"Blutsherrschaft" ist so ganz anders als die vorherigen "Juwelen"-Romane.
Der romantisch-erotische Aspekt wurde zurückgeschraubt, es gibt keinen echten Gegner, und auch keinen Spannungsbogen im eigentlichen Sinne.
Der Schwerpunkt liegt auf der Entwicklung der Charaktere, auf dem Humor - und auf der Politik und den Konsequenzen, die das Handeln der Königinnen auf das Alltagsleben von Blutleuten und Landen hat. Dass Anne Bishop sich gerade mit diesem Aspekt so ausgiebig befasst hat, gefällt mir ausnehmend gut. Sie zeigt den Arbeitsalltag der Königinnen. Das ist eben nicht so nervenzerfetzend wie einen echten Bösen zu besiegen. Aber der Alltag ist es, in dem sich das Wesen der jeweiligen Königin am stärksten offenbart, wie hier an den Gegensätzen Cassidy und Kermilla glaubhaft vermittelt wird. Was sie auch tun und sagen - jedes Wort, jede Geste hat eine nicht zu unterschätzende Wirkung, hat Konsequenzen und letztendlich seinen Preis, im Guten wie im Schlechten. Dass Anne Bishop so konsequent ist, sich auch des Königinnen-Alltags anzunehmen, hat bei mir einen großen Eindruck hinterlassen.
Sie konzentriert sich auf das Volk der Shalador und auf die Landen, was meiner Ansicht nach nur folgerichtig ist, nachdem sie sich in all den vorangegangenen Bänden mit den Blutleuten beschäftigt hat. So wird das Bild dieser drei Welten - Tereille, Kaeleer und Hölle - für mich runder und vielfältiger. Anne Bishop hat die Landen zunehmend einbezogen seit "Nacht", und ich rechne es ihr hoch an, dass sie nicht in dem Blickwinkel der Blutleute verharrt. Die Shalador erinnern mich mit ihrem Leben in den Reservaten, den Benachteiligungen, die sie dadurch erfahren haben und ihrer formellen Ausdrucksweise ("Mein herz ist voll") an die Problematik der Indianer in den USA, und ich empfinde diese Gegenüberstellung von Shalador- und Kaeleer-Königinnen als sehr aufschlußreich, denn letztendlich bewegen sie sehr ähnliche Ziele und ein vergleichbarer Ehrbegriff.
Die Handlung verlief oft in anderen Bahnen, als ich erwartet hatte, eben weil sich die Menschen - mit Ausnahme von Kermilla - der Folgen ihrer Handlungen bewusst sind. So kam letztendlich alles anders, als ich gedacht hatte. Es gab keinen Endkampf. Der Endgegner fehlte. Dass die Autorin ein Buch geschrieben hat, das in dieser Hinsicht völlig dem Klischee zuwiderläuft, empfinde ich gerade als wunderbar ausgearbeitet und die Problematik gut gelöst.
Vordergründig geht es in diesem Roman um den Kampf zweier Königinnen auf einem Territorium und der Blutsregel, sich nicht in die Interna eines anderen Reiches einzumischen. Hier zeigt Anne Bishop, welchen Preis dies für die Menschen hat, im Großen wie im Kleinen.
Mit diesem Roman lebt Anne Bishop den Leitsatz der "Juwelen" "Alles hat seinen Preis" sozusagen vor. Sie hat sich ganz und gar auf dieses Konzept, auf die Wahrheit hinter diesem Satz, eingelassen, und das macht dieses Buch in meinen Augen außergewöhnlich.