1978 öffnet sich mit "Blue Valentine" ein Zeitfenster. Wir begegnen hier einem Tom, der den Blues hat - und zwar in seiner schmutzigen, rockigen Variante. Über zehn Jahre später in den 1990ern wird er an das, was hier zu hören ist, anknüpfen und es zur Perfektion treiben. Doch wie es mit Blicken in die Zukunft so ist: im Moment, da sie sich auftun, verstehen wir sie nur bedingt.
"Blue Valentine" ist der schroffe Solitär der Waitschen 1970er. Tom lässt das Piano Piano sein und kehrt nur noch selten an seine Tasten zurück. Das Saxophon wird in den Hintergrund verbannt. Dafür grooven Gitarren und eine Orgel wabert aufrührerisch im Vordergrund der Songs herum. Und Tom entdeckt nun mehr und mehr das Instrument, mit dem er das Klavier in Zukunft ersetzen wird: seine Stimme. Er heult, krächzt, hustet und bellt. Noch greift er nicht zum Megaphone. Aber wer ihn auf "Blue Valentine" beobachtet, der wird über den späteren Human-Beat-Box-Tom der 1990er und 2000er nicht mehr erstaunt sein.
In den Songs geht es garstiger zu denn je. Männer verbluten - an Schusswunden und am gebrochenen Herz. Auf Friedhöfen wird herumgepfiffen, Mädchen haben nicht mehr unter ihren Jeans als süße kleine Wünsche und hübsche, blaue Träume. Keiner kommt hier gesund an Körper und Geist wieder raus. Wie zum Hohn beginnt Tom diesen brechtschen Kreaturen-Reigen mit einem wunderschönen, weltverlorenen "Somewhere"-Cover. Danach geht es in sieben Songs ungeschminkt zur Sache, wobei unter anderem "Romeo is bleeding" noch lange bei uns bleibt. Einzig "Kentucky Avenue" kurz vor Schluss, das so schön ist, dass man beim Hören in Tränen ausbrechen möchte, taucht die Szenerie für fünf Minuten in ein wehmütiges Altweibersommer-Licht verlorener Kindheitstage. Nur um einen Song weiter mit einer süssen kleinen Kugel aus einer hübschen blauen Knarre mitten ins Herz getroffen zu werden.
"Blue Valentine" ist ein Versprechen auf die Zukunft. Hier stehen Veränderungen ins Haus. Eine Platte, zu der man immer wieder zurück kehrt und die mit der Zeit reift wie selbstgepanschter Gin in einem rostigen Benzinfass hinter dem Schuppen.
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Dies ist der sechste Teil meines Annäherungsversuches an den Waitsschen Kanon. Zum Vorgänger gelangen Sie hier: "
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Heartattack and Vine".