Aus der Amazon.de-Redaktion
Die Stimme, die so viele Tracks von Morcheeba prägte, ist zurück. 2003 war es, da verließ Sängerin Skye Edwards nach Differenzen mit den Brüdern Paul und Ross Godfrey die Londoner Gruppe nicht gerade freundschaftlich. Der Ärger scheint nicht nur verraucht, das Trio zeigt sich auf
Blood Like Lemonade tiefenentspannt wie selten. Ältere Musikhörer werden allerdings vom ersten bis zum letzen der zehn Stücke auf Innovationen oder Überraschungen warten. Das siebente Studioalbum der Urgesteine der Downtempo Electronic Music oder Trip Hop kommt entweder nicht aus dem Quark oder es will einfach nicht. Sanft und verschleppt rollen die Beats, die das Genre so populär machten. Akustik-Gitarren stoßen dazu, dezent bluesige Roadmovie-Sounds sind zu hören, ein bisschen Psychedelia, es kommt zu ein paar Old-School-Scratch-Einlagen, Klangteppich legen warme Untergründe. Über allem schwebt die laszive und intime Stimme von Skye Edwards, die zusammen mit den beiden Klangbaumeistern Paul und Ross ein ambivalentes Werk geschaffen hat. Tagsüber verfügt das verkiffte Album
Blood Like Lemonade über eine fast narkotische Wirkung. Dafür kommt es sehr angenehm, wenn die Nacht langsam durch die ersten Lichtstrahlen verabschiedet wird. -
Sven Niechziol
„You go right back into your laboratory and start through the same procedure again“, tönt es in einem Sample des Song „Cut To The Bass“ auf dem neuen Morcheeba-Album „Blood Like Lemonades“. Und genau das haben die zwei Downbeat-Brüder Paul und Ross Godfrey gemacht, nachdem Skye Edwards, die Stimme und das Herz von Morcheeba, wieder ihren Weg zurück zur Band fand: Dort weitergemacht, wo das Trio nach dem Bruch aufgehört hat. Was dabei herausgekomme ist, besitzt wieder die alte Klasse der Londoner, die in den Neunzigern im Trip-Hop starteten und sich über die Jahre ihren eigene Chill Out-Pop-Sound schufen. Der dunkle Bristol-Sound von Massive Attack von ihrem 1994er Album „Protection“ war es, der maßgeblich zur musikalischen Entwicklung von Morcheeba beitrug. Als sich die Brit-Pop-Welle 1995 auf ihrem Scheitelpunkt befand und die gesamte Musikwelt dreieinhalb Dekaden nach den Beatles abermals verstärkt ihren Blick auf die Insel richtete, bastelten die Gebrüder Godfrey an Sounds fernab von Garage-Gitarren und Stadionkompatibilität. Es war jedoch immer die Stimme der Sängerin Edwards, die die Mischung aus Hip-Hop, Ambient und Elektro zusammenhielt und ihr den besonderen Schliff gab. Schmerzlich bemerkbar machte sich das, als sich die Britin 2004 im Streit von den Godfreys verabschiedete. Man bestand zwar fortan weiter darauf, dass der Name Morcheeba nicht an der charismatischen Frontfrau hänge, sondern an den Brüdern, doch durch große Erfolge konnte man dieses Reviergehabe nicht untermauern.
„Blood Like Lemonades“ offenbart von der ersten Minute an, was den Jungs bei den vergangenen zwei Alben abging: Wenn sich die sanfte Stimme der Sängerin über den warmen, basslastigen Klangteppich ihrer Bandkollegen legt, fühlt man sich wieder in die Anfänge der Bandgeschichte versetzt, als das erste Album „Who Can You Trust?“ - das Cover der Platte spricht Bände – in keinem verrauchten Chill-Out- und Lounge-Ambiente fehlen durfte. Genau dafür eignet sich die Musik der Band vorzüglich, ist Cheeba doch nichts anderes als ein Synonym für Marihuana und ‚Morcheeba‛ die Aufforderung: Noch mehr davon! Rauchige Beats durchziehen auch die aktuelle Platte des wiedergewonnenen Trios. Der Titeltrack ist dabei die exakte Blaupause eines Morcheeba-Songs: Eingeleitet durch Vinyl-Scratches, bekommt der schleppende Beat durch die hellen Gitarrenchords eine Leichtigkeit, die perfekt von der gehaucht-düsteren Stimme Edwards' gekontert wird. „Even Though“ und „Recipe For Desaster“ sind ebenfalls schöne Downbeat-Songs, obwohl man ihnen ob ihrer Popigkeit und dem klassisch-hervorgehobenen Refrain, eine gewisses Hit-Kalkül andichten könnte. Schielt da jemand mit einem Auge auf den größten Hit der Band "Rome Wasn't Build In A Day"? Gewohnt gefällig kommt das gesamte Album daher und mit großer Sicherheit wird es sich zu den Scheiben gesellen, die man auch nach Jahren noch entspannt hören kann, ohne die Tracks entnervt weiterskippen zu müssen.
Natürlich werden auch beim diesem Album wieder Stimmen laut werden, die den Londonern fehlende Innovationsfreude vorwerfen wollen. Aber wozu Neuerungen, war Trip-Pop, wie die Presse ihren Stil benannte, doch stets die Art Musik, die sich aus ihrer großen Gefälligkeit und nicht aus ihren musikalischen Quantensprüngen speiste. Den Versuch, zumindest ein paar neue Ideen einfließen zu lassen, starten Morcheeba auf „Blood Like Lemonades“ dennoch: Beim Song „I Am The Spring“, der musikalisch-minimalistisch lediglich mit einer Akustikgitarre unterlegt wurde, oder beim Titel „Mandala“, bei welchem ein starker Blueseinschlag samt Mundharmonika als durchaus positives Element zur Atmosphäre beiträgt, sieht man, dass die Band nicht starr dem gleichen Muster folgt. Einen großen Ausschlag auf den Gesamteindruck des neuen Werks, schaffen es die Titel aber trotzdem nicht zu nehmen. Sie wirken eher wie Zwischenstücke, die zum nächsten „wirklichen“ Morcheeba-Track überleiten. Morcheeba haben sich zurück ins Klanglabor begeben und vermischen mit "Blood Like Lemonades" alte Stärken mit neuen Einflüssen, ohne dabei zu weit von ihrem gewohnten Sound wegzubewegen. Wenn musikalische Wiedervereinigungen doch nur immer so glatt laufen würden.