Auf den ersten Blick ist "Blood Work" ein spannender, wenn auch im Vergleich zu anderen späteren Eastwood-Werken etwas tiefergelegter Serienkillerthriller. Doch der Schein trügt. Wieder einmal ist es lohnend, den Film als Teil eines Gesamtwerkes zu sehen. Eastwood gelingt es, in diesem Werk durchgängig eine "magische Autobiographie" (Seeßlen) zu schreiben: Man erkennt bevorzugte Themen, aber er wiederholt sich höchstens in Details, ansonsten variiert er diese Themen und entwickelt sie weiter. Weder dreht er immer denselben Film (wie man es - teilweise - Hitchcock vorwerfen kann) noch hat er es nötig, zumeist einem Genre verhaftet zu sein (wie etwa neben Hitchcock John Ford, der immerhin den Westernmythos weiterentwickelte und auch mal gegen den Strich bürstete). Das Faszinierende bei ihm ist gerade, in verschiedenartigen Filmen verschiedenartige Situationen zu entdecken, vor die ein (teils) schon bekannter Charakter gestellt wird, und zu sehen, wie er mit ihnen fertig wird. Unter diesem Aspekt ist "Blood Work" faszinierend - gerade WEIL dieser Film nicht nur im Handlungsgerüst, sondern auch in der Tonlage Unterschiede zu anderen Eastwood-Werken aufweist. Der typische genial-perfide Serienkiller - auch in Eastwoods Polizeifilmen gab es ihn sonst noch nicht. Dementsprechend ist das ganze Konstrukt ein superkluges und superpräzises Detektivspiel, in dem jedes Detail sitzt, in dem alles bedeutungsvoll ist, selbst die kleinste Kleinigkeit. In anderen Filmen hat Eastwood häufig Parallelhandlungen und den Trend zum Mäandern und zu einem breiten Figurengeflecht mit jeder Menge Nebenfiguren, die für die Haupthandlung bedeutungslos scheinen (z.B. der Pfarrer und "Danger" in "Million Dollar Baby"). "Blood Work" ist präziser, geradliniger, schlanker, schneidender - wohl auch nicht zufällig eine Ecke kürzer als andere Eastwood-Filme.
Und dennoch, es ist alles drin. FBI-Ermittler Terry McCaleb (Eastwood) jagt den "Codekiller", der es offensichtlich drauf angelegt hat, gerade ihn, McCaleb, herauszufordern. Wenn er ihn gleich zu Beginn mit Jeans und Turnschuhen sieht, erinnert das an eine Einstellung aus "Tightrope" (von dem Eastwood in wenigen Szenen leider auch die reißerische Inszenierung übernimmt, inklusive Großaufnahmen von rennenden Füßen, Ballereien, Blutstropfen in Großaufnahme und einem plötzlich ins Bild kippenden blutigen Gesicht des Gegners). Und so wie Wes Block in "Tightrope" letztlich sich selbst jagen, d.h. mit den Obsessionen fertig werden musste, die er mit dem Killer teilte, ist McCaleb in "Blood Work" mit dem Mörder verbunden. "Connected", vernetzt, so beschreibt er einmal das Gefühl der Profiler-Tätigkeit, in der man zumindest gedanklich versuchen muss, mit dem Mörder eins zu werden. McCaleb weiß da noch nicht, wie recht er hat. Der schon ältere Mann erleidet bei der Verfolgung einen Herzinfarkt, zwei Jahre später lebt er als Rentner mit Spenderherz auf einem Boot, da besucht ihn die schöne Graciela Rivers (Wanda de Jesús). Ihre Schwester sei ermordet worden, McCaleb trage ihr Herz und sei ihr sozusagen schuldig, bei der Ermittlung des Mörders zu helfen. Gegen den Rat einer resoluten Ärztin (Anjelica Huston) lässt sich McCaleb darauf ein...
Eastwood-Filme handeln von Individualismus, von Narben, von Schatten der Vergangenheit, von unvollständigen Familien, immer wieder. Eastwood glaubt in einer sehr amerikanischen Denkweise an die Macht des Individuums, seine Geschicke selbst in die Hand zu nehmen und für sie verantwortlich zu sein, stellt diese Macht aber immer wieder vor enorme Herausforderungen. Freundschaften, Partnerschaften, der Wunsch nach heiler Familie und die Überwindung, auch einmal zu sagen: Ich brauche Dich" - das sind Themen, die in Eastwoods Individualismus-Diskurs eine bestimmende Rolle spielen (selbst noch bei Dirty Harry, der vielleicht verlorener als alle anderen ist und auf die Frage, warum er sich den dreckigen Job antue, nur ein authentisches "Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht" entgegnen kann). So gesehen stellt "Blood Work" einige der interessantesten Herausforderungen. McCaleb, so scheint es, hatte in seiner aktiven FBI-Zeit kein Leben neben dem Beruf. Dass ihn das verwundet hat, zeigt sich nicht nur in Form einer riesigen Narbe wegen der Herztransplantation. Vielmehr muss er nun lernen, nur noch ein Leben ohne Beruf zu haben. Dass es im tiefsten Inneren Profiler geblieben ist, wird sich natürlich erweisen - eine auch erschreckende Erkenntnis durch die Begegnung mit Graciela. Dass er weiterleben darf, weil jemand anderes ermordet wurde, ist etwas, das für den Individualisten McCaleb/Eastwood nur schwer zu akzeptieren ist (immer wieder zeigt die Kamera kurz einen Jungen, der noch auf ein Spenderherz wartet, und scheint Eastwood/McCaleb damit zu sagen: Warum ich, warum der noch nicht?). Er ist in der Tat "connected" - mit einer Toten, aber er braucht auch die Lebende, Graciela, um eine Art Sühne zu tun für die als ungerecht empfundene Tatsache, dass er sein Leben einem Mord verdankt (dass sie super aussieht, seine Tochter sein könnte und die beiden einander noch auf ganz andere Weise "ihr Herz zeigen", ist eine Eitelkeit, die wir Eastwood hier mal verzeihen). Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist, dass der Mord eine eh schon inkomplette Familie zerrissen hat. Gracielas Schwester war alleinerziehende Mutter des etwa neunjährigen Raymond, der nun bei der alleinerziehenden Tante lebt. Wieder einmal gilt es in einem Eastwood-Film, aus der Not eine Tugend zu machen und eine Ersatzfamilie zu gründen, auch wenn der Untergrund im wahrsten Sinne des Wortes schwankend ist und mir ein Boot als Wohnung für ein mindestens innerlich ruheloses Leben zu stehen scheint.
Eastwood bleibt aber nicht bei dieser symbiotischen Beziehung zweier stehen, die einander brauchen, um nicht zuletzt sich selbst zu helfen (das gibt es in vielen anderen Eastwoods auch). So sehr der Film Abschweifungen vermeidet und immer hart an den Ermittlungen bleibt, die Nebenfigur der taffen und grundsympathischen Polizistin Jay sollte man nicht vernachlässigen. Sie kennt McCaleb von früher, die beiden schäkern auf eine vertraute und keinesfalls anstößige Art miteinander herum - und sie verstehen beide ihr Fach, können auch mal beherzt mit der Waffe umgehen und wissen einander daher nicht nur menschlich, sondern auch fachlich sehr zu schätzen. Obwohl McCaleb am Ende mit Graciela zusammenkommen wird, fühlen wir doch, dass er auch mit Jay "connected" ist, two partners in crime... investigation, die einander sehr gut verstehen und wissen, welche Probleme der Job so mit sich bringt. Am Schluss fragt McCaleb, ob es "zu Hause jemanden gebe" bei Jay. Wenn sie nach einem kleinen Zögern lächelt und "ja" sagt, wissen wir nicht genau, ob sie lügt und die heimliche tragische Figur dieser Geschichte ist, die bloß dem Freund die Zweisamkeit mit Graciela nicht madig machen möchte. Zu Eastwoods Stärken gehört, dass er Dinge oft im Andeutungsweisen belässt und dem Zuschauer viel Raum für eigene Interpretationen und Spekulationen gibt. Vielleicht möchte er ja anhand der Figur von Jay andeuten, dass McCaleb nur Glück hat und dass es andere, ähnliche wie ihn gibt, die aber das Problem des Individualisten nicht lösen können, das darin besteht, eben nicht privat einsam zu sein, sondern auch einmal außerhalb des Berufes sagen zu können: "Ich brauche Dich."
(Achtung, Spoiler im nächsten Absatz).
Wohl gemerkt, es geht mir dabei nicht nur um die Partnerbeziehung, sondern die Bezugsperson kann auch in Familie, Eltern, Kindern, Freunden zu sehen sein. Damit wenden wir uns zu der gemeinsten Verlinkung dieses Filmes, was leider nicht geht, ohne den Täter zu verraten. Der ist nämlich McCalebs einziger Freund, "Buddy" Noone (Jeff Daniels). Die mörderischste Herausforderung Eastwoods' Individualismus: Sein McCaleb muss nicht nur erkennen, dass der sympathische Gammler, Freund und Vertraute auf dem Nachbarboot der Codekiller ist. Zudem hat Noone ganz gezielt Gracielas Schwester wegen der seltenen Blutgruppe ermordet und noch rechtzeitig selbst den Krankenwagen gerufen, damit McCaleb ein Spenderherz bekommen kann. Ohne seinen Gegner hatte Noone offenbar der Kick gefehlt, und so spielte Noone auf eine sehr perfide Weise Gott und schenkte McCaleb gewissermaßen ein neues Leben. Eastwood-Charaktere können sich eingestehen, jemanden zu brauchen (gar nicht selten auch eine Frau), aber mit einem perversen Mörder "connected" zu sein, durch dessen Mord sogar zu leben - damit fertigzuwerden ist die schrecklichste Prüfung, die man einem Eastwood-Charakter auferlegen kann. Sicherlich nicht zufällig liegt hier die entscheidende Veränderung zur Romanvorlage, die den Schrecken noch verdichtend auf die Spitze treibt: Im Roman war nicht Buddy der Killer, war es nicht der Mann, dem McCaleb vertraut und mit dem er zwei Jahre Tür an Tür (bzw. Boot an Boot) gelebt hatte.
Eastwood stellt sich dem Schrecken ein wenig in Dirty-Harry-Manier: Immerhin, er kann das noch, und es wirkt trotz ein paar reißerischer Einsprengsel (wie wir uns überhaupt wundern, was McCaleb mit einem Spenderherz alles leisten kann) meist sehr genau der Situation angepasst. Einmal etwa schießt McCaleb Noone in den Arm, um den Aufenthaltsort von Graciela und Raymond herauszubekommen, die Noone mittlerweile entführt hat.
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