Was der Traum zu denken gibt Neuere Publikationen von Jacques Derrida «Im Paradoxon der Möglichkeit des Unmöglichen», so Theodor W. Adorno über Walter Benjamin, «hat bei ihm ein letztes Mal Mystik und Aufklärung sich zusammengefunden. Er hat des Traumes sich entschlagen, ohne ihn zu verraten und sich zum Komplizen dessen zu machen, worin stets die Philosophen sich einig waren: dass es nicht sein soll.» In der Tat zieht sich durch Benjamins uvre wie ein roter Faden der Versuch, die Dimension des Traumes, des Nächtigen, Dunklen und dunkel Bedeutenden für ein Denken der Aufklärung, des Klaren und Hellen fruchtbar zu machen, ohne ihr zu verfallen. Gegen die Regressionen in ein vermeintlich ursprüngliches Terrain des Traumes, wie er sie im Surrealismus nicht minder am Werke sah als in der Archetypik C. G. Jungs, setzte er auf jene Niemandszeit oder Niemalszeit zwischen Tag und Nacht, wenn der Traum nicht mehr herrscht und dennoch im Bewusstsein noch schattenhaft gegenwärtig ist. In Prousts «Erwachen» fand Benjamin sein Leitmotiv: den Augenblick, in dem das Bewusstsein wieder zu sich zu finden beginnt, ohne schon jenen dunklen Kontinent restlos vergessen zu haben, von dem es eben erst zurückkehrte. Aufwachen Was aber Benjamin charakterisiert, charakterisiert Adorno nicht minder. Weshalb Jacques Derridas Einfall, seine Dankesrede anlässlich der Entgegennahme des Theodor-W.-Adorno-Preises der Stadt Frankfurt am Main im Jahr 2001 entlang eines persönlichen Traumes von Benjamin zu entwickeln, mehr als nur ein Einfall war. Unter dem Titel «Fichus» publiziert, belegt sie eindrücklich Derridas Wahlverwandtschaft mit der Kritischen Theorie, zumal der der Protagonisten der ersten Generation. Allesamt eint sie der zuweilen aberwitzig anmutende Versuch, dem alternativlos scheinenden Denken des Faktischen und Eindeutigen ein anderes Denken entgegenzusetzen, das die Nachtseite der abendländischen Rationalität zu dieser Rationalität ins Verhältnis und in ihr Recht setzt. Derrida: «Aufwachen, das Wachen und die Wachsamkeit pflegen, ohne die Bedeutung eines Traumes ausser acht zu lassen, ohne seinen Lehren und seiner Hellsicht untreu zu werden, das bedenken, was der Traum zu denken gibt, vor allem dort, wo er uns die Möglichkeit des Unmöglichen zu denken aufgibt.» Also käme es darauf an, über die Träume zu wachen? Was durchaus die Neugier eines Antonin Artaud geweckt hätte, den Gilles Deleuzes einmal als «Vigilambule», als «Wachwandler», apostrophierte. Anlässlich einer Ausstellung seiner Bilder und Zeichnungen im Museum of Modern Art (MoMA) in New York 1996 sprach Derrida über Artaud, der sich selbst den Beinamen «Mômo», Narr, gab. Weshalb im Titel «Artaud Moma» nicht nur die Referenz zum Ausstellungsort mitschwingt. Der Vortrag Derridas, der nicht zuletzt durch Überlegungen zu Artauds zeichnerischer wie literarischer Auseinandersetzung mit dem menschlichen Gesicht fasziniert, verblüfft indes durch das Eingeständnis einer tiefen Aversion gegen Artaud, gegen das «Doktrinäre» seines Schaffens. Doch bestätigt die Feindschaftserklärung, zumal die an einen «privilegierten», einen «schmerzenden Feind», nur eine eigene und eigentümliche Weise der Nähe: «Die Antipathie widersetzt sich, doch bleibt sie eine Allianz, sie erfordert eine Wachsamkeit des Denkens, und ich wage zu hoffen, dass Artaud, das Gespenst Artauds, sie nicht missbilligt hätte.» Das ist sie wieder: die Wachsamkeit des Denkens, die immer auch dem Anderen gilt, dem Feind, dem Freund. Auf eine durchaus anrührende, zugleich intellektuell luzide Weise protokolliert «Der ununterbrochene Dialog» eine Festrede zum Gedenken Gadamers im Februar 2003 die prekäre Nähe zwischen Derrida und Hans-Georg Gadamer, wie sie sich nach jenem hart geführten Hermeneutik-Streit Anfang der achtziger Jahre zaghaft zu entwickeln begonnen hatte. Ihr ununterbrochener Dialog resultiert, gemäss dem Wortsinn, aus der Unterbrechung einer Unterbrechung: Das Ununterbrochene setzte den Bruch, das Missverständnis und das Missverstehen voraus. Womit man in medias res wäre: In der Auslegung eines Verses Paul Celans (zu dessen «Atemkristall» dieser Band auch eine Interpretation Gadamers enthält) beschreibt Derrida einmal mehr und im Gegensatz zu Gadamer den Dissens als Bedingungsmöglichkeit des Verhältnisses zum Anderen. Paradox gesagt: Nur weil ich ihn missdeute, bedeutet der Andere mir etwas; nur weil er nicht nur ein anderes Ich, sondern anders, ganz anders ist als ich, ist eine Beziehung zu ihm möglich, die ihn nicht zum immergleichen Spiegelbild meiner selbst verzerrt. Nach Babylon Diesen Gedanken entfaltet Derrida auch in der «Einsprachigkeit des Anderen». In der quasi-sokratischen Form eines fiktiven Dialogs umkreist dieser Text zwei radikal gegensätzliche Thesen: «Man spricht immer nur eine Sprache.» «Man spricht niemals nur eine Sprache.» Dem Abkömmling der franko-maghrebinischen Minorität in Algerien stellt sich hier die Frage nach dem Eigenen und Eigentlichen der Sprache, die als «Muttersprache» immer in Gefahr steht, mit den ethnischen Chauvinismen eine unselige Allianz einzugehen. Auch die Muttersprache was durchaus eine Art postbabylonisches Credo darstellte ist immer schon eine Fremdsprache, ist eine Sprache des Anderen und Fremden. Was vor allem auch Maurice Blanchot in seinem Werk unermüdlich akzentuierte. Seiner 1994 erschienenen Schrift «Der Augenblick meines Todes», die seine Beinahe-Erschiessung durch deutsche Besatzer ausgerechnet am 20. Juli 1944 thematisiert, widmet Derrida in «Bleibe. Maurice Blanchot» eine emphatische Lektüre. Darin wird die Frage nach dem unmöglichen Aufenthaltsort («demeure») aufgeworfen, von dem aus die Erfahrung des eigenen Todes bezeugt werden kann. Es wäre das Zeugnis eines Unbezeugbaren: des Überlebens des eigenen Todes, einer Möglichkeit des Unmöglichen eigener Art, die Rilke wohl auf seine Weise mit jenem «todlos» aus der zehnten Duineser Elegie umschrieb. Über Blanchots Denken schrieb Michel Foucault einmal, «dass es jenem mystischen Denken entstammt, das seit den Tagen des Pseudo-Dionysius an den Grenzen des Christentums herumgeisterte; vielleicht hat es sich fast ein Jahrtausend lang unter den Formen einer negativen Theologie verborgen gehalten.» Mag sein, dass Foucault hier eine bisher verborgene Genealogie andeutet, die bei Blanchot, bei Foucault selbst, bei Derrida noch lange nicht endet. Michael Mayer
Nach Gestade ein weiteres Zeugnis der Derrida und Blanchot verbindenden Freundschaft. Blanchots kleine Schrift von 1994, Der Augenblick meines Todes, das den Beinahe-Tod (s)einer Erschießung durch die deutschen Besatzer am 20. Juli 1944 schildert, ist Anstoß für Derrida, die Literatur und ihr Verhältnis zum Tod, das Leiden oder die Passion und das Zeugnis in seinem Verhältnis zu Wahrheit und Literatur, Wahrheit und Fiktion zu befragen. Denn eine Reinheit oder Unschuld des Zeugnisses gibt es nicht; es ist immer der Fiktion bedürftig, schwebt in der Gefahr des Meineids. So auch die autobio-thanatographische Erzählung Blanchots bei aller Freundschaft, Derrida unterläßt es nicht, sich mit den politischen Einsätzen dieser Schrift als möglicher Rechtfertigung auseinanderzusetzen. Am Ende wird nicht nur die Aporie des Zeugen als eines Überlebenden sichtbar, sondern auch die Aporie eines Lebens, das den unmittelbaren Bevorstand des Todes zwar überlebt hat, aber damit auch schon einen Tod gestorben ist.