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Blitzkrieg gegen den Krebs: Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich
 
 
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Blitzkrieg gegen den Krebs: Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich [Gebundene Ausgabe]

Robert N. Proctor , Alexandra Bröhm , Katharina Wehrli
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Robert N. Proctor
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Kurzbeschreibung

War die Moral der Nationalsozialisten doch vielschichtiger, als wir glauben? Kann gute und nützliche Forschung aus einem Terrorregime kommen? Was könnte dies über die Gesundheitspolitik in unserer heutigen Gesellschaft verraten? Proctor ist der Ansicht, dass wir das Dritte Reich differenzierter betrachten müssen, als wir dies bisher taten. Aber das bedeutet auch, dass die fortschrittliche und weitblickende Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten im Grunde derselben Ideologie entstammte wie ihre medizinischen Verbrechen: dem Ideal eines rassisch reinen Utopia, das nur den gesunden Deutschen vorbehalten war. Nach der Veröffentlichung einer früheren bahnbrechenden Arbeit über die Greueltaten der Nazi-Ärzte verfasste Proctor dieses Buch, denn er hatte Dokumente entdeckt, wonach die Nationalsozialisten die aggressivste Anti-Raucher-Kampagne in der modernen Geschichte führten. Weitere Forschungen ergaben, dass die Regierung des Dritten Reiches eine breite Palette von Massnahmen zur Volksgesundheit beschloss, darunter gegen Asbest- und Strahlenbelastung, Pestizide und Lebensmittelfarben. Die Gesundheitsbehörden erliessen strikte Vorschriften für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz und förderten bestimmte Nahrungsmittel wie Vollkornbrot und Sojabohnen. Diese praktischen Massnahmen gingen Hand in Hand mit Gesundheitspropaganda, die zum Beispiel den Körper des Führers und dessen Lebensstil als Nichtraucher und Vegetarier zum Ideal erhob. Proctor zeigt auf, dass 'Krebs' auch zur gesellschaftlichen Metapher gewählt wurde. Die Nationalsozialisten zeichneten die Juden und andere 'Volksfeinde' als 'Krebsgeschwür', das aus dem deutschen Volkskörper herausgeschnitten werden musste.

Über den Autor

Robert N. Proctor ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Pennsylvania State University und ein auf dem Gebiet der NS-Medizingeschichte renommierter Historiker. Er ist "Winner of the 1999 Arthur Viseltear Prize".

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9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen Keine Verklärung, keine Verdrängung - Geniale AUFKLÄRUNG !, 2. August 2005
Rezension bezieht sich auf: Blitzkrieg gegen den Krebs: Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich (Gebundene Ausgabe)
Im Zuge der schlagzeilenträchtigen US-Prozesse gegen die dortige Zigarettenindustrie kam - wenn auch nur am Rande - eine bis dato selbst in Fachkreisen vergessene Tatsache ans Licht:
Dass nämlich der ursächliche Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs schon Anfang der 1940er Jahre nachgewiesen wurde. Das geschah in Nazi-Deutschland, im Zuge der Kampagne zur "Stärkung der Volksgesundheit", eindeutig im Kontext der nationalsozialistischen Ideologie. Es waren deutsche Wissenschaftler, die diese Pionierleistung vollbrachten, die meisten davon überzeugte Nazis.

- "Ausgerechnet die?!" möchte man fragen ...
- Wenn man Robert N. Proctors ausgewogene, sorgfältig recherchierte Analyse der NS-Sozialmedizin gelesen hat, lautet die reichlich erschütternde Antwort: "JA, ausgerechnet DIE!"

Denn wie der Autor auf spannende und sympathische (weil bisweilen auch seinen Selbstzweifeln Raum gebende) Art ausführt, waren die häufig verdrängten *Erfolge* der NS-Medizin untrennbar mit den übrigen (Schatten-)Seiten des Nazisystems verbunden - oder um einen treffenden Ausdruck aus dem Buch zu verwenden: Die mitunter heute noch "vorzeigbaren" Resultate der damaligen Wissenschaft bilden die "B-Seite des Nationalsozialismus".

Damit leistet Proctor einen unschätzbaren Beitrag zur Richtigstellung des verständlichen, historisch aber unhaltbaren Grundfehlers gängiger Deutungen. Denn es gab (natürlich!) nicht die "bösen Nazis" auf der einen Seite und die "schweigende Mehrheit" der Nation (hier: der Wissenschaftler) auf der anderen.
Statt dessen waren die Übergänge mindestens fließend, und etliche hochrangige Personen vereinten beide Seiten in sich - es könnte sogar gut sein, dass dies praktisch auf ALLE deutschen Forscher jener Jahre mehr oder weniger zutraf. Nicht im Sinne von "außen vorsichtshalber Nazi, innen Wissenschaftler" - auch mit dieser Fiktion rechnet Proctor ab - sondern als Gemeinschaft Gebildeter, die sich großenteils durch NS-Gedankengut bzw. -überzeugungen definierte! Man muss bedenken, dass dies bestimmt in ähnlicher Art und Weise auf die gesamte Gesellschaft zutraf.

Dabei war das Spektrum breit gefächert: Von Naturheilkunde-Anhängern über Gesundheitserziehungs-Pioniere und Tabakgegner ... bis eben hin zu den Euthanasie-Verfechtern.

Es gab real *KEINE* "typische Nazi-Medizin" oder durchgängig angewandte NS-Gesundheitspolitik; folglich gab es keine abgegrenzte, "beschränkte NS-Forschung" (-> obwohl viele Akteure nach dem Krieg zwecks persönlicher Entlastung bewusst Fakten verzerrten; ein Beispiel: die behauptete "Nazigegnerschaft" von Medizin-Außenseitern, "Heilern" etc., weil NS-Führer - z.B. Goebbels - zeitweise gegen "Scharlatane" vorgingen || das Gegenbeispiel: der Geistheilungs-, Erdstrahlen-Wahn usw. von Heß und anderen).

- Vielmehr galt der Nationalsozialismus den allermeisten Menschen, d.h. auch der deutschen Medizin-Elite, als "Sieg der Vernunft", als "höchste Stufe der Aufklärung" (= daher der Name des Goebbels-Ministeriums!). Eine gruslig-faszinierende Parallele zur offiziellen "Weltanschauung" des späteren SED-Staats DDR: Die Ideologie galt v.a. wegen ihrer *Wissenschaftlichkeit* als ZWINGENDE Anleitung zum umfassenden Handeln, individuell und im Kollektiv (= der Volksgemeinschaft, deren "Volkskörper" die NS-Medizin zuvorderst zu sanieren suchte).

Ich werde gewiss nicht der einzige Leser sein, der nach dieser Lektüre Proctors Argumentation folgt - denn der Autor weiß zu überzeugen. Und das völlig ohne den "erhobenen Zeigefinger", der bei NS-Themen oft ins Spiel kommt, speziell wenn hiesige Autoren sich der Dinge annehmen.

Interessant ist, dass die erwähnte Verkürzung der deutschen Gesellschaft (und Forschung) jener Zeit auf "Nazis vs. unbeteiligte Mehrheit" wohl auch in den USA üblich ist. Denn anders lässt sich Robert N. Proctors Motivation nicht erklären, wenn er an einem berühmten Beispiel (das angesichts des Themas naheliegt) diese Mechanismen nachweist:
Nämlich an den Schattengefechten um die "mit barbarischen Methoden gewonnenen Erkenntnisse der NS-Medizin", worunter sich die Öffentlichkeit (evtl. in Amerika mehr als hierzulande?) "bedeutende Resultate" vorzustellen scheint, die "wegen der Umstände ihres Zustandekommens" - z.B. durch Menschenexperimente in KZs - nicht verwendet werden (dürften).

Dazu Proctors nüchterne Bilanz: Es gibt einige wenige Fälle, wo solche inhumanen Versuche tatsächlich Erkenntnisse erbrachten, die sich auf irgendeine Art verwerten ließen. Das Entscheidende daran: Sie WURDEN nach 1945 auch verwertet! Das betrifft z.B. die "flugmedizinischen Untersuchungen" in Dachau, derer sich Engländer und Amerikaner bedienten, oder andere Forschungen, die (Stichwort "Operation Paperclip") ins Arsenal der CIA und anderer Geheimdienste einflossen.
Ein Beispiel aus dem deutschsprachigen Raum ist die aufgedeckte Entstehungsgeschichte des mittlerweile berüchtigten "Pernkopf-Atlas" der Anatomie, welcher unter Verwendung der Leichen von Naziopfern erstellt wurde.

Dass der Autor weitere unentdeckte Fälle (verständlicherweise) nicht ausschließen kann - was er mit entwaffnender Direktheit formuliert - mutet ggf. wie ein Fehler seiner Argumentation an. Doch gäbe es gemessen an der Dimension der allgemein bekannten Nazi-Verbrechen schwerlich Raum für Spekulationen, welche Grausamkeiten "noch in Archiven schlummern" sollten oder ggf. der "Verwertung" harren.

Proctor erörtert also diese wenigen, halbwegs populären Fälle - und bald zwangsläufig kommt der Leser zur selben Frage wie der Autor:
Da mit diesen speziellen Verbrechen nicht etwa die "Spitzen eines Eisbergs" bekannt wurden, sondern eher konkrete Auswüchse, was hat dann die NS-Medizinforschung sonst in jenen 12 Jahren getrieben?

Die Antwort sollte nun klar sein: Die NS-Mediziner verfolgten die damals üblichen Ansätze - oft *Fehlentwicklungen* (bspw. begann die "Rassenlehre" ihren Aufstieg beileibe nicht 1933, sondern fand dann ihre radikale _Umsetzung_ ... durch NS-fanatisierte Wissenschaftler (!) im Verein mit Polit-Verbrechern, die sich ebenso auf die vermeintliche "Wissenschaft" beriefen).

Im Endeffekt liefert uns Robert N. Proctor mit diesem jederzeit exzellent lesbaren Werk, seiner bestechenden Argumentation, den unzähligen (> gekonnt eingesetzten) Fußnoten mit streckenweise einzigartigen Quellen eine unvergleichliche und fraglos sehr empfehlenswerte Darstellung eines perfiden totalitären Systems.

Dieses erschien weder "plötzlich" auf der Bildfläche noch existierte es "neben"/"außerhalb" der deutschen Bildungselite, sondern nahm diese wie wohl fast das gesamte Volk für sich ein - weil sich die Ideologie aus den Wünschen der Masse nach "Gewissheit", "Klarheit" und den brutalen, aber scheinbar unausweichlichen Antworten der schon zuvor nie hinterfragten Technokratie speiste.

Somit ermöglichte nicht nur das gesellschaftliche Klima der 1930er Jahre, sondern zumindest ebenso das Selbst-Bewusstsein der Deutschen als damals "führende Wissenschaftsnation der Welt" die fatale Machtergreifung der Nazis samt der absehbaren Vereinnahmung aller Lebensbereiche durch rücksichtslose, fanatische - totalitäre - Maßnahmen im Namen des "Fortschritts".
Genauso brach sich der im Rückblick schier unfassbare Führerkult Bahn, und in der Konsequenz gleichfalls die noch unfassbareren Greueltaten - darunter quasi *folgerichtig* die industrielle Menschenvernichtung ab ca. 1939 ("Euthanasie") bzw. 1941/42 ("Endlösung der Judenfrage").

Für ein Buch, das sich primär mit der NS-Krebsbekämpfung befasst, sind das absolut frappierende Einsichten. Sie schälen sich schlussendlich klar heraus, ohne dass der Verfasser dozierte oder gar einen allseitigen Erklärungsanspruch verträte. Diese Meisterleistung von Robert N. Proctor wird durch den leider misslungenen deutschen Titel nicht wirklich geschmälert.

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