Es gibt gute Musik, schlechte Musik, mäßige Musik, langweilige Musik usw. usf.
Und es gibt Kunst.
Kunst ist nicht schlecht oder gut, sondern sie IST einfach. Und vermittelt eine Botschaft - ob sie dem Rezipienten gefällig ist oder nicht, das spielt keine Rolle.
Bei der Blue Potential findet nun der geneigte Hörer unter Umständen (je nach musikalischer Präferenz) beides: Kunst, die in einen zwar anfangs etwas konträr anmutenden, aber letztlich äußerst hörenswerten musikalischen Kontext eingebettet wurde. Wer Jeff Mills nicht nur als Musiker, sondern auch als Künstler kennt, wird nicht überrascht darüber sein, was er auf der absolut lohnenswerten DVD an Zusatzinformation erhält. Wobei Mills seine Werke nicht erst in klassische Arrangements übersetzen (lassen) muss, um sich Künstler bezeichnen zu dürfen.
Dies ist er so oder so: mit seinem exzentrisch wirkenden Anspruch, den er an seine Arbeit hat und seinen wie freie Abstraktionen eines Malers wirkenden Tracks, deren Botschaften für alle nicht Eingeweihten ein ewiges Rätsel bleiben dürften und nicht zuletzt mit seinen regelrecht avantgardistischen DJ-Sets Anfang der 90-er ist er schon lange eine künstlerische Gallionsfigur seines Metiers.
Musikalisch ist die CD natürlich Geschmackssache. Wer jedoch die Originaltracks kennt und mag, wird sich nicht nur über die neue akustische Perspektive freuen, sondern auch schnell feststellen, dass die klassische Umsetzung gar nicht so abwegig ist, da die Originalkompositionen von Mills schon sehr nahe an den klassischen Arrangements angelegt worden sind. Unbedingt anschauen sollte man sich wie oben schon erwähnt, die DVD inklusive der Kommentare vom Künstler persönlich. Eins ist sicher: im Anschluss hört man jedes Stück in einem ganz neuen Klang. Und mit jedem Hören wird das Album nicht nur interessanter, sondern auch besser, mittlerweile kann ich es ganz klar zu meinen Favoriten in meiner Musiksammlung zählen.
Symbiose Klassik & Techno: dies ist der einzige, wenn auch kleine Schwachpunkt, denn hier bleibt viel Potential ungenutzt. Ich hatte mir eine wirkliche Symbiose vorgestellt, eine Symbiose, die ein klassisches Orchester und elektronische Klangerzeugung zu einem unentwirrbaren Klanggeflecht verbindet. Dies ist leider nicht der Fall, man hat auf der einen Seite das Orchester (das sehr gut spielt) und auf der anderen Seite des Künstlers Drumcomputer (der mit einem perfekten Timing quasi der Puls des Konzertes ist) - beides zwar sehr gut aufeinander abgestimmt, aber eben noch nicht so wie es sein könnte. Vielleicht wird ja dieses Potential irgendwann noch einmal wirklich ausgenutzt.
Glücklicherweise wird man durch die hervorragende Umsetzung des Orchesters und trotz der (möglicherweise beabsichtigt) stark reduzierten elektronischen Unterstützung mit einem einzigartigen Klangerlebnis beglückt, das in seinen Höhepunkten sogar dem einen oder anderen Hörer ein unwillkürliches rhythmisches Zucken in den Beinen entlocken dürfte.
Fazit: Mills liefert in Summe einen künstlerischen Meilenstein ab, der trotz kleiner Schwächen in der Umsetzung in keinem CD-Regal von Freunden anspruchsvoller elektronischer Musik fehlen darf. Bei 10 zu vergebenden Punkten wäre das eine 9, bei 5 muss es die volle Punktzahl sein.