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Blutmale: Roman
 
 
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Blutmale: Roman [Taschenbuch]

Tess Gerritsen , Andreas Jäger
4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (136 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Heiligabend in Boston. Eine ermordete und verstümmelte Frau wird in ihrer Wohnung aufgefunden. Die Spuren am Tatort deuten auf einen Ritualmord hin. Pathologin Maura Isles und Detective Jane Rizzoli müssen in Tess Gerritsens nervenaufreibendem Thriller bald erkennen, dass sie es nicht mit einem einzelnen Mordfall zu tun haben. Die Blutmale häufen sich.

Schwarze Kerzen, umgekehrte Kreuze und das lateinische Wort „Peccavi“ (ich habe gesündigt) an der Wand bilden den makabren Rahmen für die übel zugerichtete Leiche der jungen Lori-Ann Tucker, der zudem der Kopf und die linke Hand abgetrennt wurden. Zu ihrem Entsetzen erkennt Maura Isles während der Obduktion, dass die Hand nicht zum Mordopfer gehört. Wo also befindet sich Tuckers Hand wirklich und wessen Hand liegt auf dem Obduktionstisch? Bei ihren Ermittlungen stößt Rizzoli auf eine geheimnisvolle Gruppierung mit dem Namen „Mephisto“ und mehr als einmal stehen ihr nun ihre unverrückbaren Vorurteile im Weg. So kann sie auch den nächsten Mord nicht verhindern.

Gerritsen startet ihre Geschichte mit einer Rückblende aus der Perspektive des späteren Mörders, zeigt dessen Weg ins Verbrechen, ohne uns jedoch Klarheit über seine Identität zu liefern. Wir sind diesen unklaren Informationen ausgeliefert, glauben uns Gerritsens Romanhelden einen Schritt voraus zu sein, sind es in Wirklichkeit jedoch nie. Und so sind wir atemlos wie Isles und Rizzoli auf die in Blut, jenem so symbolischen und geheimnisvollen Stoff, geschriebenen Spuren angewiesen, deren richtige Deutung die Lösung bringen würde. Aber was heißt schon richtig? Wir bewegen uns wie die Ermittler auf diversen Holzwegen einen großartigen Spannungsbogen entlang, den Gerritsen mit gewohnter Bravour entwirft und inszeniert. Ein atemberaubender Showdown enthüllt die Antwort auf dieses grausige Rätsel. Nur so konnte es gehen – warum sind wir nicht sofort darauf gekommen? Ulrich Deurer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

kulturnews.de

Es gibt so viel Nerviges an Tess Gerritsens Krimis. Da sind zum einen die prüden Hauptfiguren, die Pathologin Maura Isles und die Polizistin Jane Rizzoli, die in einer schwarz-weiß gemalten Welt von Gut und Böse leben. Ganz speziell seit Rizzoli Mutter geworden ist und auf die Schlechtigkeit der Welt mit "ganz andern Augen" blickt. Zum zweiten nervt die unglaubliche Brutalität, die auch in der in "Blutmale" präsentierten Jagd nach dem Teufel ihre epische Ausbreitung findet. Aber wie sollte das Gute auch so richtig strahlen, wenn das Böse nicht derartig finster wäre? Was aber am meisten nervt: dass die Autorin ihre Leser offensichtlich für komplette Idioten hält. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie ihre Protagonistinnen in oberlehrerhaftem Ton erläutern lässt, wo Zypern liegt und wer Mephisto ist. Einziges Highlight des Buchs: Maura Isles verführt einen Priester. Wohl deswegen tritt dann ja auch der überstrapazierte Leibhaftige auf den Plan. (bl) -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

"Creme de la Crime!" (Joy )

Kurzbeschreibung

„Peccavi – ich habe gesündigt!“

Eine junge Frau wird verstümmelt aufgefunden – ihre Leiche wurde offensichtlich für ein satanisches Ritual missbraucht. Die weihnachtliche Stimmung endet jäh, als Detective Jane Rizzoli zum Fundort einer weiblichen Leiche gerufen wird. Bei der Autopsie entdeckt Gerichtsmedizinerin Maura Isles, dass die abgetrennte Hand einer anderen Frau gehört haben muss. Dann stirbt eine Kollegin aus Janes Team, die den Geschichtsprofessor Antony Sansone beobachtete. Auch ihr Körper ist gezeichnet. Während Jane den undurchsichtigen Professor und die Mitglieder seiner obskuren Stiftung „Mephisto“ unter die Lupe nimmt und überall auf eine Mauer des Schweigens trifft, findet Maura an ihrer Haustüre Blutmale …

Klappentext

"Gerritsens Romane, mit stilistischer Eleganz geschrieben, wirken eindringlich, weil sie tiefe menschliche Ängste widerspiegeln."
Der Spiegel

"Tess Gerritsen gehört zur ersten Liga der crime ladies!"
Süddeutsche Zeitung

"Ein teuflisch guter Thriller!"
Alex Dengler (Bild am Sonntag)

Über den Autor

So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Der große internationale Durchbruch gelang ihr mit Die Chirurgin. Tess Gerritsen lebt mit ihrer Familie in Maine.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sie sahen aus wie die perfekte Familie.
Der Gedanke drängte sich dem Jungen auf, als er am offenen Grab seines Vaters stand, als er dem Priester zuhörte, wie er Plattitüden aus der Bibel vorlas. Nur eine kleine Gruppe hat sich an diesem warmen, drückenden Junitag versammelt, um Montague Saul die letzte Ehre zu erweisen - nicht mehr als ein Dutzend Menschen. Viele von ihnen hatte der Junge gerade erst kennengelernt. Die letzten sechs Monate hatte er im Internat verbracht, und manche dieser Leute sah er heute zum ersten Mal. Die meisten interessierten ihn nicht im Geringsten.
Nur die Familie seines Onkels - die interessierte ihn sehr wohl. Sie war es wert, dass er sich näher mit ihr beschäftigte.
Dr. Peter Saul hatte große Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Bruder Montague. Er war schlank, ein intellektueller Typ mit einer Brille, die ihm ein eulenhaftes Aussehen verlieh, und schütterem braunem Haar, das irgendwann unweigerlich einer Glatze weichen würde. Seine Frau Amy hatte ein rundes, freundliches Gesicht, und sie warf ihrem fünfzehnjährigen Neffen unentwegt besorgte Blicke zu, als müsse sie sich beherrschen, um ihn nicht auf der Stelle an ihre Brust zu drücken. Teddy, der Sohn der beiden, war zehn Jahre alt, ein Knabe mit streichholzdünnen Armen und Beinen. Ein kleiner Klon von Peter Saul, bis hin zu der runden Gelehrtenbrille.
Und dann war da noch ihre Tochter Lily. Sechzehn Jahre alt.
Ein paar Strähnen hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und klebten in der schwülen Hitze an ihren Wangen. Sie schien sich unbehaglich zu fühlen in ihrem schwarzen Kleid, und wie ein nervöses Fohlen trat sie immer wieder von einem Fuß auf den anderen, als wollte sie jeden Augenblick davon-rennen. Als wäre sie in diesem Moment überall lieber als auf diesem Friedhof, umschwirrt von lästigen Fliegen.
Sie sehen so normal aus, so gewöhnlich, dachte der Junge. So anders als ich. Da fing Lily plötzlich seinen Blick auf, und ein Schauer der Verwunderung überlief ihn. Des gegenseitigen Erkennens. In diesem Augenblick konnte er geradezu spüren, wie ihr Blick die dunkelsten Windungen seines Gehirns durchdrang und all die geheimen Orte erforschte, die niemand sonst je zu sehen bekam. Die er nie einem Menschen offenbart hatte.
Beunruhigt wandte er den Blick ab, richtete ihn auf die anderen Menschen, die um das Grab herumstanden. Die Haushälterin seines Vaters. Den Anwalt. Die beiden Nachbarn. Flüchtige Bekannte, die nur gekommen waren, weil es sich so gehörte, nicht aus wirklicher Zuneigung. Sie hatten Montague Saul nur als den stillen Wissenschaftler gekannt, der vor Kurzem aus Zypern zurückgekehrt war, der sich tagaus, tagein nur mit seinen alten Büchern und Karten und irgendwelchen Tonscherben befasst hatte. In Wirklichkeit hatten sie den Mann gar nicht gekannt. So wenig wie seinen Sohn.
Endlich war die Zeremonie beendet, und die Trauergäste nahmen den Jungen in die Mitte, eine Amöbe aus Mitgefühl, bereit, ihn zu verschlingen. Sie versicherten ihm, wie furchtbar leid es ihnen tue, dass er seinen Vater verloren habe. Und das so bald nach ihrer Rückkehr in die Staaten.
»Immerhin hast du noch deine Familie hier, die dir hilft«, sagte der Geistliche.
Familie? Ja, diese Leute sind wohl meine Familie, dachte der Junge, als der kleine Teddy schüchtern auf ihn zutrat, gedrängt von seiner Mutter.
»Du bist jetzt mein Bruder«, sagte Teddy.
»Tatsächlich?«
»Mom hat dein Zimmer schon fertig vorbereitet. Es ist gleich neben meinem.«
»Aber ich bleibe hier. Im Haus meines Vaters.« Verwirrt sah Teddy seine Mutter an. »Kommt er denn nicht mit zu uns?«
»Du kannst doch nicht ganz allein wohnen, Schatz«, beeilte sich Amy Saul zu sagen. »Vielleicht gefällt es dir ja in Purity so gut, dass du ganz bei uns bleiben willst.«
»Meine Schule ist in Connecticut.«
»Ja, aber das Schuljahr ist jetzt um. Im September kannst du natürlich wieder auf dein Internat gehen, wenn du das möchtest. Aber den Sommer über wirst du bei uns wohnen.«
»Ich werde hier nicht allein sein. Meine Mutter holt mich zu sich.«
Es war lange Zeit still. Amy und Peter wechselten Blicke, und der Junge konnte erraten, was sie dachten. Seine Mutter hat ihn doch schon vor langer Zeit im Stich gelassen.
»Sie wird mich zu sich holen«, beharrte er.
»Darüber reden wir später, mein Sohn«, sagte Onkel Peter mit sanfter Stimme.

In der Nacht lag der Junge wach in seinem Bett im Reihenhaus seines Vaters und lauschte dem Gemurmel der Stimmen seiner Tante und seines Onkels, die aus dem Arbeitszimmer im Erdgeschoss heraufdrangen. Es war dasselbe Zimmer, in dem Montague Saul sich in den vergangenen Monaten mit der Übersetzung seiner brüchigen alten Papyrusfetzen abgemüht hatte. Dasselbe Zimmer, in dem er vor fünf Tagen einen Schlaganfall erlitten hatte und an seinem Schreibtisch zusammengebrochen war. Diese Leute hatten dort nichts verloren, inmitten der kostbaren Schätze seines Vaters. Sie waren Eindringlinge in seinem Haus.
»Er ist doch noch ein Junge, Peter. Er braucht eine Familie.«
»Wir können ihn ja wohl kaum mit Gewalt nach Purity mitschleifen, wenn er es nicht will.«
»Mit fünfzehn Jahren hat man in diesen Dingen keine Wahl. Die Erwachsenen müssen für einen entscheiden.«
Der Junge stand auf und schlüpfte zur Tür hinaus. Lautlos stieg er bis zur Mitte der Treppe hinunter, um ihre Unterhaltung zu belauschen.
»Und sei mal ehrlich, wie viele Erwachsene hat er denn in seinem Leben kennengelernt? Dein Bruder zählt ja wohl kaum. Er war doch immer viel zu sehr in seine Mumien vertieft, um überhaupt wahrzunehmen, dass da noch ein Kind im Haus war.«
»Das ist nicht fair, Amy. Mein Bruder war ein guter Mensch.«
»Ein guter Mensch, aber weltfremd. Was muss das für eine Frau gewesen sein, die auch nur auf die Idee kommen konnte, ein Kind mit ihm zu haben? Und dann macht sie sich aus dem Staub und lässt Monty den Jungen allein großziehen? Ich begreife nicht, wie eine Frau so etwas tun kann.«
»Monty hat seine Sache ja wohl nicht so schlecht gemacht. Der Junge kriegt in der Schule glänzende Noten.«
»Das ist dein Kriterium für einen guten Vater? Die Tatsache, dass der Junge glänzende Noten bekommt?«
»Und außerdem ist er ein sehr beherrschter junger Mann. Du hast doch gesehen, wie gefasst er bei der Beerdigung war.«
»Er ist starr vor Schock, Peter. Hast du heute auch nur eine einzige Gefühlsregung in seinem Gesicht erkennen können?«
»Monty war ganz genauso.«
»Kaltblütig, meinst du?«
»Nein, ein Intellektueller. Ein Kopfmensch.«
»Aber tief drinnen muss der Junge doch den Schmerz fühlen, das weißt du genau. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, wie sehr ihm seine Mutter in diesem Moment fehlt. Wie er immer wieder steif und fest behauptet, dass sie ihn zu sich nehmen wird, wo wir doch genau wissen, dass sie es nicht tun wird.«
»Das wissen wir doch gar nicht.«
»Wir haben die Frau ja nie kennengelernt! Da schreibt Monty uns eines Tages aus Kairo, dass er jetzt einen kleinen Sohn hat. Nach allem, was wir wissen, könnte er ihn auch aus dem Schilf gefischt haben - wie den kleinen Moses.«
Der Junge hörte die Dielen über sich knarren und blickte sich zum oberen Treppenabsatz um. Zu seinem Erstaunen sah er seine Cousine Lily über das Geländer auf ihn herabstarren. Sie beobachtete ihn, studierte ihn wie eine exotische Kreatur, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, als wollte sie herausfinden, ob er gefährlich war.
»Oh«, rief Tante Amy. »Du bist ja auf!«
Seine Tante und sein Onkel waren gerade aus dem Arbeitszimmer gekommen und blickten vom Fuß der Treppe zu ihm auf. Und sie schienen auch ein wenig bestürzt angesichts der Tatsache, dass er wahrscheinlich ihr ganzes Gespräch mitgehört hatte.
»Geht es dir gut, Schatz?«, fragte Amy.
»Ja, Tante.«
»Es ist schon so spät. Solltest du nicht lieber wieder ins Bett gehen?«
Aber er machte keine...

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Sie sahen aus wie die perfekte Familie.
Der Gedanke drängte sich dem Jungen auf, als er am offenen Grab seines Vaters stand, als er dem Priester zuhörte, wie er Plattitüden aus der Bibel vorlas. Nur eine kleine Gruppe hat sich an diesem warmen, drückenden Junitag versammelt, um Montague Saul die letzte Ehre zu erweisen - nicht mehr als ein Dutzend Menschen. Viele von ihnen hatte der Junge gerade erst kennengelernt. Die letzten sechs Monate hatte er im Internat verbracht, und manche dieser Leute sah er heute zum ersten Mal. Die meisten interessierten ihn nicht im Geringsten.
Nur die Familie seines Onkels - die interessierte ihn sehr wohl. Sie war es wert, dass er sich näher mit ihr beschäftigte.
Dr. Peter Saul hatte große Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Bruder Montague. Er war schlank, ein intellektueller Typ mit einer Brille, die ihm ein eulenhaftes Aussehen verlieh, und schütterem braunem Haar, das irgendwann unweigerlich einer Glatze weichen würde. Seine Frau Amy hatte ein rundes, freundliches Gesicht, und sie warf ihrem fünfzehnjährigen Neffen unentwegt besorgte Blicke zu, als müsse sie sich beherrschen, um ihn nicht auf der Stelle an ihre Brust zu drücken. Teddy, der Sohn der beiden, war zehn Jahre alt, ein Knabe mit streichholzdünnen Armen und Beinen. Ein kleiner Klon von Peter Saul, bis hin zu der runden Gelehrtenbrille.
Und dann war da noch ihre Tochter Lily. Sechzehn Jahre alt.
Ein paar Strähnen hatten sich aus ihrem Pferdeschwanz gelöst und klebten in der schwülen Hitze an ihren Wangen. Sie schien sich unbehaglich zu fühlen in ihrem schwarzen Kleid, und wie ein nervöses Fohlen trat sie immer wieder von einem Fuß auf den anderen, als wollte sie jeden Augenblick davon-rennen. Als wäre sie in diesem Moment überall lieber als auf diesem Friedhof, umschwirrt von lästigen Fliegen.
Sie sehen so normal aus, so gewöhnlich, dachte der Junge. So anders als ich. Da fing Lily plötzlich seinen Blick auf, und ein Schauer der Verwunderung überlief ihn. Des gegenseitigen Erkennens. In diesem Augenblick konnte er geradezu spüren, wie ihr Blick die dunkelsten Windungen seines Gehirns durchdrang und all die geheimen Orte erforschte, die niemand sonst je zu sehen bekam. Die er nie einem Menschen offenbart hatte.
Beunruhigt wandte er den Blick ab, richtete ihn auf die anderen Menschen, die um das Grab herumstanden. Die Haushälterin seines Vaters. Den Anwalt. Die beiden Nachbarn. Flüchtige Bekannte, die nur gekommen waren, weil es sich so gehörte, nicht aus wirklicher Zuneigung. Sie hatten Montague Saul nur als den stillen Wissenschaftler gekannt, der vor Kurzem aus Zypern zurückgekehrt war, der sich tagaus, tagein nur mit seinen alten Büchern und Karten und irgendwelchen Tonscherben befasst hatte. In Wirklichkeit hatten sie den Mann gar nicht gekannt. So wenig wie seinen Sohn.
Endlich war die Zeremonie beendet, und die Trauergäste nahmen den Jungen in die Mitte, eine Amöbe aus Mitgefühl, bereit, ihn zu verschlingen. Sie versicherten ihm, wie furchtbar leid es ihnen tue, dass er seinen Vater verloren habe. Und das so bald nach ihrer Rückkehr in die Staaten.
»Immerhin hast du noch deine Familie hier, die dir hilft«, sagte der Geistliche.
Familie? Ja, diese Leute sind wohl meine Familie, dachte der Junge, als der kleine Teddy schüchtern auf ihn zutrat, gedrängt von seiner Mutter.
»Du bist jetzt mein Bruder«, sagte Teddy.
»Tatsächlich?«
»Mom hat dein Zimmer schon fertig vorbereitet. Es ist gleich neben meinem.«
»Aber ich bleibe hier. Im Haus meines Vaters.« Verwirrt sah Teddy seine Mutter an. »Kommt er denn nicht mit zu uns?«
»Du kannst doch nicht ganz allein wohnen, Schatz«, beeilte sich Amy Saul zu sagen. »Vielleicht gefällt es dir ja in Purity so gut, dass du ganz bei uns bleiben willst.«
»Meine Schule ist in Connecticut.«
»Ja, aber das Schuljahr ist jetzt um. Im September kannst du natürlich wieder auf dein Internat gehen, wenn du das möchtest. Aber den Sommer über wirst du bei uns wohnen.«
»Ich werde hier nicht allein sein. Meine Mutter holt mich zu sich.«
Es war lange Zeit still. Amy und Peter wechselten Blicke, und der Junge konnte erraten, was sie dachten. Seine Mutter hat ihn doch schon vor langer Zeit im Stich gelassen.
»Sie wird mich zu sich holen«, beharrte er.
»Darüber reden wir später, mein Sohn«, sagte Onkel Peter mit sanfter Stimme.

In der Nacht lag der Junge wach in seinem Bett im Reihenhaus seines Vaters und lauschte dem Gemurmel der Stimmen seiner Tante und seines Onkels, die aus dem Arbeitszimmer im Erdgeschoss heraufdrangen. Es war dasselbe Zimmer, in dem Montague Saul sich in den vergangenen Monaten mit der Übersetzung seiner brüchigen alten Papyrusfetzen abgemüht hatte. Dasselbe Zimmer, in dem er vor fünf Tagen einen Schlaganfall erlitten hatte und an seinem Schreibtisch zusammengebrochen war. Diese Leute hatten dort nichts verloren, inmitten der kostbaren Schätze seines Vaters. Sie waren Eindringlinge in seinem Haus.
»Er ist doch noch ein Junge, Peter. Er braucht eine Familie.«
»Wir können ihn ja wohl kaum mit Gewalt nach Purity mitschleifen, wenn er es nicht will.«
»Mit fünfzehn Jahren hat man in diesen Dingen keine Wahl. Die Erwachsenen müssen für einen entscheiden.«
Der Junge stand auf und schlüpfte zur Tür hinaus. Lautlos stieg er bis zur Mitte der Treppe hinunter, um ihre Unterhaltung zu belauschen.
»Und sei mal ehrlich, wie viele Erwachsene hat er denn in seinem Leben kennengelernt? Dein Bruder zählt ja wohl kaum. Er war doch immer viel zu sehr in seine Mumien vertieft, um überhaupt wahrzunehmen, dass da noch ein Kind im Haus war.«
»Das ist nicht fair, Amy. Mein Bruder war ein guter Mensch.«
»Ein guter Mensch, aber weltfremd. Was muss das für eine Frau gewesen sein, die auch nur auf die Idee kommen konnte, ein Kind mit ihm zu haben? Und dann macht sie sich aus dem Staub und lässt Monty den Jungen allein großziehen? Ich begreife nicht, wie eine Frau so etwas tun kann.«
»Monty hat seine Sache ja wohl nicht so schlecht gemacht. Der Junge kriegt in der Schule glänzende Noten.«
»Das ist dein Kriterium für einen guten Vater? Die Tatsache, dass der Junge glänzende Noten bekommt?«
»Und außerdem ist er ein sehr beherrschter junger Mann. Du hast doch gesehen, wie gefasst er bei der Beerdigung war.«
»Er ist starr vor Schock, Peter. Hast du heute auch nur eine einzige Gefühlsregung in seinem Gesicht erkennen können?«
»Monty war ganz genauso.«
»Kaltblütig, meinst du?«
»Nein, ein Intellektueller. Ein Kopfmensch.«
»Aber tief drinnen muss der Junge doch den Schmerz fühlen, das weißt du genau. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, wie sehr ihm seine Mutter in diesem Moment fehlt. Wie er immer wieder steif und fest behauptet, dass sie ihn zu sich nehmen wird, wo wir doch genau wissen, dass sie es nicht tun wird.«
»Das wissen wir doch gar nicht.«
»Wir haben die Frau ja nie kennengelernt! Da schreibt Monty uns eines Tages aus Kairo, dass er jetzt einen kleinen Sohn hat. Nach allem, was wir wissen, könnte er ihn auch aus dem Schilf gefischt haben - wie den kleinen Moses.«
Der Junge hörte die Dielen über sich knarren und blickte sich zum oberen Treppenabsatz um. Zu seinem Erstaunen sah er seine Cousine Lily über das Geländer auf ihn herabstarren. Sie beobachtete ihn, studierte ihn wie eine exotische Kreatur, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, als wollte sie herausfinden, ob er gefährlich war.
»Oh«, rief Tante Amy. »Du bist ja auf!«
Seine Tante und sein Onkel waren gerade aus dem Arbeitszimmer gekommen und blickten vom Fuß der Treppe zu ihm auf. Und sie schienen auch ein wenig bestürzt angesichts der Tatsache, dass er wahrscheinlich ihr ganzes Gespräch mitgehört hatte.
»Geht es dir gut, Schatz?«, fragte Amy.
»Ja, Tante.«
»Es ist schon so spät. Solltest du nicht lieber wieder ins Bett gehen?«
Aber er machte keine Anstalten, nach oben zu gehen. Er blieb auf der Treppe stehen und dachte darüber nach, wie es...

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