Jetzt eintauschen
und EUR 0,10 Gutschein erhalten
Eintausch
Möchten Sie verkaufen? Hier verkaufen
Den Verlag informieren!
Ich möchte dieses Buch auf dem Kindle lesen.

Sie haben keinen Kindle? Hier kaufen oder eine gratis Kindle Lese-App herunterladen.

Blutiger Schnee: Roman [Taschenbuch]

Mike Walters , Juliane Gräbener-Müller
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

Erhältlich bei diesen Anbietern.


‹  Zurück zur Artikelübersicht

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Ein komplexer Spannungsroman und ein viel versprechendes Debüt.« (Seven)

»Walters erweckt seinen ungewöhnlichen Schauplatz zu sprühendem Leben. Der Beginn einer großartigen neuen Krimiserie.« (Guardian)

»Zum Nägelkauen spannend! Ein vielschichtiger Krimi und eine mitreißende Lektüre. Die Beschreibungen der fremdartigen mongolischen Szenerie sind wunderbar gelungen. Ich freue mich schon auf einen weiteren Besuch in Ulan Bator mit Inspector Nergui an meiner Seite.« (The Independent)

Klappentext

»Ein komplexer Spannungsroman und ein viel versprechendes Debüt.«
Seven

»Walters erweckt seinen ungewöhnlichen Schauplatz zu sprühendem Leben. Der Beginn einer großartigen neuen Krimiserie.«
Guardian

»Zum Nägelkauen spannend! Ein vielschichtiger Krimi und eine mitreißende Lektüre. Die Beschreibungen der fremdartigen mongolischen Szenerie sind wunderbar gelungen. Ich freue mich schon auf einen weiteren Besuch in Ulan Bator mit Inspector Nergui an meiner Seite.«
The Independent

Über den Autor und weitere Mitwirkende

Mike Walters hat in der Ölindustrie, im Bankgeschäft und für den Rundfunk gearbeitet. In den letzten zehn Jahren war er als Unternehmensberater in allen Teilen der Welt im Einsatz. „Blut Frühling“ ist sein zweiter Roman mit Inspector Nergui. Der Autor lebt mit seiner Familie in Manchester.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das war's also. Wieder einmal abgebrannt. Bis auf den letzten tugrik.
Er taumelte gegen die Mauer, verlor beinahe das Gleichgewicht, richtete sich schwankend wieder auf und tappte mit unsicheren Schritten die menschenleere Straße entlang.
Wie spät war es? Bestimmt nach Mitternacht. Auf dem großen Platz hatten die Straßenlaternen noch gebrannt, doch in den schmalen Seitenstraßen war es düster. Und es war kalt. Klirrend kalt, dabei hatte der Winter gerade erst begonnen. Im letzten Spiel hatte er versucht, seinen Mantel zu verwetten - das Einzige, was ihm noch geblieben war -, aber Gott sei Dank hatten sie ihn nur ausgelacht. Sie lachten ihn meistens aus.
Er stolperte erneut, diesmal über einen unebenen Pflasterstein, und plötzlich wurde ihm übel. Er sollte damit aufhören. Mit dem Trinken. Mit dem Spielen. Wieder hatte er kein Geld mehr in der Tasche, jedenfalls bis zur nächsten Stütze, die erst in ein paar Tagen anstand. Aber was gab es denn sonst? Immer wieder leere Versprechungen. Das war die Geschichte seines Landes; jeder machte Versprechungen. Und niemand hielt sie. Wenigstens auf den billigen Wodka war Verlass.
Plötzlich blieb er stehen, ihm war schlecht und er musste dringend Wasser lassen. Die Lichter der Stadt wirbelten um ihn herum, eine schwindelerregende Wirrnis von Leuchtreklamen, die eine Zukunft verhießen, in der er keine Rolle spielte. Er trat einen Schritt zurück und versuchte, das Gleich
gewicht zu halten; von der Eiseskälte taten ihm alle Knochen weh.
Wo war er? Immer noch weit, noch einen langen Fußmarsch von zu Hause weg. Er schaute sich nach einer Stelle um, wo er sich erleichtern konnte. Links von ihm zweigte eine kleine, unbeleuchtete Straße ab, undurchdringliche Schwärze nur wenige Meter abseits von der Stelle, an der er stand. Er blickte zurück. Das Zentrum der Stadt und der große Platz in der Ferne lagen verlassen da, trostlos und frostig im schwachen Schein der Straßenlaternen.
Er drehte sich um und trat vorsichtig in die unbeleuchtete Straße. Ein Rest von Anstand ließ ihn weiter in die Dunkelheit vordringen - er hatte keine Lust, zu allem Überfluss auch noch verhaftet zu werden.
Da seine Augen sich noch nicht an das Dunkel gewöhnt hatten, konnte er kaum etwas erkennen. Hohe, nackte Gebäude ragten rechts und links auf, während sich hinter ihm die Lichter der Hauptstraße verloren. Er machte noch einen Schritt vorwärts und stolperte von Neuem, nachdem sein Fuß an etwas hängen geblieben war. Etwas Schwerem, das mitten auf der Straße lag. Etwas Weichem.
Er fiel vornüber und schrammte mit Arm und Schulter über den rauen Boden; selbst in seinem trunkenen Zustand tat der Aufprall ihm weh. Keuchend drehte er sich auf den Rücken und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Über ihm in der schmalen Lücke zwischen den hohen Gebäuden konnte er ein funkelndes Sternenmuster sehen.
Seine Augen stellten sich allmählich auf die Dunkelheit ein und er wälzte sich auf die Seite, um zu sehen, was ihn zum Stolpern gebracht hatte. Zunächst konnte er es gar nicht erkennen. Nur ein nichtssagender, unförmiger Haufen, der sich über den gefrorenen Boden erstreckte. Mit der Zeit fand er, dass er irgendwie einer menschlichen Gestalt ähnelte, aber
dann auch wieder nicht. Er rollte sich wieder auf den Rücken und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen, versuchte zu verstehen, was hier nicht stimmte.
Und mit einem Mal begriff er, was es war, und er fing an zu schreien, während die Übelkeit, die sich in seinem Magen breitgemacht hatte, ihn überwältigte und einen sauren Geschmack in seiner Kehle hinterließ.
Als die Polizeistreife fünfzehn Minuten später eintraf, lag er noch immer stöhnend und würgend da.

TEIL EINS

Es war wie eins der Höllentore.
Mit rasender Geschwindigkeit fuhren sie vom Flughafen Richtung Nordosten, geradewegs auf die Stadt zu, während der Sonnenuntergang purpurrote Schatten vor ihnen auf die Straße warf. Als es zu dämmern begann und allmählich Sterne am Himmel aufgingen, wich die leere Steppe einem gewaltigen Industriekomplex, der sich zu beiden Seiten der Straße erstreckte. Endlose nackte Gebäude ragten in die dichter werdende Winterdunkelheit, dazwischen Netze aus schweren Pipelines und ein Gewirr fahler, orangefarbener Lichter. Irgendwo mittendrin loderte eine einzelne Flamme.
Nergui folgte Drews Blick. »Bergbau. Hier vor allem Kohle, aber in der Gegend gibt es auch Goldvorkommen. Ein primitives Verfahren. Bei Ihnen wäre das heute, glaube ich, gar nicht mehr erlaubt. Diese Hässlichkeit, diese Umweltverschmutzung. Aber die Sowjets haben sich über solche Dinge nicht allzu viele Gedanken gemacht. Und ich nehme an, solange wir noch irgendeine Form von Industrie haben, tun wir das wohl auch nicht. Wir haben schwere Zeiten hinter uns.« Er zuckte die Schultern und lächelte. »Ein großer Teil des Landes ist aber noch unberührt. Ich hoffe, Sie haben während Ihres Aufenthalts Gelegenheit, etwas davon zu sehen.«
»Ich weiß nicht ...«
Nergui nickte. »Natürlich, verzeihen Sie. Mord ist keine Bagatellsache. Schon gar nicht in einem Fall wie diesem. Wir werden Ihnen jegliche Unterstützung zukommen lassen. Auch
wir nehmen diese Angelegenheit äußerst ernst. Ich wollte nur ein guter Gastgeber sein.«
Drew schüttelte den Kopf. »Nein, nein, schon in Ordnung. Ich möchte unbedingt etwas vom Land sehen, solange ich hier bin.«
»Ich stehe Ihnen gerne als Fremdenführer zur Verfügung, Chief Inspector.«
»Bitte nennen Sie mich Drew.«
Der Mongole nickte bedächtig. Er selbst hatte keinen Hinweis auf seinen Rang oder seine Position gegeben. Am Flughafen hatte Nergui sich Drew - einem der wenigen westlichen Passagiere in der ankommenden Maschine - lediglich mit Namen vorgestellt. In den Telefongesprächen und E-Mails, die vor Drews Ankunft hin- und hergegangen waren, hatte es den Anschein gehabt, als leite Nergui die Ermittlungen, aber ausdrücklich gesagt hatte er es nicht. Stattdessen hatte er ihm den jüngeren Doripalam als Chef der Abteilung Schwerkriminalität vorgestellt.
Es stand jedoch außer Frage, dass Nergui sich im Fond dieses Dienstwagens wohlfühlte, während Doripalam als Beifahrer neben einem schweigenden Subalternen saß, der sie über diese gesichtslose Straße in Richtung Stadtzentrum chauffierte.
Ebenfalls außer Frage stand, dass Drew weit von zu Hause weg war.

Zu Hause, das war achttausend Kilometer entfernt. Zu Hause, das war die sanfte Frische des spätherbstlichen Regens, nicht der harte Zugriff des nahenden Winters. Es war der graue Platzregen, der Drew begrüßt hatte, als er an diesem Morgen zu unchristlicher Zeit aus dem Bett gekrochen war, den regelmäßigen Atem seiner Frau und den leiseren, gleich schwingenden Atem der Kinder aus dem Nachbarzimmer im Ohr.
Der endlose Sturzbach, der dreißig Minuten später die Windschutzscheibe des Taxis hinabrann, das rhythmische Hin und Her der Scheibenwischer. Das übertrieben fröhliche Geplänkel des Fahrers, der nach dieser Fahrt Feierabend hatte und sich schon auf sein Bett freute.
Wie immer war Drew zu früh am Flughafen angekommen und musste nach dem Einchecken noch eine Ewigkeit warten; dabei versuchte er, nicht an den stundenlangen Flug zu denken, der vor ihm lag, und nicht an das, was ihn wohl am Ende der Reise erwartete. Als er das Flugzeug nach Heathrow bestieg, war er immer noch nicht richtig wach, ein willfähriger Automat, der seinen Reisepass festhielt, nach seinem hastig besorgten Visum tastete, mit seinem Packen Tickets herumspielte. Die Maschine landete zwangsläufig mit Verspätung, nachdem sie eine ganze Weile über London hatte kreisen müssen, wo sich bereits der Montagmorgenstau bildete. Am Ende wurde die Zeit so knapp, dass er quer durch das Terminal zu dem Anschlussflug der Lufthansa nach Berlin rennen musste. Als er den Gang des Flugzeugs entlangstolperte, hatten die anderen Passagiere ihn böse angeguckt; schließlich war er derjenige, der...

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das war's also. Wieder einmal abgebrannt. Bis auf den letzten tugrik.
Er taumelte gegen die Mauer, verlor beinahe das Gleichgewicht, richtete sich schwankend wieder auf und tappte mit unsicheren Schritten die menschenleere Straße entlang.
Wie spät war es? Bestimmt nach Mitternacht. Auf dem großen Platz hatten die Straßenlaternen noch gebrannt, doch in den schmalen Seitenstraßen war es düster. Und es war kalt. Klirrend kalt, dabei hatte der Winter gerade erst begonnen. Im letzten Spiel hatte er versucht, seinen Mantel zu verwetten - das Einzige, was ihm noch geblieben war -, aber Gott sei Dank hatten sie ihn nur ausgelacht. Sie lachten ihn meistens aus.
Er stolperte erneut, diesmal über einen unebenen Pflasterstein, und plötzlich wurde ihm übel. Er sollte damit aufhören. Mit dem Trinken. Mit dem Spielen. Wieder hatte er kein Geld mehr in der Tasche, jedenfalls bis zur nächsten Stütze, die erst in ein paar Tagen anstand. Aber was gab es denn sonst? Immer wieder leere Versprechungen. Das war die Geschichte seines Landes; jeder machte Versprechungen. Und niemand hielt sie. Wenigstens auf den billigen Wodka war Verlass.
Plötzlich blieb er stehen, ihm war schlecht und er musste dringend Wasser lassen. Die Lichter der Stadt wirbelten um ihn herum, eine schwindelerregende Wirrnis von Leuchtreklamen, die eine Zukunft verhießen, in der er keine Rolle spielte. Er trat einen Schritt zurück und versuchte, das Gleich
gewicht zu halten; von der Eiseskälte taten ihm alle Knochen weh.
Wo war er? Immer noch weit, noch einen langen Fußmarsch von zu Hause weg. Er schaute sich nach einer Stelle um, wo er sich erleichtern konnte. Links von ihm zweigte eine kleine, unbeleuchtete Straße ab, undurchdringliche Schwärze nur wenige Meter abseits von der Stelle, an der er stand. Er blickte zurück. Das Zentrum der Stadt und der große Platz in der Ferne lagen verlassen da, trostlos und frostig im schwachen Schein der Straßenlaternen.
Er drehte sich um und trat vorsichtig in die unbeleuchtete Straße. Ein Rest von Anstand ließ ihn weiter in die Dunkelheit vordringen - er hatte keine Lust, zu allem Überfluss auch noch verhaftet zu werden.
Da seine Augen sich noch nicht an das Dunkel gewöhnt hatten, konnte er kaum etwas erkennen. Hohe, nackte Gebäude ragten rechts und links auf, während sich hinter ihm die Lichter der Hauptstraße verloren. Er machte noch einen Schritt vorwärts und stolperte von Neuem, nachdem sein Fuß an etwas hängen geblieben war. Etwas Schwerem, das mitten auf der Straße lag. Etwas Weichem.
Er fiel vornüber und schrammte mit Arm und Schulter über den rauen Boden; selbst in seinem trunkenen Zustand tat der Aufprall ihm weh. Keuchend drehte er sich auf den Rücken und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Über ihm in der schmalen Lücke zwischen den hohen Gebäuden konnte er ein funkelndes Sternenmuster sehen.
Seine Augen stellten sich allmählich auf die Dunkelheit ein und er wälzte sich auf die Seite, um zu sehen, was ihn zum Stolpern gebracht hatte. Zunächst konnte er es gar nicht erkennen. Nur ein nichtssagender, unförmiger Haufen, der sich über den gefrorenen Boden erstreckte. Mit der Zeit fand er, dass er irgendwie einer menschlichen Gestalt ähnelte, aber
dann auch wieder nicht. Er rollte sich wieder auf den Rücken und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen, versuchte zu verstehen, was hier nicht stimmte.
Und mit einem Mal begriff er, was es war, und er fing an zu schreien, während die Übelkeit, die sich in seinem Magen breitgemacht hatte, ihn überwältigte und einen sauren Geschmack in seiner Kehle hinterließ.
Als die Polizeistreife fünfzehn Minuten später eintraf, lag er noch immer stöhnend und würgend da.

TEIL EINS

Es war wie eins der Höllentore.
Mit rasender Geschwindigkeit fuhren sie vom Flughafen Richtung Nordosten, geradewegs auf die Stadt zu, während der Sonnenuntergang purpurrote Schatten vor ihnen auf die Straße warf. Als es zu dämmern begann und allmählich Sterne am Himmel aufgingen, wich die leere Steppe einem gewaltigen Industriekomplex, der sich zu beiden Seiten der Straße erstreckte. Endlose nackte Gebäude ragten in die dichter werdende Winterdunkelheit, dazwischen Netze aus schweren Pipelines und ein Gewirr fahler, orangefarbener Lichter. Irgendwo mittendrin loderte eine einzelne Flamme.
Nergui folgte Drews Blick. »Bergbau. Hier vor allem Kohle, aber in der Gegend gibt es auch Goldvorkommen. Ein primitives Verfahren. Bei Ihnen wäre das heute, glaube ich, gar nicht mehr erlaubt. Diese Hässlichkeit, diese Umweltverschmutzung. Aber die Sowjets haben sich über solche Dinge nicht allzu viele Gedanken gemacht. Und ich nehme an, solange wir noch irgendeine Form von Industrie haben, tun wir das wohl auch nicht. Wir haben schwere Zeiten hinter uns.« Er zuckte die Schultern und lächelte. »Ein großer Teil des Landes ist aber noch unberührt. Ich hoffe, Sie haben während Ihres Aufenthalts Gelegenheit, etwas davon zu sehen.«
»Ich weiß nicht ...«
Nergui nickte. »Natürlich, verzeihen Sie. Mord ist keine Bagatellsache. Schon gar nicht in einem Fall wie diesem. Wir werden Ihnen jegliche Unterstützung zukommen lassen. Auch
wir nehmen diese Angelegenheit äußerst ernst. Ich wollte nur ein guter Gastgeber sein.«
Drew schüttelte den Kopf. »Nein, nein, schon in Ordnung. Ich möchte unbedingt etwas vom Land sehen, solange ich hier bin.«
»Ich stehe Ihnen gerne als Fremdenführer zur Verfügung, Chief Inspector.«
»Bitte nennen Sie mich Drew.«
Der Mongole nickte bedächtig. Er selbst hatte keinen Hinweis auf seinen Rang oder seine Position gegeben. Am Flughafen hatte Nergui sich Drew - einem der wenigen westlichen Passagiere in der ankommenden Maschine - lediglich mit Namen vorgestellt. In den Telefongesprächen und E-Mails, die vor Drews Ankunft hin- und hergegangen waren, hatte es den Anschein gehabt, als leite Nergui die Ermittlungen, aber ausdrücklich gesagt hatte er es nicht. Stattdessen hatte er ihm den jüngeren Doripalam als Chef der Abteilung Schwerkriminalität vorgestellt.
Es stand jedoch außer Frage, dass Nergui sich im Fond dieses Dienstwagens wohlfühlte, während Doripalam als Beifahrer neben einem schweigenden Subalternen saß, der sie über diese gesichtslose Straße in Richtung Stadtzentrum chauffierte.
Ebenfalls außer Frage stand, dass Drew weit von zu Hause weg war.
Zu Hause, das war achttausend Kilometer entfernt. Zu Hause, das war die sanfte Frische des spätherbstlichen Regens, nicht der harte Zugriff des nahenden Winters. Es war der graue Platzregen, der Drew begrüßt hatte, als er an diesem Morgen zu unchristlicher Zeit aus dem Bett gekrochen war, den regelmäßigen Atem seiner Frau und den leiseren, gleich schwingenden Atem der Kinder aus dem Nachbarzimmer im Ohr.
Der endlose Sturzbach, der dreißig Minuten später die Windschutzscheibe des Taxis hinabrann, das rhythmische Hin und Her der Scheibenwischer. Das übertrieben fröhliche Geplänkel des Fahrers, der nach dieser Fahrt Feierabend hatte und sich schon auf sein Bett freute.
Wie immer war Drew zu früh am Flughafen angekommen und musste nach dem Einchecken noch eine Ewigkeit warten; dabei versuchte er, nicht an den stundenlangen Flug zu denken, der vor ihm lag, und nicht an das, was ihn wohl am Ende der Reise erwartete. Als er das Flugzeug nach Heathrow bestieg, war er immer noch nicht richtig wach, ein willfähriger Automat, der seinen Reisepass festhielt, nach seinem hastig besorgten Visum tastete, mit seinem Packen Tickets herumspielte. Die Maschine landete zwangsläufig mit Verspätung, nachdem sie eine ganze Weile über London hatte kreisen müssen, wo sich bereits der Montagmorgenstau bildete. Am Ende wurde die Zeit so knapp, dass er quer durch das Terminal zu dem Anschlussflug der Lufthansa nach Berlin rennen musste. Als er den Gang des Flugzeugs entlangstolperte, hatten die anderen Passagiere ihn böse angeguckt; schließlich war er derjenige, der für die kurze Verspätung ihres Fluges verantwortlich war.

‹  Zurück zur Artikelübersicht