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5.0 von 5 Sternen
Reise in die Abgründe des Herzens Afrikas, 4. August 2009
Rezension bezieht sich auf: Blood River: Ins dunkle Herz des Kongo (Taschenbuch)
Der Journalist Tim Butcher beschließt auf den Spuren des Afrikaforschers Stanley Zaire von Ost nach West zu durchqueren. Um den Kongofluss zu erreichen, muss er erst Provinzen durchqueren, die seit mehr als vierzig Jahren in einem Zustand der dauernden Rebellion sind, wo Kannibalismus so real sind wie damals im 19. Jahrhundert und sich niemand hin traute, aus Angst aufgefressen zu werden. Und selbst wenn er dann den Fluss erreicht haben sollte, hätte er noch immer 2500 km flussabwärts, um den Atlantik zu erreichen. Eine Strecke, auf der es keine offiziellen Verkehrsverbindungen mehr gibt. Es stellte sich dann heraus, dass die Reise noch viel Nerven aufreißender sein würde als er es sich je vorstellen konnte.
Man muss dazu wissen, dass Zaire seitdem die Kolonialmacht das Land in den sechziger Jahren verlassen hat, immer weiter heruntergewirtschaftet wurde. Die gesamte Infrastruktur, Eisenbahn, Straßen, Fähren, Schifffahrt ist zusammengebrochen und ganz gleich welche Etappe des Weges man wählt, sie ist nicht nur abenteuerlich sondern auch gefährlich, weil marodierende Banden das Land durchstreifen, die eine Spur des Terrors und der Verwüstung hinter sich lassen. Was der Autor vor hat und durchführt ist tollkühn. Seine Reise unterscheidet sich nicht viel von den Reisen, die Forschungsreisende im 19. Jahrhundert in diesem Gebiet unternommen haben.
Butcher hat einen angenehmen Schreibstil, er neigt nicht zu Übertreibungen. Das hat er gar nicht nötig. Die Geschehnisse sprechen für sich. Er versteht die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, die Zaire zu dem gemacht haben, was es jetzt ist. Da wird nichts beschönigt. Die Weißen haben das Land ausgebeutet, aber auch aufgebaut, damit die Ausbeutung vorangetrieben werden konnte. Die Schwarzen haben Land und Menschen noch viel mehr ausgebeutet und dabei den Ruin noch viel mehr vorangetrieben. Die Menschen haben keine Perspektive, ihr Herz ist gebrochen und verroht.
Das Gebiet das Stanley für den belgischen König Leopold in Besitz nahm, wurde Zeuge von dem ersten Genozid der Neuzeit, als Millionen von Kongolesen zu Tode geknechtet wurden, damit die unstillbaren Bedürfnisse ihrer weißen Herrscher befriedigt werden konnten. Und seit der Unabhängigkeit haben weiterhin fremde Mächte mit dem Kongo herumgespielt, die Bodenschätze ausgebeutet und die strategische Position ausgenutzt, ohne dass auf die Befindlichkeiten der leidenden Bevölkerung Rücksicht genommen wurde. Zu jedem Zeitpunkt ihrer blutigen Geschichte haben Fremde die Kongolesen als Untermenschen betrachtet, die es nicht wert sind so behandelt zu werden wie man es für sich selber erwartet hätte.
Der Autor trifft auf seiner Reise immer wieder Augenzeugen von Massakern, Vergewaltigungen, Plünderungen und anderen Verbrechen. Der sicherste Platz für einen Kongolesen ist der Wald, in den er flüchtet, wenn Marodeure wieder einmal das Dorf heimsuchen. Und auch Butcher findet gefallen an der Wildnis, die so viel wohnlicher ist als die trostlosen Dörfer und zerfallenen Städte. Es gibt bei Butcher auch keine peinlichen Verbrüderungsszenarien oder Okkultorgien wie z.B. bei Hanlon. Butcher geht es um Menschlichkeit und Vernunft, um Aufbauhilfe für die Kongolesen, damit sie zu einem menschenwürdigen Leben finden.
Die Kriege bewirkten, dass es nur noch zwei Optionen gab für einen Kongolesen. Vorher gab es Schulen, ein funktionierendes Transportsystem und ein Gesundheitswesen. Aber das war alles zerstört so dass man nur noch zwei wirkliche Möglichkeiten hatte - einer Kirche beizutreten, das war nämlich die einzige verbliebene Organisation, die eine Bildung und einen Weg nach oben ermöglichte oder man trat einer der Milizen bei, um vom Krieg zu profitieren."
Der Zusammenbruch des Staates brachte also mit sich, dass die Leute entweder auf die Mildtätigkeit von Außen vertrauten oder auf die Gewalt.
Aber die Hauptlektion, die ich auf meinem Zug durch das Zentrum Afrikas lernte," schreibt der Autor, war, dass der wertvollste Vermögenswert, den man dem Kongo wegstahl, die Souveränität der Bevölkerung war."
Bevor Stanley und die Weißen herrschten, hatten die Kongolesen einen Sinn für lokale Machtausübung. Die Gesellschaft war stammesgemäß und die Autorität lag in den Händen der Dorfhäuptlinge. Kein Häuptling konnte es sich leisten über den Willen seiner Untergebenen hinwegzusehen. Entscheidungen wurden zumindest teilweise im Einverständnis mit ihnen getroffen. Dann kamen die Weißen, nahmen ihnen alle Souveränität weg und gaben sie nie wieder zurück.
Einer der größten Fehlschlüsse über die weiße Herrschaft in Afrika war, dass, als sie endete, die Macht an die Schwarzen zurückgegeben worden wäre."
Stattdessen wurde sie von einer verkommenen Elite an sich her gerissen, die zwar in der Öffentlichkeit behauptete, im Interesse der Allgemeinheit zu handeln, tatsächlich aber nur ihre eigenen Interessen vertraten. In Zaire war es Mobutu, der die Pflichten eines Staatsoberhaupts gegenüber seinem Volk ignorierte. Diktaturen und undemokratische Regime verbergen ihre eigene niederträchtige Verwaltung und Bestechlichkeit, indem sie für sich allein Souveränität beanspruchen. Sie ummanteln sich mit diesem Anspruch, um jedem Außenstehenden das Recht absprechen zu können, dass er sich einmischen dürfte oder sie zur Rechenschaft ziehen könnte.
Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen. Es schließt eine Lücke im Verständnis dieser Region und der Probleme des schwarzen Kontinents. Es ist zugleich ein spannendes Reisebuch durch eine der entlegensten und unzugänglichsten Gegenden dieser Erde. Aber versuchen Sie nicht, auf seinen Spuren zu wandeln!
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blood river, 6. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Blood River: Ins dunkle Herz des Kongo (Taschenbuch)
Schade, dass das Buch offensichtlich nicht mehr ohne weiters zu haben ist. Ich habe es geschenkt bekommen und gerade zu Ende gelesen und finde es absolut spannend und lesenswert, - für jeden der sich für den afrikanischen Kontinent interessiert!!! Leider ist die Übersetzung nicht toll und die sprachliche Überarbeitung hätte sicher besser sein können, aber nichtsdestotrotz schreibt Tim Butcher unglaublich fesselnd - einerseits sehr persönlich und andererseits gibt er viele differenzierte Einblicke in die Komplexität der Verhälnisse im Kongo.
Das Buch läßt sich lesen wie ein Krimi, und dabei erfährt man nebenbei ein Menge über die Geschichte und die ökonomisch-politischen Verstrickungen dieses riesigen zentralafrikanischen Landes.
Kein literarisch hochwertiges Werk, aber ein absolut super spannender und interessanter Reisebericht!
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Journey into the abyss of Africa, 4. August 2009
The journalist Tim Butcher took to cross Zaire from East to West on the traces of Stanley. To reach the Congo River he had first to travel west, through provinces that have been in a state of near-permanent rebellion for more than 40 years, and where cannibalism remains as real today as it was in the 19th century, when bearer parties refused to take explorers there for fear of being eaten. Even if he made it to the river, he would still have 2500 km of descent before reaching the place where the Congo River spews into the Atlantic. A stretch where there was no more official traffic. It turned out to be a more nerve racking journey he could have ever imagined.
One has to know that Zaire was ever more run down economically since the colonial power left the country in the sixties. The whole infrastructure broke down, railway, streets, ferries, shipping, no matter which stage of a journey you choose it will not only be adventurous but also dangerous, because marauding gangs roam the country. What the author accomplishes is daring. His journey does not so much differ from the journeys of the explorers of the 19th century.
Butcher has an unbothering style of writing. He is not inclined to exaggerations. He is not in need of that. The events speak for themselves! He underwent the process of understanding the political and economical background which made Zaire to what it is now. Nothing to gloss over. The whites exploited the country but also built it up, that the exploitation could go on. The blacks exploited the country and its people even more. The people have no perspective, their hearts are broken and vulgarizing.
The territory that Stanley staked in the name of the Belgian King Leopold witnessed what many regard as the first genocide of the modern era, when millions of Congolese were effectively worked to death trying to meet the colonialists almost insatiable demand for resources. And since independence, foreign powers have toyed with the Congo, stripping its mineral assets and exploiting its strategic position, never mindful of the suffering inflicted on its people. At every stage of its bloody history, outsiders have tended to treat Congolese as somehow sub-human, not worthy of the consideration they would expect for themselves.
The author is often meeting eye witnesses of massacres and other atrocities. The safest place for a Congolese is the forest, in which he escapes whenever marauders haunt the village. And Butcher as well finds a liking in the jungles which are so much nicer than the dismal villages and decayed cities. There are also no embarrassing fraternization scenarios or occult orgies as for example Hanlon has it. Butcher is about humanity and reason, about development aid for the Congolese that they find to a humane life.
The wars had one major effect in that there were only two ways left for the Congolese to get on with life. Before, there was a system of schools to go to paid for by the state, a transport system so that people could reach other parts of the country, a health system so that one had a chance of recovery. But then all was gone "so that you only have two real options - you join a church, the only organisation that provides an education, a way for someone to develop, or you join one of the militias and profit from the war."
The collapse of the state meant that its people either relied on the charity of outsiders or took to violence.
"But the major lesson I learned on my trek through modern central Africa was that the most valuable asset stolen from the Congo was the sovereignty of its people."
Before Stanley and the white rule, the people of the Congo had a sense for local power. The society was tribal with the authority lying in the hands of the village chiefs. No chief could ignore the will of the subjects. Decisions had to be taken, at least partly with the interest of the people in mind. The whites stripped all aspects of sovereignty from the people and they got it never back.
"One of the great fallacies about white rule in Africa was that when it ended, power was handed back to the people of Africa:"
Instead it was hijacked by elites who publicly claimed they were working for the interest of the people, but were in fact only driven by self-interest. In Zaire it was Mobutu who ignored the plight of his people. Dictators and undemocratic regimes conceal their own malicious administration and corruptness by claiming sovereignty. They cloak themselves in it to dismiss the right of any outsider to hold them to account.
I can recommend this book. It is worth reading. It closes a gap in understanding this region and the problems of the black continent. It is altogether a stunning travel book through one of the remotest places on this Earth. But do not try to walk in his footsteps!
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