... und damit meine ich nicht nur die zahlreichen Schandtaten, die Dickens in seinem opulenten Kriminalroman schildert, sondern vor allem die Tatsache, dass dieser (verglichen mit der Popularität eines "Oliver Twist" oder der "Weihnachtserzählungen") ein so unbekanntes Werk ist. Ich habe zwar noch nicht alle von Dickens Romanen gelesen, glaube aber, mir das Urteil erlauben zu dürfen, dass diese mir noch fehlenden Romane definitiv nicht mehr viel besser sein können als "Bleakhaus". Dieser Roman übertrifft wirklich (fast) alles, was ich jemals gelesen habe. Gewisse Qualitäten (sagenhafte Erzählkunst, rührende Schicksale, großes Einfühlungsvermögen, brillante Charakterzeichnung, bissige Sozialkritik, die auf sämtlichen Ebenen zuschlägt) kann man ja bei allen von Dickens' Werken voraussetzen - aber in "Bleakhaus" erreichen sie bereits eine erstaunliche Perfektion. Dazu kommt die großartige Handlung, welche sowohl durch Spannung als auch durch bemerkenswerte Komplexität besticht. Es ist einfach wunderbar, sich von Dickens von einem nebligen, trüben November-London in das vornehme Chesney Wold, das friedliche Bleakhaus, den düsteren Gerichtshof, in das beängstigend-heruntergekommende "Ghetto" Tom All Alone's und in ein kleines bürgerliches Lädchen führen zu lassen - die Handlung beleuchtet sowohl die Irrungen und Wirrungen der Justiz, als auch die vernachlässigte Gosse Londons, als auch die damalige High Society. Und durch diese eigentlich sehr unterschiedlichen Handlungsorte spinnt sich der Prozess Jarndyce contra Jarndyce, welcher sozusagen den roten Faden der Geschichte bildet und sämtliche der unzähligen Charaktere des Romans miteinander verbindet: Die Ich-Erzählerin Esther, der freundliche Mr. Jarndyce von Bleakhaus, seine Mündel Ada und Richard, die adelige Familie Dedlock, der Waisenjunge Jo, das bürgerliche Ehepaar Snagsby, Mr. Jarndyce' kindlicher Freund Mr. Skimpole, der Arzt Allan Woodcourt...
Es ist ein Vergnügen, der Handlung zu folgen und zu beobachten, wie ein Mosaik nach dem anderen langsam die anfangs etwas verworrenen Handlungsstränge ordnet und zu einem großen, prächtigen Gemälde wird, das sich niemand entgehen lassen sollte. Darum empfehle ich unermüdlich, sich von der hohen Seitenanzahl (ca. 850 Seiten, 1030 Seiten in der Insel-Ausgabe) nicht abschrecken zu lassen - jede Minute, die man in diesen Roman investiert, lohnt sich!