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Produktinformation
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Seine Themen sind die großen Sujets der Literatur: Einsamkeit, Krankheit, Tod. Sie spielen in der Schweiz, in Schweden und New York. Stamms Könnerschaft setzt ein, wenn es darum geht, alltägliche Kleinigkeiten genau zu beobachten, die, ohne daß er es explizit erwähnt, zu den großen, oft tödlichen Konsequenzen im Leben eines Einzelnen führen.
In der Geschichte "Am Eisweiher" treffen sich eine Gruppe Jugendlicher, um abends baden zu gehen. Stefanie hat eine Fahrradpanne und ihr hilfsbereiter Freund Urs radelt noch einmal ins Dorf zurück, um die nötigen Werkzeuge für die Reparatur zu holen. Währenddessen vergnügt sich die Schöne mit einem anderen Jungen beim Schwimmen. Es wird dunkel. Die beiden Schwimmer ziehen sich ins Bootshaus zurück und sind nicht erfreut, als Urs plötzlich auch am Bootshaus auftaucht. Keiner von ihnen sagt wenige Stunden später der Polizei, warum der Junge völlig kopflos in den See gesprungen ist, ohne an die Pfähle im Wasser zu denken, die sie alle aus ihrer Kindheit kennen.
Der Reiz: Bei Peter Stamm bleibt immer ein wesentlicher Teil der Handlung unter der Oberfläche seiner Geschichten verborgen, er läßt ihnen und dem Leser ihr Geheimnis. --Manuela Haselberger
Beziehungsgeschädigte Zerebralexistenzen
Peter Stamms beeindruckender Erzählband «Blitzeis»
Manchmal schicken die grossen Krisen, Ernüchterungen und Umbrüche im Leben eine Schrecksekunde voraus: Plötzlich, mitten in der Arbeit, beim Sonntagsausflug, beim Aufschauen von einem Buch oder im blicklosen Blicken auf die anfahrende Trambahn, schlägt wie der Blitz eine Wahrheit ein. Die Wahrheit über einen selbst oder einen andern, eine Freundschaft, eine Liebe, eine Krankheit. Von da an weiss man es besser, gegen alle psychologischen Erklärungs- und Entlastungszusammenhänge: eine Illusion ist verloren, gelöscht, die Leerstelle vereist.
Wie Metallspäne um einen Magneten formieren sich die Texte des neuen Buches von Peter Stamm um solche Leerstellen, Schrecksekunden, Ernüchterungspunkte. «Blitzeis» ist das zweite Buch des 1963 geborenen Schweizers, der für seinen Débutroman «Agnes» von 1998 mit dem Rauriser Literaturpreis ausgezeichnet wurde; es enthält elf Erzählungen von 2 bis rund 20 Seiten Umfang. Sie spielen an verschiedenen Orten der Schweiz, in New York, in Schweden und Italien, und sie handeln von Männern und Frauen zwischen Zwanzig und Mitte Dreissig, die, ganz gleich, wo ihre Heimat ist, in ihrer Selbstzentriertheit einander entschieden ähnlicher sind als die Schauplätze. Alle Texte sind in der Ichform geschrieben, immer ist der Erzähler ein Mann an der Schwelle zum mittleren Alter, immer wird ein Erlebnis rekonstruiert, Wort für Wort, bis ins Feingeäst vergangener Befindlichkeiten, und fast immer hat dieses Erlebnis zu tun mit emotionalen Grenzerfahrungen unter Menschen, die nur Nähe ohne Wärme oder Wärme ohne Nähe zulassen können, weil ihnen die Kraft zur Liebe fehlt.
Sie sind stark im Fürsichsein und Globetrotten, die Figuren Stamms, in ihrer Mehrzahl zumindest, und lieber üben sie sexuelle Askese, als sich der Gefahr von komplizierten Weiterungen eines mehr oder minder angenehm unverbundenen Nebeneinanders auszusetzen. Nüchtern, spröde, emphatisch genau und bei einigen Frauen ironisch ist ihre Rede über Liebe und Nähe. Mit Recht, wie es scheint, denn die bekennend Liebeshungrigen haben die Aura von Untergehern, und das einzige Pärchen, das sich als leidenschaftlich liebendes inszeniert, ist ein Ausbund an falschen Gefühlen.
Misstrauische Solisten
Falsche Gefühle produzieren falsche Zungenschläge, und für die gibt es keine Tarnung in der asketischen Ausdruckswelt von Stamms misstrauischen Solisten. Die sprachliche Konfektion der Stallwärme («Es ist wie ein Wunder, sagte Sandra, das Leben in sich wachsen zu fühlen») wirkt vor dieser Folie ebenso deplaciert und dubios wie das Vokabular des Sexismus («Ach was. Mir gefällt ihre müde Art. Die sind gut im Bett. Ich kenne den Typ») niemals aber decouvriert sich das echte, starke Gefühl, selbst wenn die ungelenke Phrase sein Ausdruck ist. Die einfache Liebessehnsucht der blassen Evelyn in «Was wir können», die zwischen «Puppen in Nationaltrachten» lebt, nichts kann, wenig weiss, nicht einmal raucht oder trinkt, behält auch dann noch ihre Würde, als sie vor dem männlichen Gast, der sich schon geraume Zeit wünscht, «irgendwo anders zu sein, am liebsten zu Hause», allen Mut ihres Lebens zusammennimmt und dann, in einem qualvoll ewigen Augenblick, die Demütigung der Zurückweisung erfährt: «Sie war nur noch in Unterwäsche, weisser Unterwäsche aus einem festen, seidig glänzenden Material. An den Füssen trug sie Hausschuhe. [. . .] Ich legte das Buch neben mich auf das Sofa. Wir schwiegen. Evelyn wurde rot und schaute zu Boden. Dann sagte sie: Möchtest du einen Kaffee? Ich glaube, es ist noch heisses Wasser da. Ja, sagte ich.»
Minuten später, als sie weinend zusammenbricht, bemüht sich der Gast um eine Empfindung, um einen Anflug von Lust, was schon deshalb nicht gelingt, weil ihr Geruch, die Ausdünstung einer Stoffwechselstörung, ihm Ekel verursacht. Er ist zartfühlend, taktvoll, bleibt, bis die Frau sich wieder gefangen hat, freilich auch keinen Augenblick länger, und so weiss man als Leser auch gleich, dass er nicht mehr wiederkommen wird.
Warum der Erzähler diese Erinnerung in sich wachruft, ist offensichtlich: sie handelt von seinem Versagen. Es besteht nicht darin, dass er fehlende Liebe durch Anstand kompensiert hat: was ihn klein macht, ist das Fehlen von Liebe in diesem Anstand, das Haushälterische, Heimwärtsdrängende seiner Zuwendung.
Und so ist es mit all den subtilen Protagonisten bei Stamm: Sie geben immer den kleinen Finger, aber niemals eine hilfreiche Hand. Gross und ungeschützt zeigt sich ein starkes Gefühl bei ihnen allenfalls in Momenten beginnender Entfremdung wie in der Erzählung «Passion», wo zwei Paare, gemeinsam im Urlaub, bemerken, dass längst die Langeweile ihr Miteinander regiert. Maria, die Freundin des Erzählers, zieht als einzige eine Konsequenz, reist ab. Am Abend zuvor aber, in einem «kurzen Augenblick», erinnert sich dieser, «tat sie mir unglaublich leid und mit ihr die ganze Welt und ich mir selbst, und zugleich liebte ich sie mehr als jemals zuvor. Aber ich sagte nichts, und sie stellte das Essen auf den Tisch, und wir assen.»
Das andere Paar bleibt zusammen. Erotische Spannungen gibt es, wenn nicht über Kreuz, so zumindest diagonal, aber in Stamms melancholischem Kosmos stellt sich das Goethesche «Fliehen und Suchen», stellen sich «Wahlverwandtschaften» nicht her. Vielmehr kippt, bei Gefahr der Verwicklung und des Gefordertseins, jedes Begehren, jedes Mitempfinden schlagartig in Unlust, Kälte und Flucht: so wie Blitzeis in einer Dezembernacht die Fernstrassen von jetzt auf gleich in tödliche Rutschbahnen verwandelt.
Gleichwohl wäre nichts von alledem protokolliert ohne Leidensdruck. Stamms Erzähler leisten Erinnerungsarbeit, kühl, beherrscht und unter Begründungs- und Deutungsverzicht, was zugleich heisst: ohne Selbstentlastung. Sie entwerfen sich noch einmal schmerzlich genau, mit der Vagheit ihrer Gefühle, der unverbindlichen Menschlichkeit ihrer Vernunft und der Trägheit ihrer Herzen. Und sie sind dabei keine Monster, sondern von beachtlicher intellektueller Redlichkeit. Könnten wir sie in der ganzen Breite ihrer Lebenszusammenhänge betrachten, würden sich nicht wenige von uns in ihnen wiedererkennen: in etwas beziehungsgeschädigten, etwas anspruchsvollen und, was Sinnlichkeit und Wärme betrifft, ein klein wenig verkorksten Zerebralexistenzen.
Aber auch so, allein durch Kunst, sind die Erzählungen in «Blitzeis» beunruhigend. Der gleichbleibend nüchterne Erzählton verleiht ihnen, indem er ihre streng novellistische Konstruktion stoisch überspielt, den Charakter des Akzidentiellen, Zufallsechten. Durch diese Vermeidung von allem, was in einem äusserlichen Sinne spannungserzeugend wirkt, wird jeder Satz verdächtig, wird jeder Text zu einer Art energetischem Feld, in dem eine Spannung ohne Abfuhr, gleichsam unerlöst zirkuliert. Es herrscht Gewitterstimmung, jede Wendung kann die entlarvende sein. Und oft wetterleuchtet es dann nur, die Entladung vollzieht sich im Ungesagten, in den Zwischenräumen der Sprache: Alles ist klar, aber nichts wird bereinigt.
Verstörung und Klarheit
Verstörung und Klarheit: Mühelos und naturnotwendig erscheinen die Sätze, Bilder, Dialoge dieses Buches, frei von Prätention, voller Doppelsinn und dabei unbeschwert von den Mühen der Metaphorik. Nicht mehr als eine Geste und vielleicht noch eine Redewendung benötigt der Autor, um einen ganzen Menschen mitsamt seinen Schicksalen vor dem Leser erstehen zu lassen, kaum mehr als ein wohlgesetzt-unbedachtes Wort, um einen Charakter ins Zwielicht zu rücken. Peter Stamm versteht sich auf erzählerische Ökonomie. Sie verbindet sich mit allen genannten Vorzügen seiner Prosa zu einer nur selten erreichten Meisterschaft. Es ist die, nach allen Regeln der Kunst kunstlos zu sein jene zweite, höhere Schlichtheit also, die keine Verständnisprobleme aufzugeben scheint und dann doch so verstörend weiterwirkt wie die unlösbaren Rätsel und Widersprüche des Lebens selbst.
So oder ungefähr so erklärt es sich, dass «Blitzeis» zum Bemerkenswertesten gehört, was man gegenwärtig in deutscher Sprache lesen kann.
Andreas Nentwich
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