Aus der Amazon.de-Redaktion
Na, ganz so ist es natürlich nicht. Immerhin sind wir in einem neuen Roman der 36-jährigen Erfolgsautorin und Stern-Journalistin Ildikó von Kürthy (Mondscheintarif, Herzsprung, Freizeichen). Aber am Anfang von Blaue Wunder sieht eigentlich alles noch ganz glücklich aus. Denn Elli ist verliebt. Martin heißt der Auserwählte, auch er zeigt Anzeichen schwerster Verliebtheit, und Ellie ist wild entschlossen, den Mann fürs Leben nicht gleich am Anfang zu überfordern. Dann aber hätte Martin den Überforderungsspieß fast umgedreht. Denn er hat tatsächlich eine sorgsam verschwiegene Verlobte. Und in vier Wochen will er mit ihr die Stadt verlassen! Klingt nach vielen neuen Problemen. Und nach wenig Zeit für Elli, den Herrn ihres Herzens mit allerlei Tricks und Kniffen zurückzuerobern. Wer der drei Beteiligten dabei am Ende der mit zahlreichen Schwarzweißfotos gespickten Story sein blaues Wunder erlebt, wird hier nicht verraten.
Offenbar hat Ildikó von Kürthy keine ernsthafte Sorgen -- zumindest keine mit Männern. Warum sonst hätte Sie Blaue Wunder Schon wieder: für meinen Sven widmen sollen? Aber sie muss im Laufe ihres Lebens viel erlebt haben mit dem anderen Geschlecht. Denn auch ihr neues Buch kommt überaus wahr, charmant und witzig daher. Und während des vergnüglichen Lesens erfährt man viel über die Seele der modernen Single-Frau. Und über die Seele des modernen Single-Mannes auch. --Isa Gerck
Hörbuch-Rezension
Die Story ist ziemlich einfach und schnell erzählt. Elisabeth hat in Martin, einem hanseatischen, reichen Sohn, ihren Traummann gefunden. Seit sie ihn durch einen Fastunfall kennen gelernt hat, vertraut sie ihrem Tagebuch ihre Gefühle an. Eli, wie sie die meisten ihrer Freunde sie nennen, hat bereits einige Beziehungen hinter sich und ist es langsam leid, immer mit dem Spruch Ich bin noch nicht für eine neue Beziehung bereit! abgespeist zu werden. Die Zeit läuft ihr davon. Leider hat Martin, in dessen Wohnung sie seit ihrer Ankunft in Hamburg meistens lebt, vergessen, sie über seine Verlobte zu informieren
Abwechslungsreich und kein bisschen eintönig versetzt sich die Autorin und Sprecherin in die Protagonistin. All ihre Probleme die Figur betreffend, ihre Ängste, zu langweilig zu sein, lässt Kürthy lebendig werden. Gekonnt wechselt sie zwischen den Tagebucheintragungen und der harten Realität. Für alle Frauen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, ist ihre Interpretation mit Sicherheit eine kleine Offenbarung. Ja, ich bin nicht allein!, denken sich die Zuhörerinnen wohl. Die unerwartete Wende auf der Suche nach ihrem Prinzen klingt, untermalt mit all den zeitgemäßen Ingredienzien wie dem schwulen Vermieter Erdal, der Freundin Petra und dem Stylisten, einem Ex von Erdal, der die Protagonisten für eine Nacht zur unwiderstehlichen Sexbombe werden lässt, glaubwürdig und echt.
Fazit: Amüsante Geschichte über die Sorgen und das Glück der modernen Frau. Von der Autorin selbst gelesen!
Autorenlesung, Spieldauer: ca. 139 Minuten, 2 CD. --culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Audio CD .
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Blaue Wunder von Ildiko von Kürthy. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
überfordern?»
Entweder mache ich mir Sorgen oder was zu essen. So war das eigentlich immer in meinem Leben. Appetit, außer auf alles, was gesund ist, und Probleme, meist in Form von Männern, die Sachen sagen wie: «Elli, es liegt nicht an dir, ich bin einfach noch nicht bereit für eine neue feste Beziehung» das waren jahrelang meine zuverlässigsten Weggefährten. Jetzt haben mich diese beiden Begleiter urplötzlich verlassen. Ich habe keinen Hunger und keine Probleme mehr. Schwer zu glauben. Ich betrachte wohlwollend meine Oberschenkel und die fremde Stadt, die mir zu Füßen liegt. Wahrscheinlich ist es schon nach zehn und eigentlich zu kalt, um hier draußen im Dunkeln zu sitzen. Aber ich kann nicht genug bekommen von dem Anblick. Keine Stadt noch meine Schenkel haben jemals besser ausgesehen. Der Blick von hier oben reicht bis zur Alster.
Die Baumkronen enden weit unter meinem exklusiven Hochsitz, und ich kann in helle, edle Wohnungen mit Parkettboden und indirekter Beleuchtung schauen. Über mir gibts nur noch Himmel. Und eigentlich, wenn ich an dieser Stelle mal so rührselig sein darf, ist für mich derzeit überall Himmel.
Vor vierzehn Tagen, sieben Stunden und vierunddreißig Minuten hat sich mein Leben verändert. Das weiß ich deshalb so genau, weil meine Uhr bei dem Unfall stehen geblieben ist. Und bei dem Unfall habe ich mich verliebt. In einen Mann mit rötlichen Haaren und Dachterrasse. Unbekanntes Terrain für mich, das eine wie das andere.Vor schierer Aufregung habe ich in kürzester Zeit massiv an Umfang verloren, habe Oberschenkel wie zuletzt als Sechzehnjährige, als ich noch regelmäßig Sport trieb, und einen Körperfettanteil wie zu Zeiten, als man den noch gar nicht messen konnte. Alles ist gut. Ich bin glücklich. Und das ist mir schon lange nicht mehr passiert.
«Hast du einen besonderen Wunsch?»
Ich tauche träge aus meinen Dachterrassen-Gedanken auf.
«Mmmmh, ich bin gerade so glücklich. Irgendwas mit möglichst vielen Toten wäre schön.»
«Elisabeth, du bist wirklich seltsam. Aber großartig seltsam. Bin in zehn Minuten wieder da. Bis gleich!»
Die Tür fällt ins Schloss, und ich lausche seinen Schritten im Treppenhaus hinterher.
Niemand, außer meinem Erdkundelehrer, hat mich je ungestraft Elisabeth genannt. Aber auf einmal gefällt mir sogar mein eigener Name. Auf einmal gefällt mir alles. Ich bin eine völlig verrückte Verliebte, und ich denke, dümmlich vor mich hin lächelnd, an die Armee dunkelblauer und dunkelgrauer Pullunder, die in seinem Schrank hängt.
Ich konnte Pullunder noch nie leiden. Ich finde, darin sieht jeder Mann aus wie der Bundespräsident, wenn er morgens im Frühstücksraum von Schloss Bellevue zusammen mit seiner Gemahlin für den Fotografen einer Frauenzeitschrift so tut, als schenke er sich gerade Kaffee nach. Mit Martin und seinen Pullundern ist das aber komischerweise ganz anders. Sie verleihen ihm zwar eine seriöse Ausstrahlung, wirken aber dennoch an ihm wie Reizwäsche, erregend und seine natürliche Männlichkeit hervorhebend.
Oder nehmen wir sein Autokennzeichen: HH-WC 2. Das ist natürlich völlig indiskutabel. Und die Tatsache, dass sein Vater mit HH-WC 1 rumfährt, macht die Sache nur noch schlimmer. Aber bei meinem Liebsten empfinde ich diese Autonummer als
überlegene, selbstironische Anspielung auf seine berufliche Tätigkeit, von der er sich dadurch liebevoll distanziert. Martin ist Juniorchef eines Sanitärgroßhandels. Sein Vater ist, durch das Kennzeichen WC 1 unschwer zu erahnen, der Seniorchef. Tja, mein neuer Freund ist Herr über Mischbatterien und Toilettenspülungen.
Was soll ich sagen? Auch kein Beruf, den ich in der Spalte «Welcher Arbeit sollte Ihr Traummann nachgehen?» eingetragen hätte. Aber wie egal einem so was alles wird, wenn das Herz vor Liebesglück weich und milde gestimmt ist. Mit einem Mal überlegst du, warum dir nicht längst aufgefallen ist,wie faszinierend das Sanitärbedarfgewerbe im Grunde genommen ist. Und du fragst dich, warum es dir bisher entgehen konnte, wie zauberhaft Haare mit einem leichten Rotstich im Licht der Morgensonne glänzen.
Mir ist völlig klar, dass ich den Verstand verloren habe. Natürlich habe auch ich in Frauenzeitschriften gelernt, dass die erste Phase der Verliebtheit Serotoninmangel im Gehirn verursacht.
Dass Wahrnehmung und Verhalten gestört sind und die Symptome insgesamt einer ernsthaften psychischen Störung ähneln. Aber mir ist egal, ob ich krank bin, wenn die Begleiterscheinungen an dieser Stelle sei das Zauberwort Appetitlosigkeit erwähnt allesamt so attraktiv sind. Ich meine, ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal gesagt habe: «Ich bin satt.» Schon gar nicht, während ich vor einem Teller Lasagne gesessen habe. Wann bin ich das letzte Mal lächelnd aufgewacht?
Wann habe ich das letzte Mal auf dem Klo gesungen?
Wann hat eine Tafel Vollmilchschokolade mit ganzen Nüssen in meiner Gegenwart länger überlebt als ein paar Stunden? Das sind doch Beschwerden, die man möglichst ein Leben lang behalten will!
Ich sollte mir eine Decke holen, aber ich bin zu faul und zu glücklich, um jetzt die Treppe zum Wohnzimmer runterzusteigen. Nehme lieber noch ein Schlückchen Wein, bestimmt ein guter. Ich stelle mir vor, wie Martin den Abendrothsweg entlanggeht. Fünfhundert Meter bis zur Kreuzung. Wie er die sechsspurige Hoheluftchaussee überquert. Wie er die Videothek betritt und keine Ahnung hat, dass mein Zimmer direkt darüber liegt. Warum hätte ich ihm davon erzählen sollen? Diese Bleibe ist sowieso nur eine Übergangslösung, wie ich hoffe. Und Martin hat nie nachgefragt. Als wir uns kennen lernten, hatte ich meine genaue Adresse nicht parat, und als wir uns besser kennen lernten, schämte ich mich für meine genaue Adresse ein bisschen.
«Ich wohne vorübergehend bei einer Freundin, bis ich was Eigenes habe.» Damit hatte er sich zufrieden gegeben. Dass es sich bei der Freundin um einen untersetzten und massiv neurotisch veranlagten halbtürkischen Homosexuellen handelt, hatte ich vorsichtshalber verschwiegen. Auch hatte ich nicht erwähnt, dass ich nur sechshundert Meter Luftlinie von Martins Dachgeschosswohnung entfernt lebe, aber dennoch in einer anderen Welt, nämlich auf achtzehn Quadratmetern, im ersten Stock. Mein Zimmer ist das nach vorne raus, mit Doppelverglasung und Aussicht auf die zwei Busspuren und die Aral-Tankstelle gegenüber.
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ldikó von Kürthy, Blaue Wunder
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