Tja, kaum war die CD anno '97 raus, war's leider auch schon vorbei mit Selig. Zu einer Promo-Tour kam es glaube ich gar nicht mehr, weshalb das Album auch von den Fans etwas stiefmütterlich behandelt wurde - zu Unrecht. Alle drei Alben von Selig verfolgen einen eigenen Stil, was so auffällig ist, daß man fast von "akustischen" Konzeptalben sprechen könnte. So auch "Blender" - derselbe drive, Jans extravagante Lyrik, aber diesmal wird der dichte Gitarrenrock durch massiven Einsatz elektronischer Mittel und Drum'n'Bass-Elemente ergänzt. Selig bleibt sich treu, indem es sich nicht treu bleibt. Wenn man sich nach etwas Reinhören an die Platte gewöhnt hat, wird man feststellen, daß sie einen echten Leckerbissen darstellt. Für mich ist "Blender" Eventmusik - Musik für das Frühstück am Sonntagmorgen. Die letzten vier Stücke auf der CD ("Ich geh nochmal spazieren", "Hausprophet", "Asche im Kaffee" und "Unterm Regen") sind meiner Meinung nach die besten, und werden allen gefallen, denen die psychodelischen Lieder auf "Hier" (also alle eigentlich) gut gefallen haben, sie sind nur deutlich langsamer.
Einziger Wehmutstropfen ist die erste Singleauskopplung, "Popstar": Seligtypisch wurde das musikalisch, lyrisch und konzeptionell (im Sinne der Blender-Platte) schwächste Lied ausgewählt - Franz Plasa (der Produzent, heute bei Kungfu zusammen mit Christian Neander), der auch sonst für einige schwache Lieder von Selig verantworlich zeichnet. Popstar soll ein rockiger Reisser sein, ein Lied, daß auf Mainstream-Länge getrimmt ist (3:20) und stilistisch und inhaltlich einfach gar nicht auf die Platte paßt - der Reisser verfehlt sein Ziel, aber er springt als Vorbote des nahen Endes der Band ins Auge...
Insgesamt also ein wahres Kleinod deutscher Rockmusik, daß unbedingt zu empfehlen ist.