Der Blick über die Schulter (dpunkt-Verlag)
Ein Buch, das mich gleich, nach dem ich es aufschlug und los las, fesselte. Ich bemerkte aber sehr schnell: es ist anders. Der Autor, George Barr, gibt eine Menge an Informationen. Er erwartet aber, dass Grundkenntnisse der Fotografie und Bildbearbeitung vorhanden sind. Dann schaute ich auf die Rückseite des Buches und fand bestätigt, für den Anfänger ist es nicht ausgewiesen.
In unserer Fotoclubszene erfahren wir manchmal, dass ein Fotograf ein paar Türchen öffnet und etwas von seiner Erfahrung weitergibt. Das leistet dieses Buch nachhaltiger, es ermöglicht, auch nachträglich noch mal nachzuschlagen. Wie in jedem guten Fotoclub, haben wir natürlich eine kleine eigene Bibliothek mit unseren Lieblingsbüchern, die wir besprechen und gemeinsam aussuchen. Dies Buch von George Barre gehört nun dazu.
Im 'Blick über die Schulter' sind 23 fotografische Themen enthalten, einmal quer durch alles, was fotorelevant ist. Einige Themen davon waren schon einmal vor der eigenen Linse, es bleiben aber viele, die noch als Arbeitsthema offen sind.
Jedes der 23 Kapitel beginnt mit der Definition zum Motiv, mit Tipps zur Aufnahme und Gedanken, wo denn entsprechende Motive zu finden sein könnten und warum es sich lohnt, so etwas zu fotografieren.
Die meisten anderen Fotobücher gliedern sich nach Aufnahme- oder Bildbearbeitungsthemen. Das ist praktisch, um schnell nachzuschlagen, wie sich diese oder jene Technik auf ein Bild anwenden lässt.
Einen ganz anderen Weg geht George Barr, er lässt sich tatsächlich über die Schulter schauen, wie er seine Bilder ersinnt und ausarbeitet. Dabei wird man in erzählender Weise an die Hand genommen und durch die Themenbereiche geführt. Interessant sind auch seine Textpassagen über die Motivsuche und was man sich manchmal trauen muss. Er sagt: 'Suche dir Motive, zu denen du nochmals hingehen kannst'. Damit trifft er genau meine Einstellung.
Passend zum jeweiligen Motiv ergänzen sich spezielle Arbeitsschritte. Photoshoptechniken erklären sich beiläufig speziell fördernd und passend zu den jeweiligen Motiven und Aufnahmen, jedoch nicht als wichtigster Bestandteil. Am Ende sind alle wichtigen Bildbearbeitungsschritte, die man braucht, erklärt.
Jedes Motivthema endet mit einem ausgearbeiteten Bild. Im Text 'Gedanken zum Bild' erfährt der Leser dann, warum dies die endgültige Fassung ist. Es gibt auch eine Einschätzung, ob es sich dabei um ein gutes oder mittelmäßiges Bild handelt. Im Zusammenhang mit den Abhandlungen, wie dies Bild entstand, den Gedanken zum Motiv und der Ausarbeitung, ergibt sich ein nachhaltiger, differenzierter Einblick. Setzt man dies nun in Beziehung zur eigenen Arbeitsweise, so ist ein Nutzen direkt ableitbar.
Gefallen hat mir vor allem die Vielfalt an fotografischen Themen, die alle mit interessanten Motiven gefüllt sind. Gefallen hat mir auch der Gestaltungsansatz, der weggeht von phrasierten Linienführungen und Schnittmustern. Wirkungsvoll wird aufgezeigt, mit welchen Mitteln der Bildbearbeitung Bilder zu erstellen sind.
Das Buch ermutigt, sich mit Bildern zu beschäftigen, sie nicht nur abzufotografieren sondern ihnen hinterher mit der Bildbearbeitung den richtigen gestalterischen Schliff zu geben. So wie es die Altmeister machten, wenn abgewedelt oder nachbelichtet wurde und sich die strahlenden Lichter durch nachträgliches Bleichen einstellten.
Mir wurde durch die Lektüre klar, warum ein Bild eine gut gestaltete Aussage haben muss. Ein Leitsatz ist: Je stärker die Gestaltung, umso weniger gibt es die Notwendigkeit für einen Bildschwerpunkt. Das ergibt diese starken, stillen Bilder, die es lohnt, immer wieder zu betrachten.