"Die Frau ist die einzige Beute, die ihrem Jäger auflauert." Ihr Buch mit einem meiner Zitate zu eröffnen, für das ich bisher unausgesprochen das Exklusivrecht beanspruchte, fand ich irgendwie frech. Doch als ich mich damit abfand, künftig meine Referate anders beginnen zu müssen, hatte ich fast nur noch Freude an Ingelore Ebberfelds Buch. Hier wiederholt eine Frau, Kultur- und Sexualwissenschaftlerin, was viele Frauen nicht hören wollen: Seit eh und je investieren Frauen ungemein viel in besseres Aussehen. Und das machen sie nicht aus purem Spass, sondern aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit. Was die Autorin in unterhaltsamer Sprache sagt, ist nicht neu. Auch wenn das aus der merkwürdig unvollständigen Literaturliste nicht unbedingt hervorgeht. Neu ist, dass eine Frau dieses Thema so schnörkellos und offen darstellt. Dabei hält sie sich mit ihrer persönlichen Meinung über das Tun der Frauen vornehm im Hintergrund und führt das aufwendige Balzverhalten auf kaum veränderbare Gesetze der Evolution zurück.
In Zeiten, die Beraterliteratur zuoberst auf den Bestsellerlisten Platz nehmen lässt, schickt es sich nicht, die leichte Veränderbarkeit menschlicher Verhaltensmuster in Zweifel zu ziehen. Das merke ich auch selber, wenn ich über die Erkenntnisse der Neurowissenschaftler referiere. Kommt einfach nicht gut an, was wir locker jeden Tag beobachten können. Lieber postulieren wir weiter einen Idealmenschen. Das führt zwar regelmässig zu Enttäuschungen, aber trägt dafür zu einem höheren Bruttosozialprodukt bei. Allein in Deutschland verdienen 80'000 ihre Brötchen mit Beratungen, wie man zum idealen Menschen wird. Auch wenn es ihn nicht gibt. Aber finden wir uns damit, wie es offenbar Ingelore Ebberfeld tut, können wir über solche Bemühungen interessante und amüsante Bücher schreiben.
Gegliedert ist das Buch in vier Teile. Zu Beginn sensibilisiert uns die Autorin für Blickrichtungen. Auch weil Frauen ihre Geschlechtsgenossinnen anders betrachten als Männer dies tun. Im zweiten Teil führt uns Ebbenfeld ganz nahe an das Schaufenster, hinter dem Männlein und Weiblein um die Wette balzen. Nicht von ungefähr ist Pretty Woman einer der erfolgreichsten Hollywoodfilme. Nachdem wir nun Bescheid wissen, welches die besten weiblichen Attribute sind und wie es zum Siegeszug der nackten Haut kam, wird jeder wichtige verführungsrelevante weibliche Körperteil in Geschichte und Funktion beschrieben. Im vierten und letzten Teil müssen wir schliesslich mit erdrückendem Beweismaterial zurechtkommen, dass es universelle Schönheitskriterien gibt und dass sich am grossen Spiel der Verführung nicht so bald etwas ändern wird. Eingang in dieses Kapitel finden zudem die Betrachtungen über Haare, Kosmetik, Parfüm und Körperduft.
Mein Fazit: Ein populärwissenschaftliches Buch zum Thema weibliche Verführungsrituale, -künste-, leiden und freuden. Nicht der Neuigkeitswert überrascht, sondern die geglückte Mischung von wissenschaftlicher Berichterstattung und unterhaltsamen Finde-dich-lieber-damit-ab-Stil. Und das von einer Frau, die auf dem Pressebild nicht so aussieht, als sei ihr das Frau-sein unter diesen Voraussetzungen eine unerträgliche Last. Gewünscht hätte ich mir mehr und bessere Bilder, eine vollständigere Literaturliste und zahlreichere Ausflüge in Wissenschaftsgebiete ausserhalb der Evolutionspsychologie.