Max Frischs Erzählung "Blaubart" erschien erstmals 1982 und wurde zu einem der letzten literarischen Beiträge des großen schweizerischen Autors. Zum Charakter des Spätwerks von Max Frisch zählt eine auf das Elementarste reduzierte, weitgehend ebenmäßige Handlung sowie eine starke und unmittelbare Innenansicht der Figuren. Die Isolation und der Tod rücken thematisch stark in den Vordergrund. All dies verbindet "Blaubart" mit dem drei Jahre zuvor erschienenen "Der Mensch erscheint im Holozän". Doch während letztere Erzählung noch einmal einen echten Höhepunkt im Schaffen Frischs darstellt, weist "Blaubart" einige Schwächen auf.
Im Wesentlichen geht es in "Blaubart" um die Präsentierung der Gedanken des Mediziners Dr. Schaad. Dieser schildert Eindrücke seiner Gerichtsverhandlung, da er des Mordes an einer seiner insgesamt sieben Ehefrauen angeklagt, jedoch freigesprochen wurde. Während der Reflexion über die Gerichtsverhandlung erkennt Dr. Schaad jedoch, dass er - wenn auch nicht in juristischem Sinne schuldig - in seinem Leben dennoch versagt hat. "Es gibt kein gemeinsames Gedächtnis", reflektiert er über die bisherigen Gattinen; seiner Melancholie versucht er zu entfliehen, erkennt jedoch: "Was auch nicht hilft: Alkohol".
"Blaubart" liest sich aufgrund der stets schlicht-poetischen Sprache und der Struktur erlebter Rede und innerer Monologe, die sich mit Schilderungen des Gerichtsverfahrens abwechseln, und somit Gegenwart und Vergangenheit in ein sehr kurzweiliges Wechselspiel bringen, sehr flott durch. Das Ganze ist jedoch alles andere als eine Kriminalgeschichte, von daher darf man fragen, was den Klappentexter des Suhrkamp-Verlags geritten hat, Hans Mayer zu zitieren, der einen Vergleich mit Agatha Chrisie und Simeon anstellt.
Neben der erwähnten Kurzweil, hat der Leser die ganze Zeit über das Gefühl, Frisch möchte einem etwas sagen, aber letztlich tut er es doch nicht. Schaad erkennt, seit seinem 14. Lebensjahr sich nicht mehr unschuldig zu fühlen - ein Grund wird nicht genannt. Man darf vermuten, dass diese Schuld mit dem generellen Menschsein zu tun hat, doch ein solcher Diskurs bleibt im dicken Nebel verborgen.
Fazit: Die großen Texte Frischs stehen deutlich über dem "Blaubart". Weniger als vier Sterne dürfen es aber allein schon wegen der heiter ironischen Sprache und der melancholischen Grundstimmung nicht sein.