Zugsimulationen kenne ich nicht, Zugsimulationen sind langweilig und Zugsimulationen sind so gar nicht meins. Das jedenfalls WAR meine bisherige Meinung. Nachdem ich mich aus einem Impuls heraus dazu entschlossen habe, mir im Rahmen eines Vine-Produkttests die "volle Dröhnung" zu geben, was solche Simulationen angeht, habe ich mich kurz gefragt, ob das wirklich die richtige Entscheidung war. Nun, ich habe die Entscheidung nicht bereut. Die drei getesteten Produkte Pro Train Perfect 2, Trainz Simulator 12 und Train Simulator 2012 haben nicht nur mir, sondern auch meinem 3-jährigen Sohn viel Spaß gemacht und sie haben, auf eine Art, meinen Horizont für etwas erweitert, auf das ich als RTS- und FPS-Spieler immer mit Unverständnis gesehen habe: Komplexe Simulationen.
Gute und tiefgehende Produktrezensionen gibt es zu allen drei Produkten zur Genüge, von daher werde ich mich primär dem Vergleich der drei Produkte widmen, um dem Kaufinteressierten eine einfachere Einordnung der drei Spiele in einen Gesamtkontext zu ermöglichen.
Grafisch und technisch bewegen sich alle drei Titel (was angesichts sehr ähnlicher Engine nicht groß überrascht) im selben Segment, wobei die Abfolge am ehesten Pro Train < Trainz < Railworks 3 ist. Allerdings sind die Abstände zwischen den beiden letzteren verschwindend gering. Sieht generell alles hübsch und nett aus, ist aber bei allen drei Titeln irgendwie trotz allem etwas "statisch" bzw. "steril"; trotz der "rollenden Regentropfen" auch in Railworks. Aussehen ist eben nicht alles und es fehlt irgendwie das fühlbare "Leben" in den mithin hochauflösenden Landschaften. Vermutlich bin ich da von den vielen zufalls-geskripteten Ereignissen aus FPS-Titeln etwas verwöhnt. Es ist halt auch kein Sandbox- oder OpenWorld-Universum, in dem man da herumfährt, sondern ein klar umrissenes Szenario (jedenfalls was die Karten angeht). Nun denn, nichtsdestotrotz: Die vorhandenen Szenarien sind bei allen drei Spielen gut aufgebaut und machen einfach nur Spaß, auch wenn etwas Einarbeitung vonnöten ist, wenn man sich gar nicht auskennt. Gut ist daher bei allen drei Titeln der skalierbare Schwierigkeitsgrad, der es sowohl mir als auch meinem Sohn (wie gesagt 3 Jahre alt) erlaubt hat, an den Spielen letzten Endes unseren jeweiligen Spaß zu finden. Die Tutorials steigen für mein Empfinden zu "flach" ein, was den Schwierigkeitsgrad angeht. Dank FSK 0 und einer entsprechenden Klientel ist das aber kaum anders zu machen, auch wenn die Frage bleibt, ob es sinnvoll ist, die Spanne zwischen Kleinkindern, Gelegenheits-Computernutzern und Eisenbahnenthusiasten-Nerds mit einem einzelnen Titel erschlagen zu wollen.
Kurz und knapp zu den einzelnen Titeln:
Pro Train Perfekt 2 Gold Edition
- ICE, S-Bahn, Diesellok, E-Lok und diverse Anhänger
- (über die mitgelieferten Addons) Vier große deutsche Strecken mit >1000km Fahrtstrecke
- Editor wird mitgeliefert
- im Vergleich zu den beiden anderen Titeln "ältere" Technik (und somit Optik), aber noch vor dem
Microsoft Train Simulator
- hakelige Installation (aber guter Support, z.B. über Foren)
- viel Webcontent zu deutschen Strecken und zusätzlichen Fahrzeugen (Auran)
- Registrierung(en) nötig (für den Webcontent)
- schwerer zugänglich als die anderen Titel (vor allem die Addons)
Train Simulator 2012 - Railworks 3
- 15 Loks (Dampf bis heute)
- 8 Routen mit 70 Szenarien (1 deutsche Strecke, 3 englische, 1 amerikanische; 3 fiktive)
- Editor wird mitgeliefert
- Kurvenüberhöhung (die Züge "kippen" in Kurven)
- Grafisch aufgemöbelt (Spiegelungen, Wasser, weitere Sicht, Schattenwurf etc.; Tropfeneffekte auf den Scheiben). Achtung: diese Features müssen oft aktiviert werden
- inzwischen teilweise freier Webcontent aus der Community, aber primär diverse Addons vom Hersteller (z.B. Horseshoe Curve), die relativ teuer sind
- läuft nur mit/über Steam zu spielen
- Karrieremodus (falls man mal mehr möchte als nur eine Simulation)
- Registrierung(en) nötig (für den Webcontent)
- lange Ladezeiten und allgemein hohe Hardwarenanforderungen
- in der deutschen Version ein Addon mit dem ICE1 und 8(!) zusätzlichen Strecken
Trainz Simulator 12
- Große Anzahl Strecken, darunter auch viele internationale Routen z.B. China, Rußland, England; durch Tausch und Download-Area noch mehr Strecken (deutlich die größte Anzahl der drei Produkte)
- Nicht nur auf Züge fixiert. Man kann auch Autos, Boote, ... was auch immer fahren.
- Editor wird mitgeliefert
- Hardwareanforderungen gut nach unten skalierbar (funktioniert auch auf schlechteren Geräten), allerdings fehlen hin und wieder hochauflösende Texturen (kann auch nur bei mir der Fall sein - das sei dahingestellt).
- starker Fokus auf Multiplayer/Online-Tausch von Strecken und Webcontent (Auran), allerdings findet das Map-Bauen im Single-Player statt (man kann also nicht "zusammen" was bauen)
- relativ simples, Aufgaben-basierende Spielprinzip
- mitunter hakelige Installation
- wird auch über Steam verkauft, ist dort aber nicht (!) mit dem Boxed-Retail-Code einzubinden. Will heißen: man kann es nicht (wie ich es gerne mache) in seine Spielesammlung bei Steam einbinden
- Registrierung(en) nötig (für den Webcontent)
- Abwärtskompatibel zu vorherigen Titeln der Trainz-Serie
Allgemein sind die drei Spiele nichts für Casual Gamer - es sei denn sie sind wirklich Casual-Casual (also sehr jung) und haben schon alleine ihren Spaß daran, wenn die Lok vorwärts und/oder rückwärts fährt. Ansonsten eher Produkte für eingefleischte Eisenbahnfans. Vor allem dann, wenn es um den Kartenbau geht. Hier setzen sich alle drei Produkte aber aufgrund von geringerer Komplexität von anderen Produkten am Markt wie dem EEP ab (Eisenbahn.exe). Was auffällt ist, daß es zur Vermarktungsstrategie der Hersteller gehört, DLCs zu hohen Preisen anzubieten und eine erfolgreiche Engine bzw. Spielidee durch mitunter minimale Differenzierung auf diverse Spiele aufzuteilen, die man einzeln kaufen kann, aber ja zum Glück nicht muß. Bei Halycon wird sehr viel Wert darauf gelegt, auf die umfangreiche Auran-Plattform zu verweisen, auf der man 100000+ Objekte herunterladen kann für die eigenen Maps. Im Grunde auch keine schlechte Idee, aber die Anzahl der Objekte kommt wohl dadurch zustande, daß man auch niedrig-auflösende Objekte "alter" Spiele mitzählt. Pixelmonster nutzt aber wohl keiner in seinen neuen Karten.
Im Fazit:
Pro Train Perfekt ist im Vergleich zu den beiden anderen Titel veraltet, bietet dafür aber ein sehr großes Spektrum an Webcontent, der vor allem auch viele eher unbekannte deutsche Strecken zur Verfügung stellt. Für Fans dieses Streckennetzes ggf. noch zu empfehlen. Train Simulator 2012 - Railworks 3 bietet hochauflösendes Grafikvergnügen, allerdings alles nur als Single-Player und mit einem deutlichen Fokus auf Leute, die sich gerne mal Premium-Content und Eye-Candy zulegen möchten(vgl. die DLCs). Die deutsche Version wird aufgewertet durch ein Addon, das direkt beiliegt und den ICE1 und 8 Strecken bietet. Die rundeste Sache für den Standard-Eisenbahnfreund ist allerdings, obwohl die Grafik vielleicht etwas hinter Railworks 3 liegt, Trainz Simulator 12, weil das Spiel durch die relativ starke Online-Community getragen wird und eine große Anzahl an Maps hervorbringt. Die Multiplayer-Features stehen hier ganz klar im Vordergrund, während der Train Simulator mehr Wert darauf legt, wirklich zu simulieren. Allerdings sei noch einmal deutlich gesagt, daß ENTGEGEN DER WERBEAUSSAGEN von Halycon bei Trainz kein (!) gemeinsames Bauen an Karten möglich ist. Man kann sie nur teilen, nachdem man sie gebaut hat.