Vorneweg: Rein für sich gesehen ist Anno2070 gewiss kein schlechtes Spiel. Dennoch kommt es an den Vorgänger nicht heran und kann den Erwartungen an ein noch besseres Anno in einem neuen, erfrischenden Setting nicht gerecht werden. Der Wandel des Szenarios von der Zeit der Renaissance in die nahe Zukunft ist sicherlich Geschmackssache, die spielerischen Qualitäten des Spiels jedoch nur bedingt.
Der Online-/Offlinemodus:
Bevor man das erste Mal spielen kann, muss man seinen Key mit einem uPlay Account verknüpfen. Künftig loggt das Spiel beim Start automatisch in diesen Account ein, an den gleichzeitig das Profil gebunden ist. Ein Erstellen von weiteren Profilen ist nicht möglich. Sollten also mehrere Leute in einem Haushalt mit einem Spiel spielen wollen, muss man damit leben, dass nur eine Person gleichzeitig spielen kann und man sich gegenseitig die Erfolge "wegschnappt" (wobei das Nutzen von einem Spiel mit mehr als einer Person sowieso eine Grauzone ist).
Der vielgepriesene Offlinemodus ist eigentlich eine Farce. Aktiviert wird dieser auch nur dann, wenn der Rechner keine Internetverbindung hat - ansonsten versucht das Spiel automatisch den Verbindungsaufbau mit den Ubisoft Servern. Sollte man es dann doch geschafft haben das Spiel in den Offlinemodus zu bewegen, muss man leider feststellen, dass nicht nur ein paar Onlinefeatures nicht funktionieren, sondern auch essentielle Spielinhalte wie die Arche offline deaktiviert sind und damit Hauptfeatures des Spiel wie die Erforschung neuer Technologien quasi unbrauchbar werden. Indirekt wird der Spieler also in den Onlinemodus gezwungen, wenn er das Spiel komplett nutzen möchte.
Die Kampagne:
Die Kampagne ist ein relativ kurzes Verknügen und eigentlich eher ein größeres Tutorial. Länger als 10 Stunden wird niemand für die Kampagne brauchen, die Meisten sind eher fertig. Viele der Aufgaben sind schnell abgeschlossen und bestehen aus Botenaufträgen. Als nettes Beiwerk ganz in Ordnung, aber nichts, was einen sonderlich lang beschäftigt und das Spiel kaufenswert macht.
Der Multiplayermodus:
Im Gegensatz zu den Vorgängern kommt Anno2070 mit einem Multiplayermodus in der Hauptversion des Spiels. Auch die anderen Onlinefeatures wie der Weltenrat oder die Senatswahlen bestätigen den Eindruck, dass Anno2070 den Multiplayermodus stärker in den Vordergrund rücken möchte.
Nun ist Anno aber ein Spiel, dass für Multiplayerpartien nicht unbedingt gut geeignet ist. Die Spiele dauern mehrere Stunden und sind daher nicht für Menschen geeignet, die ab und an mal gemütlich ein-zwei Stündchen zocken möchten. Außer man sucht sich einen festen Spielpartner, mit dem man sich absprechen, das Spiel speichern und wann anders gemütlich weiterspielen kann - theoretisch. Denn in der Praxis macht das Onlinespielen bei vielen Leute Probleme: Nach einer guten Stunde beginnt das Spiel asyncron zu laufen. Man kann nun die Partie beenden und einen automatisch gespeicherten Stand laden - um nach ein paar Minuten den Vorgang wiederholen zu dürfen, um nach ein paar Minuten den Vorgang...
So richtig funktionieren tut das jedenfalls noch nicht und somit hält sich der Spielspaß beim gemeinsame Onlinespiel, selbst wenn man einen netten Spielpartner gefunden hat, doch sehr in Grenzen.
Ein Lan Modus um ohne solche Probleme zumindest mit dem Bruder/Freundin/Vater oder einem sonstigen Familienmitglied einen gemütlichen Anno-Abend verbringen zu können, gibt es übrigens nicht.
Das Endlosspiel:
Der Multiplayermodus war noch nie die Stärke von Anno, die Kampagne ist auch mehr oder weniger schnell durchgespielt. Was Anno aber seit jeher ausmacht und womit man die meiste Zeit verbringt, sind die Endlosspiele mit furcheinflößenden Piraten und Computergegnern, die mit einem um die Vorherrschaft in der Inselwelt wetteifern. Klingt theoretisch ganz gut, ist in Anno2070 aber schlechter als jemals zuvor:
- Anno2070 hat versucht mit neuen Spielelementen mehr Spaß in das Spiel zu bringen, diese aber leider nicht sehr Konsequent umgesetzt. Den Ökobilanzaspekt ignoriert man als Spieler besser, denn der Effekt ist relativ gering und eine "gesunde" Ökobilanz kostet einen mehr, als sie einem durch die Vorteile wieder einbringt. Dass sämtliche Produktionsgebäude nun Energie brauchen um zu arbeiten klingt zwar wahnsinnig interessant, entpuppt sich aber als ein 'wenn die Energiebilanz ins negative rutscht bau ich einfach noch ein "Energieproduktionsgebäude XYZ"' - einen planerischen Mehranspruch sucht man darin vergebens.
Unterwasserinseln sind ebenfalls ein neuer Aspekt, mit dem reichlich geworben wird. In der Praxis haben diese Insel eine ähnliche Funktion wie die Orientinseln in Anno1404 - nur dass sich unter Wasser außer einer Hand voll Produktionsgebäude nichts bauen lässt. Keine Unterwassersiedlung, keine umfangreichen Produktionsketten. Da waren die Orientinsel wesentlich besser ins Spielgeschehen integriert.
- Das Spiel bietet nach hinten raus extrem wenig zu tun. Anno2070 bietet gerademal 8 Warenbedürfnisse für die Ecos/Tycoons, die Techs benötigen 2 Weitere. In Anno1404 waren es noch 14 Bedürfnisse für die Adeligen und 7 weitere Waren für den Orient. Macht zusammen gerademal halb soviele Waren (10 vs 21) in Anno 2070 wie im Vorgänger. Das ist extrem Mager, verlangen die Einwohner auf der 4. Stufe gerade einmal 2 neue Waren, wo es noch 6 im Vorgänger waren. Nach bereits 1200 Einwohnern (5000 in Anno1404) ist man mit dem Spiel quasi durch, denn auch das Monument hat für die verschiedenen Baustufen keine Anforderungen mehr bezüglich der Einwohnerzahlen. Dadurch verkürzt sich die Spielzeit enorm, es gibt einfach verdammt schnell nichts mehr zu tun, weil die Siedlung bereits voll ausgebaut ist. Für Langzeitmotivation sorgt man mit solch mageren Warenbedürfnissen sicherlich nicht.
- Die Computergegner aber sind der größte Reinfall, denn Anno je gesehen hat. Vorbei sind die Zeiten, in denen die computergesteuerten Mitspieler eine realistische Siedlung aufgebaut und mit dem Spieler um die Vorherrschaft gewetteifert haben. Die Computerspieler in Anno2070 sind nichts weiter als gescriptete Inselbesetzer, die mit dem Aufbau von realistischen Siedlungen genau garnichts zu tun haben. Da gibt es einen Gegner, der nichts anderes macht als seine gesamten Inseln total sinnlos mit Ölpumpen vollzubauen oder einen Gegner, der auf jeder von ihm besetzen Insel einfach nur einen Kontor und einen Ozon-Maker (verbessert die Ökobilanz) baut. Die Armeen dieser Gegner entstehen wie von Geisterhand, dann weder haben sie überhaupt nur auch nur ein einziges Wohnhaus, noch bauen sie die zum Bau benötigen Waren ab, mitunter ist nichtmal eine Werft vorhanden.
Von einer künstlichen Intelligenz kann man hier nicht sprechen und Spielspaß mag so auch nicht wirklich aufkommen.
Nun, was bleibt am Ende zu sagen. Über den Krampf mit der Aktivierung und dem Offlinemodus kann man hinweg sehen, wenn man sowieso immer online ist. Dass der Multiplayer nicht immer brauchbar funktioniert und die Kampagne ein recht kurzes Verknügen ist, darüber könnte man eventuell mit 2 geschlossenen Augen auch noch hinweg sehen. Dass das Spiel aber vergleichen mit dem Vorgänger ab Bevölkerungsstufe 4 extrem an Spielumfang verloren hat, man extrem schnell nichts mehr zu tun hat und sich langeweile einstellt und darüber hinaus die KI nicht als solche bezeichnet werden kann und weit davon entfernt ist, auch nur ansatzweise eine spielerähnliche Siedlung aufzubauen, ist für ein Anno, dass von seinem Endlosmodus lebt, der Todesstoß.
Ich kann daher Anno2070 im jetzigen Zustand nur sehr eingeschränkt empfehlen, auch wenn viele Spielemagazine etwas anderes behaupten wollen. Ich hoffe, das sicherlich kommende Addon wird größer ausfallen als bei den Vorgängern - denn Anno2070 hat noch in einigen Punkten einen gewaltigen Nachholbedarf.