Kann den anderen Kritikern nur zustimmen, das Buch ist wunderschön - der "Startschuß" zur weitverzweigten Reihe um die Familie Rywig, die zu dem Zeitpunkt noch nicht allzu sympathisch ist, sondern es erst durch Beates Eingreifen wird.
Hauptfigur ist Beate Hettring, die Älteste von acht Geschwistern, ein bodenständiges, sehr vernünftiges Mädchen, das daran gewöhnt ist, Verantwortung zu übernehmen und nicht allzuviel zu erwarten. Übrigens ist sie eigentlich kein "Mädchen" mehr, sondern immerhin 23 - relativ alt für eine Bratt-Heldin, die meisten finden ihre große Liebe spätestens mit 20. Für ihren neuen Job - Haushälterin bei Familie Rywig - gilt sie allerdings als "reichlich jung", bemerkt aber trocken: "Das wird sich ja mit der Zeit geben!" Wie alle Bücher von Berte Bratt ist auch dieses sehr flüssig und amüsant geschrieben.
Familie Rywig besteht zu diesem Zeitpunkt aus dem überarbeiteten Arzt Dr. Rywig, seinem Sohn Bernt (13), den Zwillingen Sonja und Senta (11) und dem Sohn Hans-Jörgen, genannt Hansemann (5) und nicht zuletzt Tante Julie, die seit dem Tod von Frau Rywig den Haushalt geführt hat, nun jedoch zur Kur fährt.
Beate stellt sehr bald fest, daß die Familie nicht glücklich ist, sie haben sich auseinandergelebt und sind sich fremd. Sie macht sich nun daran, die Familie zusammenzubringen. Vor allem kümmert sie sich um Bernt, einen ernsten, verschlossenen Jungen, der viel zu erwachsen für sein Alter zu sein scheint, der aber sehr verletzlich ist - das wird deutlich an einer Verzweiflungstat, zu der er sich eines Tages hinreißen läßt. Außerdem bringt sie dem verzogenen Jüngsten Manieren bei - eine echte "Supernanny" also!
Beate gefällt mir sehr. Sie erlebt einen handfesten Liebeskummer, als sie entdeckt, daß ihr Freund sie vergessen hat (die Enthüllung kommt übrigens beim Friseur, ein wiederkehrendes Muster bei Berte Bratt). Aber sie läßt sich nicht hängen, rennt dem Ex auch nicht nach und macht keine Szenen, sondern nimmt sich zusammen und widmet sich ihrer Arbeit - toll! Und auch, wie sie sich Tante Julie gegenüber verhält - sie ist fair und macht sich und den Kindern klar, daß die Tante nicht aus ihrer Haut kann und ist ausgesprochen nett zu ihr: Bei einem Besuch der Tante sind die Kinder extra wohlerzogen, um zu zeigen, wie gut sie ohne sie auskommen, aber am Ende hat Beate Mitleid und sagt Tante Julie, daß sie es gewesen sei, die die Kinder so gut erzogen habe. Sie beurteilt auch die verstorbene Frau Rywig gerecht, die sehr kaltherzig gewesen sein soll - sie macht sich klar, daß diese Frau ein unglücklicher Mensch gewesen sein muß. Und doch ist Beate kein Engel: Nach ein paar zermürbenden Wochen mit Tante Julie ist sie am Ende und kann nicht mehr - auch das gefällt mir, sie harrt nicht aus, sondern packt ihre Sachen, weil die Situation sie kaputtmacht.
Natürlich gibt es ein paar Kritikpunkte: Die Geschichte ist extrem vorhersehbar - der Arzt ist seit fünf Jahren Witwer, Beate eine gute Ersatzmutter für seine Kinder, na, wie geht das wohl aus??? Und hoffentlich findet nun keiner, daß ich zuviel verrate! Die Darstellung der altjüngferlichen Tante ist auch reichlich klischeehaft -
eben eine verbiesterte alte Schachtel, die keinen Mann abbekommen hat und sich daher um die Kinder von Verwandten kümmert. Wirklich unangenehm berührt hat mich auch, daß nur Sonja und Senta im Haushalt helfen müssen, ihr älterer Bruder Bernt aber nicht - aber das Buch ist ja auch schon alt.
Ein wenig unfair finde ich außerdem, daß die Schuld am unglücklichen Familienleben der Rywigs auf die verstorbene erste Frau Rywig geschoben wird. Zu einer glücklichen Ehe gehören immerhin zwei, und es ist auch deshalb unfair, weil die Verstorbene sich nicht mehr verteidigen kann und man ihre Sicht der Dinge nicht erfährt.
Ansonsten ein rundum gelungenes Mädchenbuch.