Aus der Amazon.de-Redaktion
Hört man sich jemandes Geschichte an und will sie dann niederschreiben, ist es das Wichtigste, den Tonfall wiederzugeben, heißt es im Erzählband
Blinde Weide, Schlafende Frau des grandiosen japanischen Erzählers Haruki Murakami. Nur wenn man den richtigen Ton trifft, entsteht eine echte Geschichte. Vielleicht stimmen nicht alle Fakten, aber vielleicht erhöht das sogar die Authentizität. Andersherum betrachtet, gibt es viele Geschichten auf der Welt, die sich genauestens an die Fakten halten und dennoch nicht wahr sind. Solche Geschichten sind meist langweilig, manchmal sogar gefährlich. Ich kann sie schon von weitem riechen. Fast scheint es, als sei in dieser kurzen Passage die Quintessenz von Murakamis ganzem Schaffens enthalten. Denn schlechte Geschichten, ja selbst schlechte Sätze meidet der Autor seit Jahren mit instinktiv wirkender Sicherheit. Auch in
Blinde Weide, Schlafende Frau überall nichts als echte, authentische Geschichten, und überall trifft der Jazzliebhaber Murakami den richtigen Ton.
Überhaupt, der Jazz. Von ihm hat Murakami sein Gespür für den melancholischen Klang abgeschaut, für die richtige Dramaturgie, für die gekonnte, scheinbar sinnleere Abschweifung. In Blinde Weide, Schlafende Frau gibt es reihenweise Selbstmörder, deren Freitode aufgrund fehlender Abschiedsbriefe und ebenso fehlender Motive rätselhaft bleiben, Glückliche Lieben, die einfach im Sand verlaufen, um irgendwann kurz und halbherzig wieder aufgegriffen zu werden, und immer wieder wundervolle Wechsel zwischen Realismus und Phantastik: etwa da, wo ein Mann nachts mit seinem scheinbar selbstständig gewordenen Spiegelbild zu kämpfen hat -- wobei sich am nächsten Tag herausstellt, dass es an besagter Stelle gar keinen Spiegel gab.
Selbst in jenen Erzählungen, in denen scheinbar Psychologie ins Spiel kommt, dient sie Murakami nur als Vorwand für die stets überraschende Beschreibung einer Stimmung oder eines unbewusst verfehlten Lebens. In der vielleicht besten Erzählung des Bands, Der Affe von Shinagawa, geht eine Frau, die ständig ihren Namen vergisst, zur Psychologin. Mit zunächst noch konventionellen Methoden entlockt ihr die Seelenärztin eine Geschichte aus der Kindheit, in der eine Klassenkameradin der Patientin kurz vor ihrem Freitod ihr Namensschild mit der rätselhaften Bemerkung überließ, dass kein Affe es klauen dürfe. Der Affe wird gefunden. Inzwischen hat er nicht nur das Namensschild der Klassenkameradin, sondern auch jenes der Patientin gestohlen. Er kann sprechen und offenbart der Frau die wahren Gründe ihrer Vergesslichkeit. Sie ist geheilt. Zurück bleibt ein melancholischer Abschlussklang -- und das Gefühl, große Literatur gelesen zu haben, in der jeder Ton getroffen ist. --Thomas Köster
Gespräche über Musik enden meist im Streit. Doch bei Büchern können Twentysomethings sich fast immer einigen, schließlich hat so ziemlich jeder seine Murakamis im Regal. Und sie alle finden sich wieder, wenn der japanische Erfolgsautor seine unglücklichen, einsamen Helden in einer unerklärlichen Welt auf Sinnsuche schickt und Alltagssituationen mit phantastischen Momenten und Absurditäten durchsetzt. Blinde Weide, schlafende Frau" ist die bisher beste, vielseitigste und umfangreichste Sammlung der Erzählungen von den 1970er-Jahren bis ins Jahr 2005. Thematisch liefern sie einen repräsentativen Querschnitt durch Murakamis Gesamtwerk - und sind damit auch gute Anfixer für alle vor und jenseits der 20er. (cs)
Pressestimmen
Eigentlich sollte man Murakamis Bücher ein Leben lang lesen können, täglich, immer, ohne Ende ..." Sibylle Berg, DIE WELT Die helle Freude." FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG
Kurzbeschreibung
Murakamis zauberhaftes Universum: Treten Sie ein!
In seinen Erzählungen entfaltet sich Haruki Murakamis ganze Zauberkraft: Zwei verliebte Teenager betrachten im Zoo ein junges Känguruh und entdecken in dessen Jugend sich selbst. Auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch streitet ein Mann mit dem Türhüter über das Passwort. Ein Rollstuhlfahrer verwickelt einen Touristen in die verstörende Auseinandersetzung über Messer und die geheime Mechanik von Familien. Ein Nachtwächter entwickelt nach der Begegnung mit einem Geist Scheu vor Spiegeln. Die Geschichten von Haruki Murakami sind erfüllt von Wundern und Absurditäten, die nach dem Lesen nicht mehr aus dem Kopf verschwinden. Zwischen Geschichtenerzählern, Ehebrechern und menschenfressenden Katzen eröffnen sich verborgene Welten. Haruki Murakami, Kafka-Preisträger 2006, gewinnt aus scheinbar unbedeutenden, alltäglichen Winzigkeiten - geschmolzene Pralinen, ein Zootier, ein Ohrwurmwort - Einblicke in fremde Universen, die niemand kennt und die dennoch seltsam vertraut erscheinen. Wer Haruki Murakamis Storys liest, gleitet in rätselhafte, melancholische Träume, aus denen er verändert erwacht.
Klappentext
"`Blinde Weide, schlafende Frau' ist die bislang umfangreichste Sammlung seiner Erzählungen - und die beste, die vielschichtigste, die faszinierendste."
Rheinischer Merkur
"Die helle Freude."
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
"So etwas nennt man Weltliteratur."
DIE ZEIT
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
.
Über den Autor
Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, die Eltern sind Lehrer für japanische Literatur. Studium der Theaterwissenschaften und des Drehbuchschreibens in Tokyo, aufkeimendes Interesse an amerikanischer Literatur und Musik. 1974 Gründung des Jazzclubs "Peter Cat", den er bis 1982 betreibt. 1978 erste erfolgreiche Buchveröffentlichung. In den 80er Jahren dauerhaft in Europa ansässig (u. a. in Frankreich, Italien und Griechenland), geht er 1991 in die USA, ehe er 1995 nach Japan zurückkehrt. 2006 erhielt Haruki Murakami den Franz-Kafka-Literaturpreis. 2009 wurde ihm der Jerusalem Prize für sein literarisches Werk verliehen.Ursula Gräfe, geboren 1956 in Frankfurt am Main, studierte Japanologie und Anglistik und arbeitet seit 1988 als Literaturübersetzerin. Sie hat u.a. Werke von R.K. Narayan, Haruki Murakami, Yasushi Inoue und Kenzaburo Oe ins Deutsche übertragen, ist Autorin einer Buddha-Biographie und Herausgeberin mehrerer Anthologien. Jedes Jahr verbringt sie einige Zeit in Asien, vor allem in Indien. Ursula Gräfe lebt in Frankfurt am Main.