Auf dieses Buch wurde ich aufmerksam, als ich die Sendung Kulturzeit auf 3SAT sah. Dort wurde es von Elke Heidenreich vorgestellt und sie fand sehr lobende Worte für diesen Debütroman. Spätestens seit ihrem Urteil über American Psycho hat ihre Meinung für mich einiges an Gewicht und das war sicherlich ein Grund dafür, das ich dieses Buch gekauft habe. Ein weiterer Grund war außerdem die Tatsache, das ich erblinden für mich persönlich als den Supergau ansehen würde. Mit anderen Worten ausgedrückt: Blind zu werden ist tatsächlich so etwas wie meine größte Angst. Blindfisch ist ein autobiographischer Roman, und ich wollte einfach wissen, wie jemand damit umgeht dem dieses Schicksal bestimmt ist. Es ist die Geschichte des Autors selbst, um die es in diesem Buch geht. Jim Knipfel ist nicht von Anfang an blind, sondern er erfährt es erst relativ spät das er an der unheilbaren Krankheit Retinitis Pigmentosa leidet. In seiner Kindheit zeigen sich zwar schon Anzeichen einer Augenschwäche, diese werden aber nicht oder falsch diagnostiziert. Eigentlich spielt dies auch keine Rolle, da der Verlauf der Krankheit sowieso nicht zu stoppen ist. Er wächst in behüteten Verhältnissen auf und erlebt eine glückliche Kindheit, die in Ansätzen schon den Sarkasmus und den unbändigen Willen Knipfels offenbart. Später werden es diese Eigenschaften sein die die Säulen seines Überlebens bilden. Als wäre die drohende Blindheit allein nicht schon schwer genug, wird bei ihm eine weitere Krankheit diagnostiziert, die für seine vehementen Wutausbrüche verantwortlich ist und die er nur mit der ständigen Einnahme von Medikamenten unterdrücken kann.
Beim Lesen musste ich mir Angesichts des tiefschwarzen Humors der manchmal aufblitzt oder der mitunter heftigen Kritik am amerikanischen Gesundheitssystem immer wieder deutlich machen, das dies ein reales Schicksal und keine erfundene Geschichte ist. Umso erstaunlicher wie unsentimental Knipfel den sukzessiven Verlust seines Augenlichtes in Worte fasst. Selbst die Schilderungen über die Selbstmordversuche sind so analytisch, als würde er über irgendjemanden berichten und nicht über sich selbst.
Empfindsamen Zeitgenossen mag Knipfel Stil zu bösartig und scharf erscheinen, und sicher ist er für seine Umgebung nicht immer gerade ein Segen; dennoch bin ich der Meinung, das er das Recht hat, seinen Zorn auf sich, sein Schicksal und die Welt in jeder nur erdenklichen Art und Weise zu verfassen, solange er noch die Gelegenheit dazu hat. Dabei beweißt er echtes Talent zum Erzählen von Geschichten, denn hier sind es oft die eher unspektakulären Ereignisse die so packend geschildert werden, das man wirklich Mühe hat, mit dem Lesen aufzuhören. Natürlich ist die drohende Blindheit das zentrale Thema dieses Buches, aber Knipfels Leben bietet genug Facetten für zahlreiche Exkursionen in andere Welten, denn von der Krankheit mal abgesehen ist sein Leben auch sonst nicht so toll verlaufen.
Ich weiß nicht, ob mir das Buch eine Stütze oder Hilfe wäre, wenn ich von dieser Krankheit betroffen wäre, aber ich erkenne ein gutes Buch, wenn ich es vor mir sehe. Und dies ist ganz sicher eines. Für diesen Mann kann ich nur aufrichtige Hochachtung und Bewunderung empfinden und ich hoffe das er mit dem Schreiben weiter macht.