. Ja, ist stranguliert worden. Sieht aus, als hätte er noch Schmerzen. Wollen wir mal nicht für dich hoffen. Die Haut lilagrau, am Rücken und an der Hinterseite der Beine dunkelrote Totenflecke.
»Die Totenflecke sind nicht lagegerecht.«
»Hab ich auch schon gesehen, ist aber nicht verwunderlich.« Beckmann zieht die Handschuhstulpen über die Ärmel, kommt mit langsamen Schritten.