Aus der Amazon.de-Redaktion
Ein gewagtes, ein gewaltiges Unterfangen. Sich die Haut von Marilyn Monroe überzustreifen und diesen literarischen Gewaltmarsch mit dem provokanten Titel
Blond -- der dämlichsten aller menschlichen Reduzierungsschubladen -- zu versehen, dazu braucht es Mumm und Klugheit. Joyce Carol Oates, Schwergewichtlerin im US-Literaturbetrieb und bekannt für seismographisch genaue Lageberichte aus dem Herzen Amerikas, besitzt beides -- und sie hat gewonnen.
Nur eine winzige Szene am Anfang, symbolhaft aber womöglich für Norma Jeans gesamtes Leben. Ihr erster Ehemann Bucky Glazer, ein tumber aber gutmütiger Charakter, klärt sie in demütig herablassender Weise auf, dass nicht H. G. Wells der Autor des Buches Krieg der Welten ist, wie sie behauptet, sondern Orson Welles natürlich. Dummchen! Kluger Bucky. Solch auftrumpfender Ignoranz konnte sie ein Leben lang nur stotternd begegnen. Ihre Zeit würde noch kommen.
Sie kam -- in Gestalt eines Hollywood-(Alb)traums, bevölkert von verständnislos-geilen Hinterwäldlern und tätschelnden Filmmogulen; Figuren, die sich parasitär an ihr gütlich taten, während sie an ihnen zerbrach. Merkwürdig genug -- die wenigen, die Norma Jean wirklich liebten und erkennen wollten, stieß sie regelmäßig ab wie Fremdgewebe. Gnadenlos und in drastischster Sprache präsentiert Oates unter ihrem Mikroskop eine dumpfig-schwitzende Verehrerschar, die sich bis hoch zum Präsidenten schraubte. Am Ende von fast tausend Seiten werden wir dem Geheimnis, was diese Lichtgestalt zum Leuchten brachte, ein Stück näher gekommen sein.
Es ist schier unglaublich, welch atemberaubende und haarsträubende Innenansichten die Autorin aus dem Leben dieser uramerikanischen Mythengestalt herausmeißelt. Durch ständige literarische Verdichtung der Ereignisse kommt sie der Wahrheit schließlich so nahe, dass am Ende die reinste Essenz aus den Seiten tropft. Biografie kann man das nicht mehr nennen -- aber einen Schöpfungsakt ganz eigener Art. Hier ist neues Leben entstanden. --Ravi Unger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Geleitet von der Frage, wie sich die Schauspielerin selbst sah, bietet Joyce Carol Oates eine intime Nahaufnahme von Norma Jean Baker. "Einmal sah ich eine Fotografie der siebzehnjährigen Norma Jean Baker, auf der sie ganz anders wirkt als die Marilyn Monroe, die zur Ikone wurde. Ich sah in ihr eines der Mädchen aus meiner Nachbarschaft, und ich hatte das Gefühl, dass sie keine Ahnung davon hatte, was das Leben für sie bereithalten sollte. Das stellte ich mir unter einem amerikanischen Epos vor. Ich wollte nicht unbedingt über den Mythos Marilyn Monroe schreiben, aber zeigen, wie sie innen war." (Joyce Carol Oates.) Joyce Carol Oates' 'Blond' ist ein Monumentalgemälde, ein Roman in Cinemascope, der das Leben der Marilyn Monroe als amerikanisches Epos des 20. Jahrhunderts erzählt. Geleitet von der Frage, wie sich die Schauspielerin selbst sah, bietet uns Joyce Carol Oates eine intime Nahaufnahme von Norma Jean Baker. Die Mutter, die statt des sonntäglichen Kirchgangs mit ihr die Villen der Hollywoodstars abfährt, der Sohn des politisch geächteten Charles Chaplin, schließlich der "Stückeschreiber" Arthur Miller oder Präsident Kennedy: Im Reigen der Bekanntschaften und Berühmtheiten geht es Joyce Carol Oates um die fragile Mitte des Menschen, der zur Ikone aufgeladen wurde, bis er zerbrach. In 'Blond' zieht Joyce Carol Oates alle Register ihrer Kunst: In realistischen Tableaus zeigt sie Szenen aus einem heim-gesuchten Leben, in rhythmischen Passagen bildet ihre Sprache die ekstatische Atmosphäre einer Epoche nach. ("Einmal sah ich eine Fotografie der siebzehnjährigen Norma Jean Baker, auf der si e ganz anders wirkt als die Marilyn Monroe, die zur Ikone wurde. Ich sah in ihr eines der Mädchen aus meiner Nachbarschaft, und ich hatte das Gefühl, daß sie keine Ahnung davon hatte, was das Leben für sie bereithalten sollte. Das stellte ich mir unter einem amerikanischen Epos vor. Ich wollte nicht unbedingt über den Mythos Marilyn Monroe schreiben, aber zeigen, wie sie innen war." )
Joyce Carol Oates
Über den Autor
Joyce Carol Oates, 1938 in Lockport (NY) geboren, ist eine der profiliertesten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Seit ihrem ersten Roman "The Garden of Earthly Delights" (1967) entwirft sie in ihren Short Storys und Romanen das Panorama eines Amerika, das äußerlich dem Erfolgsmythos vom American Dream nachstrebt, aber innerlich entfremdet zerfällt. Sie unterrichtet in Princeton Literatur.