... und Sabine Ebert versucht zum Glück auch nicht, sie heraufzubeschwören. "Blut und Silber" zeigt das Leben, wie es war, nicht romantisiert und idyllisch, sondern hart, blutig und zumeist traurig. Mittelalterlich verträumtes Flair wird man vergeblich suchen, und nach dem Lesen kommt gewiss nicht das Gefühl auf, wie schön es wäre, in eine andere Epoche zu reisen. Und das ist gut so. Es gibt genug Romane, die vor allem dem weiblichen Leser schöne Träume verschaffen, anstatt zu zeigen, was vor allem die einfachen Menschen damals alles aushalten mussten. Sogar mich, die ich sonst nicht zart besaitet bin, hat es oftmals erschüttert, wie wenig Rechte damals galten und wie willkürlich gefoltert, geschändet und abgeschlachtet werden durfte. Und Ebert benutzt diese Momente nicht, um den Unerhaltungswert zu steigern, sondern um den Leser gefühlsmäßig aufzurütteln und Mitgefühl in ihm zu wecken.
Dabei kann man jedoch nicht sagen, der Roman wäre nicht spannend, im Gegenteil. Ebert versteht es so meisterhaft, mit schlichten Mitteln lebendige Szenerien zum Leben zu erwecken, dass man fast meint, den Schnee im eigenen Gesicht, die Turmmauern unter den eigenen Füßen dröhnen und die Erde vom Donnern der Hufe beben zu spüren. Die lebensechten Charaktere wachsen einem so eng ans Herz, dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann, weil man einfach wissen muss, was ihnen das Schicksal bringt. Zugegeben, manchmal geht es eng an der Grenze zum Klischee vorbei. Die eine oder andere Rettungsmission oder strategische Finte ist dann doch ein wenig unglaubwürdig, und manchmal sind die Helden ein wenig zu unverwundbar. Aber wie gesagt, das liegt an der Grenze und lässt sich im Rahmen der Unterhaltsamkeit verschmerzen.
Das einzige, was mich persönlich etwas störte, ist, das es keine echte Hauptperson gibt. Zuerst steht Ulrich von Maltitz im Mittelpunkt, der das Kommando über die Verteidigung Freibergs hat, dann rückt der junge Hauptmann Markus stärker in den Vordergrund. Die beiden Frauen an ihrer Seite, Sybilla und Änne, sind eher Nebenfiguren - was mich persönlich nicht angefochten hat, weil ich gerne über Männer lese, die nun einmal in Krieg und Freiheitskampf die Hauptakteure waren. Lästig fand ich jedoch, dass sowohl Ulrich als auch Markus im letzten Drittel ihre Hauptrollen an Friedrich, den Markgraf von Meißen, abgeben mussten, zu dem ich einfach keine Beziehung aufbauen konnte, weil er meiner Meinung nach eine zu unharmonische Mischung aus historischer Autenzität und Fiktion darstellt. Das ist jedoch natürlich reine Geschmackssache und stellt keinen Qualitätsverlust dar, denn Ebert verwebt die Charaktere gekonnt zum Ganzen einer großartigen, fesselnden, ergreifenden Geschichte, deren Bann man sich kaum entziehen kann.
Umso traurigere ist es dann, dass nur eine der beiden Liebesgeschichten ein glückliches Ende findet, obwohl dadurch natürlich noch besser deutlich wird, wie wenig Glück den Menschen damals beschieden war. Die Romanzen spielen ohnedies eine eher untergeordnete Rolle, was natürlich gut ist, weil so gewährleistet ist, dass die Geschichte sich aus kitschigen Gewässern heraushält. Auch das Sexualtreiben, das in der Hebammentrilogie nicht zu kurz kam, ist hier sehr sparsam. Ganz ehrlich gestanden, hätte der Roman von mir aus in dieser Hinsicht jedoch ruhig etwas "schlechter" sein können. Ein wenig Dahinschmelzen dürfte bei so viel Leid und Elend ruhig erlaubt sein. Dann hätte der Roman jedoch von mir auch wahrscheinlich nur vier Sterne bekommen, denn den fünften gibt es hier ganz eindeutig für die ungezuckerte Wirklichkeitstreue! Fest steht, dass Sabine Ebert nicht nur eine großartige Erzählerin ist, sondern auch begriffen hat, wie die Welt einst aussah und was in den (teils nicht vorhandenen) Seelen der Menschen vorging.