Schon auf der zweiten Seite ist der korpulente Comiczeichner aus dem Paris der 1930er Jahre unwiderruflich als Unsympath etabliert: ein schwitzend-lüsterner Blick auf die zehnjährige Hausmeistertochter - und erledigt. Die Frau an seiner Seite spricht er praktisch nur an, um ihr den Mund zu verbieten; dazu ist er rassistisch, eitel und ein Opportunist erster Güte. Trotzdem ist es dem Elsässer Blutch gelungen, sein fiktives Alter Ego "Blotch" zu einem der lustigsten Comic-Charaktere der letzten Jahre zu machen. Die Einblicke in das Seelenleben eines überzeugten Reaktionärs sind die reine Freude und eine unschätzbaren Stärke des Bandes.
Den Rahmen für die Blotch-Episoden, die sich jeweils über fünf virtuos gezeichnete Seiten erstrecken, bildet die fiktive humoristische Zeitschrift "Fluide Glacial" aus den Dreißigern (eine wenig subtile Anspielung auf die reale humoristische Zeitschrift "Fluide Glacial", in der die Episoden Ende der neunziger Jahre erschienen sind). Blutchs reale Kollegen werden ebenfalls in die Handlung eingebaut - alles vor dem historischen Hintergrund der Regierungszeit der linken Front Populaire, die 1936 an die Macht kam. Blotch und seine Kollegen lassen sich mühelos dem rechten Lager zuordnen und stehen in steter Konkurrenz zum (wiederum fiktiven) linken Satireblatt "Le Rire Populaire", dessen Erfolg für stetes Zähneknirschen sorgt.
Überhaupt steht Blotch mit Kritik und Konkurrenz auf Kriegsfuß. Der Meister der Selbstbeweihräucherung feilt zu Beginn jeder Episode mit Schwung an seiner Signatur und über sinniert über die Bedeutung seines Genies für die Welt. In vollendeter Überheblichkeit verspottet er junge Kollegen und intrigiert hemmungslos, um potenzielle Konkurrenten auszubooten. Kollegen wie Hergé (deren Zeichnungen wunderschön in die Geschichten eingebaut werden) macht er es in ihren Gastauftritten nicht leicht; der Erfolg von "Tim und Struppi" sorgt bei ihm für nachhaltige Verbitterung.
Opportunistisch, bei Bedarf unterwürfig, arrogant und selbstverliebt: Blotch ist grandios in seiner Fürchterlichkeit.
Uneingeschränkte Empfehlung für diese großartig und intelligent erzählten Geschichten, die wieder einmal die Frage aufwerfen, warum zur Hölle der Stellenwert von Comics hierzulande immer noch vergleichsweise niedrig ist.