Die Psychoanalyse ist bis heute dadurch ausgezeichnet, dass ihre Erfolgsquote sich schwerlich objektivieren lässt, folglich ist darüber trefflich streiten. Sie tritt aber auch durch ihren kritischen Duktus, ihre Intellektualität, die philosophische Tiefe ihrer Konzepte und Diskussionen hervor. Die Psychoanalyse erfreut sich des Rufes kritisch zu sein, ja sie gilt als radikal gesellschaftskritisch.
Dass sie genuin auf eine ganz reale Praxis zielt und daran zu messen wäre, mag da so manchem schon als zu vernachlässigende Größe erscheinen. Wie unangenehm wird von solch hoher Warte aber ein handfeste, verstehende Kritik an ihrem Vorgehen wirken, die sich nicht mit dem Hinweis auf die Untauglichkeit des Therapierten, der Tiefe seiner Konflikte und Ähnlichem abspeisen lässt?
"Blumen auf Granit" von Dörte von Drigalski ist insofern eine Ausnahme geblieben. Sie hat das Wagnis auf sich genommen, diese Kritik nicht wiederum zu objektivieren: Soll heißen, sich und die ihr widerfahrene Beleidigung und Traumatisierung durch eine psychoanalytische Lehranalyse hinter einer begrifflich aufgeladenen Fachdiskussion dieses oder jenes Theorems zu verstecken. Stattdessen liefert sie in "Blumen auf Granit" zugleich mit fachlich informierten, psychoanalytischen Reflexionen den Bericht ihrer eigenen Lehrtherapie. Ihre Verfahrensweise macht sie verletzlich, muss die durch die Analyse verursachte Demütigung genauso thematisieren, wie ihre eigene Geschichte, den Inhalt der Analyse.
Als von Drigalski sich als junge Ärztin auf den Weg der Psychoanalyse begab, wollte sie den objektivierenden Automatismen des normalen deutschen Krankenhausbetriebes - in den sie eingebunden war - durch die Hinwendung zu einer, die seelische Dimension des Menschen würdigende Wissenschaft etwas entgegensetzen. Über die ihr auf diesem seelischen Feld zugefügten Verletzungen zu berichten, denke ich mir als Kraftakt und intellektuelles Wagnis sondergleichen. Es nimmt deshalb nicht wunder, dass von Drigalski selbst gezögert hat, den von der Psychoanalyse gepflegten Idealismus bezüglich der Weisheit des Analytikers, seinen uneigennützigen Zielen etc ... abzulegen und ihren und andere Berichte, von ähnlich katastrophalen Analysen, eher als typisch, denn als seltene Ausnahmen zu begreifen.
Dieses Buch bleibt ein unverzichtbares Korrektiv. Ich wünschte, ich vermöchte es jedem intellektuellen oder praktischen Psychoanalyse-Freund unters Kopfkissen zu hexen.