... kommt Niall Murtagh daher mit seiner persönlichen Japan-Kritik. Der gebürtige Ire ist von Natur aus eigentlich Weltenbummler und doch war er jahrelang "Salaryman" bei Mitsubishi. Das Leben eines Büroangestellten in Japan ist so ziemlich das Gegenteil von Weltenbummelei - der Kontrast könnte größer nicht sein. Doch Niall Murtagh hat das Angestelltendasein aus Liebe zu Japan und seiner Frau dreizehn Jahre lang ausgehalten. Er weiß also genau, wovon er schreibt.
Wenn Sie "Darum nerven die Japaner" mochten, werden Sie auch dieses Buch lieben, wobei es zusätzlich reizvoll ist, wie unterschiedlich zwei Autoren über das gleiche Thema schreiben. Beide stört oft genau dasselbe an den japanischen Gepflogenheiten. Doch wo der Deutsche laut polternd und geradeheraus anprangert, was ihm nicht gefällt, bringt der Ire mit feingeschliffenem etwas hintergründigem Witz seine Kritik an, weil er möglichst niemanden direkt verletzen will.
Jeder Japan-Fan und Geschäftsmann kann aus Murtaghs wunderbarem Buch lernen, wie es in japanischen Großkonzernen zugeht. Wobei die Lektüre eine Menge liebenswerte und auch unfreiwillig komische Details aus dem japanischen Arbeitsalltag bereithält. Der Kern des so amüsant und scheinbar leichtfüßig daherkommenden Buches ist jedoch ernst und enthält folgende tiefe Wahrheit, die für sämtliche Konzerne der Welt gilt:
Konzerne sind nichts für idealistische Kreative, die etwas Sinnvolles leisten und wirklich etwas bewegen wollen.
Die vermeintliche Sicherheit, den Job lebenslang zu behalten, muß mit einem Verlust der Freiheit und Eigenständigkeit bezahlt werden. Der Angestellte vergeudet kostbare Lebenszeit mit ständig wuchernden Verwaltungstätigkeiten, die hauptsächlich seiner eigenen Überwachung durch die Firma dienen. Der lebenslang Angestellte muß sich auch versetzen lassen und umziehen, wann immer es dem Arbeitgeber paßt, wobei der Zweijahresrhythmus von Mitsubishi noch relativ großzügig erscheint. Jeder Büroraum und Quadratzentimeter Platz auf dem Schreibtisch wird streng rationiert. Gute Ideen der Angestellten bleiben im Hierarchiegeflecht stecken, während unterwürfige, rückgratlose Schleimer aufsteigen.
Hochinteressant und aktuell ist auch gerade wieder das Geschäftsverhalten von Mitsubishi und anderen Großkonzernen, wie auch Siemens, worüber in diesem Buch ebenfalls berichtet wird: Man pflegt die gewachsenen Bezieheungen, ähnlich wie alte Herrscherclans es früher taten, und es finden heimliche Absprachen statt. Mitsubishi und Siemens sind nur einige Konzernnamen, die in jüngster Vergangenheit wieder im Zusammenhang mit Wettbewerbsverzerrung durch Preisabsprachen in der Presse standen.
In einem traditionsbewußten und dicht besiedelten Land wie Japan ist die Reglementierung des Lebens ganz besonders ausgeprägt und geht an vielen Stellen in einengende Bevormundung über. Niall Murtagh rechtfertigt sich zwischendurch immer wieder selbst, wie er als freiheitsliebender Weltenbummler so etwas insgesamt dreizehn Jahre lang aushalten konnte. Aber am Ende hat er uns dafür ein wunderbares Buch über seine Zeit als "Salaryman" in einem japanischen Großkonzern hinterlassen.
Ein Buch für Japan-Fans, das sich auch prima als Managergeschenk eignet.