Sicher ist Blue Velvet retrospektiv betrachtet einer der besten Filme im Schaffen des David Lynch. Nicht nur, weil er Dennis Hopper ein großartiges Comeback bescherte und Isabella Rossellini es ermöglichte, aus dem langen Schatten ihrer Mutter zu treten. Sondern weil er die Geburtsstunde des Kultregisseurs Lynch markiert, der nach dem genial gescheiterten "Dune - Der Wüstenplanet" den samtblauen Vorhang zum ersten Akt der Reise in die obskure Welt von Lynchtown öffnet, wo die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit zerfließen und das unfassbare Grauen in unmittelbarer Nachbarschaft zur heilen Welt existiert. Blue Velvet konstituierte Lynch als einen der bedeutendsten Autorenfilmer der Postmoderne, der fortan mysteriöse Ereignisse in subtilem Ton mit ironischen Anspielungen auf die amerikanische Lebensart verknüpft.
Blue Velvet beginnt mit irritierend künstlichen Bildern einer amerikanischen Kleinstadt, die in ihrer stilistischen Sterilität das Leben in dieser malerischen Vorortidylle fast zum Erstarren bringen. Als ob der Stillstand der Zeit das Ungeheuerliche gebiert. Danach findet Jeffrey Beaumont (Kyle MacLachlan) im Gras auf einer abgelegenen Wiese ein abgeschnittenes Ohr, das für ihn zur Eintrittskarte in eine andere Welt werden soll und ihn aus dem naiven Klima der Provinz in ein Dickicht aus Erotik und Gewalt treiben wird. Von Sandy (Laura Dern), der Tochter eines Polizeibeamten, erfährt er, dass die Spur des Verbrechens zu der Nachtclubsängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) führt. Er verschafft sich Zugang zu deren Wohnung und dringt so nicht nur in Dorothys Intimsphäre ein, sondern blickt fortan auf die verstörenden Abgründe der dunklen Winkel der menschlichen Seele. Denn in der Wohnung von Dorothy Vallens sieht Jeffrey zu seinem maßlosen Schrecken mehr, als er jemals sehen wollte.
An einer Stelle im Film fragt Sandy den zwischen Faszination und Abscheu wankenden Jeffrey:"Ich frage mich, ob du nur neugierig oder pervers bist?". Blue Velvet ist ein Film über die Kamera als voyeuristisches Auge, in dem Lynch den Zuschauer gezielt zum Komplizen des Protagonisten macht. Der Betrachter steht neben Jeffrey im Schrank und beobachtet heimlich aus dessen subjektiver Perspektive das Objekt der Begierde. Als Dorothy die Schranktür aufreißt, kehrt sich die Situation um. Das passive Objekt wird zum Macht ausübenden Subjekt. Der eben noch Erregung verspürende Voyeur wird zum auf frischer Tat ertappten Spanner. Dorothy bedroht ihn mit einem Messer, spricht ihn sogar direkt mit seinem Namen an und zwingt ihn, sich vor ihr auszuziehen. Als der schizophrene Frank Booth (Dennis Hopper) auftaucht, versteckt sich Jeffrey erneut im Schrank. Nun wird er von Lynch zum hilflosen Zuseher degradiert, der Zeuge des brutalen Akts eines sadistischen Psychopathen wird, der die Familie von Dorothy als Geisel gefangen hält.
Dieses schockierende Porträt mit seiner expliziten Gewalt ist ein auf geniale Weise widersprüchlicher und boshafter Film, weil Lynch die Konventionen des Erzählkinos bewusst umgeht und sich hier zum erklärten Gegner des Zuschauers macht. So fällt der gefühlskalte Frank bei Bobby Vintons Song "Blue Velvet" in eine tiefe Sentimentalität und Dorothy verspürt in ihrer entsetzlichen Angst plötzlich selbst Erregung. Ist alles das, was wir etwa ab der 10. Spielminute sehen, nichts weiter als die spätpubertären Fantasien des Jeffrey Beaumont, der in Gedanken das dunkle, verdrängte Andere seiner Seele und das Schreckgespenst seiner Sexualität in einer Gestalt wie Frank Booth auslebt? Dringt dieser Tagtraum gar noch tiefer in Jeffreys Unterbewußtsein ein und in Dorothy Vallens und Frank Booth spiegelt sich die freigesetzte aggressive Anima seiner inzwischen in Alterslethargie erstarrten Eltern, die in unbewältigten Kindheitstraumata Ursache für den ödipalen Komplex von Jeffrey ist? Denn in diesem Moment fährt die Kamera in das abgeschnittene Ohr und der Film endet, indem die Kamera aus Jeffreys Ohr herausfährt und man Jeffrey auf einem Liegestuhl bei strahlendem Wetter in einem ironisch konnotierten, pittoresken Ambiente dieser Kleinstadt liegen sieht. Eine eindeutige Antwort lässt Blue Velvet nicht zu. Wenn man sich Lynchs Kurzfilme ansieht und die ähnlichen Erzählmuster in Lost Highway und Mulholland Drive betrachtet, ist es die plausibelste Antwort, die allerdings ebenfalls an der immanenten Unlogik des Films zwangsläufig scheitert. In gewisser Weise markiert das Schlüpfen der Kamera in das Ohr einen ähnlichen Punkt wie der Autounfall von Camilla in Mulholland Drive: Das Erzählmuster verlässt die objektive Perspektive und schlüpft in die Haut des dissoziativen Ichs, dessen Wahrnehmungslogik in dem von Angst besetzten Raum außer Kraft gesetzt wird und wo fortan die Grenzen zwischen Entfremdungsfantasie und Realität verwischen. In den Kontext zu Blue Velvet passt eine Aussage, die Lynch einmal retrospektiv in einem Interview tätigte: "Weil ich in einer so schönen und perfekten Welt aufgewachsen bin, wurden alle anderen Dinge zum Kontrast".
Das Bildformat liegt in 1:2,35 bzw. 16:9 Widescreen vor. Die Bildauflösung ist qualitativ sehr gut. Die Tonspur ist jeweils in Deutsch und Englisch Dolby Digital 5.1 abrufbar.
Bonusmaterial: Dokumentation "Mysteries Of Love", unveröffentlichte Szenen, das Special "Siskel & Ebert At The Movies 1986", Bildergalerie, 2 TV-Teaser, Kinotrailer.