Ach, diese Amis! Sie erzählen und erzählen und erzählen – oft sehr gut, aber meistens lang und breit – und, husch!, ist das Buch zuende, und man hätte noch so viele Fragen gehabt, die aber offen bleiben. Und wenn man zurückblättert, findet man die wenigen grundsätzlichen Aussagen vor lauter Geschichten kaum wieder. Da aber, laut Nachwort, so viele kompetente Leute das Manuskript vorab gelesen haben, muss es wohl so gewollt sein – ich bin als deutscher Leser wahrscheinlich zu anspruchsvoll...
Aber nun im Ernst:
Dieses Buch verfolgt drei Ziele (S. 20f): Es will helfen,
1. zu begreifen, wie effektiv der "erste Blick" sein kann;
2. unterscheiden zu lernen, wann wir unseren Instinkten vertrauen dürfen und wann nicht;
3. zu begreifen, dass wir unsere Spontanurteile verfeinern und für uns nutzen können.
Das erste Ziel wird zu 100 Prozent erreicht. Dieser Teil überzeugt sehr und ist ein Lesegenuss.
Bei Ziel 2 und 3 gibt es einige hilfreiche Ansätze, hier wirkt das Buch aber leider oberflächlich, bzw. unfertig – was sehr schade ist:
"Blink!" lebt, wie schon erwähnt, im Wesentlichen von seinen faszinierenden Geschichten und Forschungsberichten, und das macht es lesenswert: Es sind in der Tat für den Durchschnittsleser einige wertvolle neue Erkenntnisse dabei, manche geradezu frappierend. Und Gladwell versteht sein Handwerk als (erzählender) Schreiber und Didakt sehr gut. Allerdings machen diese Erzählteile mindestens 85% des Buches aus und leiden an zu großer Ausführlichkeit. Das führte bei mir irgendwann zu Ermüdung. Ich erwartete wenigstens gegen Ende noch etwas mehr Schlussfolgerungen vom Autor selbst, aber nein: Noch eine Story und noch eine... Hat er denn selbst so wenig zu sagen?
Ein Mehr an Tiefe, Systematik und Anwendung hätte dem Buch gut angestanden. Vieles riecht zwar sehr nach Praxis – aber wenn es darum geht, die gewonnenen Erkenntnisse als Leser auf das eigene Leben anzuwenden, bleibt dieser ziemlich allein. Die Übertragung gelingt nur teilweise – eben deshalb, weil die Verarbeitung all der Beispiele nur im Ansatz stattfindet. Das Thema ist großartig, aber es ist nicht wirklich ein Sachbuch daraus geworden, sondern eher eine thematisch geordnete Stoffsammlung mit wenigen eigenen Gedanken des Autors. Das ist zu wenig.
Trotzdem lohnt sich der Kauf, sofern es ein lockerer Ersteinstieg ins Thema mit Unterhaltungselementen sein soll. Weil das Thema eigentlich jeden Menschen betrifft, flüssig zu lesen und auf seine leichte Weise informativ ist, eignet sich dieses Buch auch gut als Geschenk. Gefreut hat mich der gut zusammengestellte Anhang mit einigen Literaturhinweisen zu den Kapiteln – (wenigstens) hier findet sich die Möglichkeit zur Vertiefung. Insgesamt aber wären mehr als drei Sterne geschmeichelt.