Alle die meinen, der französische Chanson sei bereits am 2. März 1991 gestorben, werden hier eines besseren belehrt. Beatrice Martin alias Coeur de Pirate zweites Studioalbum "Blonde" (2011) ist eine musikalische Hommage an die Weiblichkeit. Das neue Album der 22-jährigen Kanadierin aus Montreal beginnt mit einem kirchlichen Kinderchor, der im Eröffnungslied "Lève les voiles" in Aufbruchsstimmung vom Segelhissen und einem neuen Kurs in Richtung Veränderung frei nach dem Motto Auf-zu-neuen-Ufern singt. Nachdem Coeur de Pirate (zu Deutsch: Herz einer Piratin) ihre Hörerschaft auf diese charmante Weise zu ihren Matrosen gemacht hat, will man ihr jetzt gerne auch noch weiterfolgen.
Die Lieder auf "Blonde" sind ziemlich powervoll und stimmen einen irgendwie fröhlich. Piano, Bassgitarre und Drums geben den Ton an. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die poetischen Lyrics gefühlsmäßig bisweilen tief gehen. So trifft bei "Ava" eine heitere Melodie auf einen melancholischen Text, wodurch ein interessanter Effekt entsteht. "Loin d'ici", ein Duo mit dem kanadischen Rockstar Sam Roberts, ist ein Lied mit deutlichen Countrymusik-Einflüssen zum Thema interkontinentale Liebe. Mein ganz persönlicher Favorit ist "Cap diamant" geworden, das für mich den Höhepunkt der musikalischen Seereise darstellt - ein Lied mit Balladencharakter, in dem die engelsgleiche Stimme von Coeur de Pirate nur von einem Piano begleitet wird. Ganz anders, kräftig und laut dann "Verseau", ein lebensfrohes Lied über das Sternzeichen Wassermann. Ich muss gestehen, dass ich jetzt eifersüchtig bin. Warum bekommt ausgerechnet das Sternzeichen Wassermann ein so geniales Lied geschenkt? "Place de la république" und "Saint-Laurent" hingegen sind dann Liebeserklärungen an bestimmte Orte in den Weltstädten Paris und Montreal. "Golden Baby" mit seinen Streichern, Drums und lasziv-femininem "Yeah"-Hintergrundchor erinnerte mich schlagartig an den Sixties-Popsound von Brigitte Bardot. Genauso das Abschlusslied "La petite mort" über einen Orgasmus, das in seiner klanglichen Dramatik gewisse Ähnlichkeiten mit "Tu es venu mon amour" von BB aufweist.
Diese Musik möchte man am liebsten hören, wenn man in Paris mit der Metro fährt oder in irgendeiner Avenue in einem Bistro sitzt und die vorbeilaufenden Passanten beobachtet. Einfach nur schöne Musik zum-darin-versinken. Die deutsche CD-Veröffentlichung bietet im Booklet außerdem noch deutsche Übersetzungen der französischen Songtexte. Trotzdem ist diese Musik ein verdammt guter Grund, seine Französischkenntnisse mal wieder etwas aufzubessern.