Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 19.11.1998, Marc Degens
Über die etymologische Herkunft der englischen Bezeichnung für Blaumeise (blue tit) stieß Müller schließlich auf Island; tittr' bedeutet im Altisländischen kleiner Vogel'. Mehrfach bereiste der Autor sodann die Vulkaninsel, er interviewte den Staatspräsidenten ebenso wie den schwulen Popstar Páll skar Hjálmtysson, und verarbeitete seine Erkenntnisse in Beiträgen für deutsche Zeitungen und TV-Magazine, aus denen schließlich das vorliegende, reich bebilderte Nachschlagewerk entstand. Die einundreißig, alphabetisch angeordneten Kapitel sind allerdings nur lose miteinander verbunden. Beispielsweise ist tittlingur' im modernen Isländisch nicht nur ein häufiger Wortbestandteil von Vogelnamen, sondern zugleich auch eine Bezeichnung für das männliche Geschlechtsteil. Schon folgt dem Besuchsprotokoll beim Tierpräparator ein Abschnitt über Islands einzigen bekannten Transvestiten. Auch die Darstellungsformen sind nicht einheitlich, sie reichen vom Aufsatz bis hin zum didaktischen Poem. Das abgedruckte Lehrgedicht "Yvonne", das vom Popsternchen Andreas Dorau auf seiner letzten Schallplatte vertont wurde, ist so mehr als nur eine lyrische Liebeserklärung an eine weibliche Blaumeise ("Immerhin sechs Arten/gibt's bei uns in Hof und Garten/- eine davon wohnt bei mir"), sondern verrät in zehn seperaten Fußnoten umfangreiches ornithologisches Fachwissen. Das macht die Lektüre interessant und kurzweilig zugleich. Ein eigenes Kapitel bildet Müllers Beschäftigung mit Elfen. Alben, Elben oder Elfen sind mit übernatürlichen Kräften ausgestattete Fabelwesen von kleinem Wuchs, die bevorzugt in Steinen wohnen, und denen Jacob Grimm eine nähere Göttlichkeit als den Menschen einräumt (Deutsche Mythologie). Über 20% der Isländer glauben an ihre Existenz, und jeder 20. Isländer behauptet sogar, schon einmal einer Elfe begegnet zu sein. Wolfgang Müller machte sich auf die Spurensuche, er befragte den Leiter der weltweit einzigen Elfenschule und die offizielle Elfenbeauftragte des Reykjaviker Bauamtes Erla Stefansdottir, und wurde fündig...BLUE TIT - Das deutsch-isländische Blaumeisenbuch trägt faustische Züge, es will die Natur nicht umfassend abhandeln, sondern punktuell befragen. Und wer schon immer wissen, was aus dem Meisenknödelerfinder geworden ist, oder was die F.D.P. und die Blaumeise verbindet, wird in diesem Nachschlagewerk Antworten finden.
die tageszeitung, Berlin, 10.10.1998, Harald Fricke
Dabei ist Blue Tit Biografie, Reisebuch, Kunstreader, und Katalogbuch in einem. Selbst abwegige Themen wie präparierte Tierpenisse im Museum und Travestie als gedrucktes Hörspiel verzahnen sich plötzlich zum Alltag, der bei Müller mehr einem wild bepflanzten Gartenbeet ähnelt. So erfährt man, warum es eine Israel-Island-Connection in Sachen Schwulenclubs gibt oder wie man Flechtenmilchsuppe kocht. Nebenbei erklärt Müller, was es mit den legendären Neidschuhen auf sich hat und daß es auf Island gar keine Blaumeisen gibt, die doch für das Buch titelgebend waren. Außerdem gibt es Orchideenwege, Geysirwanderungen und eine Reihe verblüffender Studien zum Thema nordische Esoterik und Elfenglaube. Der Künstler kontert diese bemerkenswerten Erfahrungen mit eingestreuten Beschreibungen seiner Objekte aus den letzten Jahren.