"Blinde Weide, schlafende Frau" ist mit Abstand der umfangreichste auf Deutsch vorliegende Erzählband Haruki Murakamis. Neben einem Vorwort, in dem Murakami erklärt, wie unterschiedlich er mit (seinen) Romanen und Kurzgeschichten umgeht, bietet das Buch 24 Kurzgeschichten auf 400 Seiten. Diese stammen aus 3 Dekaden (von 1983-2005) und weisen dementsprechend natürlich inhaltlich wie qualitativ eine enorm große Bandbreite auf.
Inhaltlich sind sie aber alle sehr murakamiesk :). Mal sind es alltägliche, aber sehr berührende und intelligente Geschichten über zwischenmenschliche Beziehungen (Tipp: Ein modernes Volksmärchen für meine Generation - aus der Vorgeschichte des Spätkapitalismus), die den Boden des Rationalen nie verlassen. Dem stehen surreale, teilweise schon absurde Geschichten gegenüber, die den Leser zur einen Hälfte absolut verzaubern und zur anderen verwirren.
Qualitativ gesehen ist die Bandbreite ebenso weit gefächert: einige der Geschichten gehören mit zu den besten, die Murakami geschrieben hat, viele (!) reichen aber nicht an seine anderen heran. Der Anteil an Geschichten, bei denen der Funke auf MICH nicht übergesprungen ist, war bisher bei keinem anderen seiner Erzählbände so groß. Dabei kann ich nicht einmal genau sagen, woran es lag. Es fehlte ihnen irgendwie an dieser für Murakami so typischen Magie ... wer Murakami kennt, wird wahrscheinlich wissen, was ich meine, ohne dass ich es gerade besser beschreiben kann ;).
Sprachlich weisen sie alle den für Murakami so typischen schlichten und lakonischen, aber trotzdem intensiven Stil auf; alle Geschichten sind flüssig und einfach zu lesen.
Aus dem Vorwort erfährt man, dass Murakami einige der Geschichten später in seine Romane eingebunden hat. Wer mit seinem Werk vertraut ist, der wird sie in abgeänderter Form in "Naokos Lächeln" (Glühwürmchen), "Sputnik Sweetheart" (Menschenfressende Katzen) und "Mister Aufziehvogel" (Im Jahr der Spaghetti) wiederfinden.
Letztendlich empfehle ich allen Murakami-Anhängern, einmal einen tieferen Blick in das Buch zu werfen. Wenn auch viele Geschichten nicht in der Art überzeugen können, in der es seine anderen tun, so stößt man doch auf ein paar echte Schätze.
Allen, die bisher noch keine Murakami-Anhänger sind, also noch die Qual der Wahl haben und gerade auf der Suche nach Kurzgeschichten sind, würde ich raten, zuerst "Nach dem Beben" (für mich die besten Kurzgeschichten überhaupt!) oder "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah" zu lesen.